? Wir sind so alte einsame Menschen geworden – « » Die nichts weiter haben als die Erinnerung ! « ergänzte er . » Und wenn so zwei der Zufall einmal zueinander bringt , dann sollen sie ein bißchen spazieren gehen in dem Paradies der Vergangenheit . Das Recht haben sie wahrlich , eben weil sie alt geworden sind und weil alles in dieser Erinnerung so rein und so wunderschön und traurig ist . – Und jetzt fangen wir an bei jenem Herbstabend , wo wir unter der Linde in Ihres Vaters Garten auf immer Abschied genommen haben bei Nebel und Regen und beide geweint haben um unser zerstörtes Glück . Sie , Helene , recht herzbrechend in Ihr weißes Tüchlein und ich über Ihrem blonden Köpfchen an meiner Brust . Sie werden ' s nicht gemerkt haben , aber ich gestehe es gern ein , es waren die letzten Tränen in meinem Leben , sie haben alles Weiche in mir mit fortgenommen . Und nun sagen Sie , Helene , was brachte das Leben Ihnen nach jener Stunde ? « Sie legte den feinen Kopf gegen die Lehne des Sessels und sah an ihm vorüber aus blassem Gesicht . » Nichts ! « sagte sie halblaut . Es schauerte sie selbst dabei , als sie in ein Wort faßte , was doch jahrelange Sehnsucht und Einsamkeit für sie bedeutete . Wie er schwieg , fuhr sie murmelnd fort : » Ich habe Vater gepflegt bis zu seinem Tode . Dann habe ich unser altes Haus zugeschlossen und bin hierher gezogen , – das ist alles . « Nun blieb es so still , daß man die Uhr auf dem Schreibtisch ticken hörte . Endlich fragte sie wieder und ihre Stimme klang wie aus weiter Ferne her : » Ich weiß , Ihre Frau ist gestorben , Wendenfels . Aber ich weiß nicht , ob Sie allein geblieben sind oder ob Sie Kinder haben . « » Eine Tochter habe ich , « antwortete er mit leiser Stimme . » Kann ich sie sehen ? Wo ist sie . « Er schüttelte den Kopf . » In einem Sanatorium ist sie , das arme Ding . « » Krank ? « Helene richtete sich empor und sah dem Mann ins erblaßte Gesicht . » Unheilbar ist sie , – das heißt , die Lähmung ist unheilbar , 19 sagt der Arzt . Sie kann lange leben in ihrem Siechtum . Übrigens , sie soll bald zu mir kommen mit einer Pflegerin , « fuhr er fort . » Ich mietete diese Wohnung schon ihretwegen . Sie mag nicht mit dem Rollstuhl auf die Straße , – hier ist der Garten . Ich 20 warte immer auf die Nachricht , daß sie mir schreibt : Ich komme , Vater ! – aber bis jetzt vergebens . « » Warum ? Hält der Arzt für besser , wenn sie noch bleibt ? « » Nein , sie selbst . Sie will nicht zu mir kommen , « antwortete er und fuhr dann rasch fort : » Wir haben einen Versuch gemacht , wir wollten beide gern . Aber sie wurde blässer und elender , als sie schon ist , bei mir . › Es ist so kalt bei dir , Papa ! ‹ sagte sie . – In der Anstalt hat sie junge Gefährtinnen , hat sie weiblichen Zuspruch , – ich bin ein so stiller Mensch geworden , Helene . Alles , was mir das Leben gebracht hat an Enttäuschungen , Sorgen und Widerwärtigkeiten , das pflege ich auszuschweigen . Das hat mich finster gemacht . Und darunter leidet sie , das macht sie kränker . – . Und , bei Gott , ich hänge an dem armen Geschöpfchen , fühle mich so schwer verantwortlich für sie , möchte alles tun – und all mein Werben bei ihr ist umsonst . « Er saß jetzt ihr gegenüber in dem Sessel , und in seinem Gesicht zuckte und arbeitete es in mühsam verhaltenen tiefen Seelenschmerzen . Es war gut , daß die alte Dienerin meldete , der Tee sei serviert . Er richtete sich empor und bot mit einem schwachen Versuch zu lächeln Helene den Arm . Sie saßen sich dann gegenüber im Speisezimmer , der Schein der Hängelampe lag auf ihren mit Silberfäden durchzogenen Haaren und zeigte ihnen die ernsten Linien um Auge und Mund , die die Zeit hineingezeichnet hatte . Ja , sie waren alt geworden und das Leid war durch ihr Leben getreulich mit ihnen gegangen von jener Stunde an , da sie sich trennten ! Helene aß und trank mechanisch ein wenig . Sie stieß auch mit ihm an , als er ihr ein Glas bot mit goldenem Rheinwein . » Auf unsere Jugend , Helene ! « sagte er dabei . Ihr war zum Weinen bange und schwer in diesem Moment , und das durfte nicht sein , sie durfte nicht weich werden ! In gezwungener Lustigkeit nahm sie nun ihr Glas . » Und auf gute Nachbarschaft ! « sagte sie lachend , obgleich ihr das Wasser in den Augen stand . » Herr Gott , ja ! « antwortete er . » Und darauf , daß unser Wiederfinden kein Traum gewesen ist morgen früh , wenn wir erwachen ! « 21 » Nein , nein ! Sie werden oft genug an meine Existenz erinnert und gestört werden , denn mein Klavierspiel habe ich nicht aufgegeben ! « rief sie munter . » Spielen Sie noch immer Beethoven , Helene ? « » O freilich ! « sagte sie . » Ja , der alte Herr war auch nicht unschuldig an unsrer Liebe . Meine Geige existiert ebenfalls noch . Da , sehen Sie – « er wies durch die offene Tür des Erkerzimmers nach einem Tischchen neben dem Violinpult . » Aber sie hat Ruhe , ich habe niemand , der mithält . « » Das wäre am Ende der Moment , wo wir