dem Städtchen , verlegt . Und der Einsiedler , der sich sonst schroff und abweisend der fürstlichen Huld gegenüber verhielt , machte in diesem Falle eine Ausnahme und nahm es dankbar an , sein Leben dort beschließen zu dürfen . Nach seinem Tode fiel das Haus an die Herrschaft zurück , laut einer Clausel im Testamente des Prinzen Christian aber blieb es unbenutzt stehen ; die Zimmer wurden belassen wie zu Lebzeiten des Besitzers , und nur selten sah die gewölbte Halle einmal eine bunte Jagdgesellschaft , wenn gerade in diesem Revier gejagt wurde und die Zeit zu einem Imbiß gar zu knapp bemessen war , um nach dem eine Meile entfernten Jagdschlößchen zu fahren . Und allmählich schwand das Interesse für den Mann , über den seiner Zeit das ganze Ländchen den Kopf geschüttelt . Die Alten starben , und die Jungen nahm das Leben mit all seinen Anforderungen an die rastlos klopfende Brust . Auch ich hatte lange nicht an den längst begrabenen Uronkel im grünen Harzwalde gedacht . Gestern Abend nun hatte plötzlich Onkel Oberförster das Gespräch wieder auf jenen Mann gebracht , mir , nachdem Manches hin und her geredet worden , ein Päckchen vergilbter Papiere übergeben und mir mit fast feierlichem Tone gesagt , ich möge sie dort lesen , wo diese Zeilen dereinst geschrieben seien – im rothen Hause ; es sei die Lebensgeschichte des Verstorbenen . „ Ich bin noch nicht gar lange im Besitze des Manuscriptes , hatte er hinzugefügt , „ durch einen wunderlichen Zufall kam es in meine Hände ; der Pastor in Bergerode – doch das erzähle ich Dir ein anderes Mal . “ Und dort unten am Ende des schattigen Weges , tief hineingebettet in des Buchenwaldes Schweigen , tauchte nun das rothe Gemäuer des einsamen Hauses auf ; plump und unschön lag es da mit seinem runden ziegelgedeckten Thurme und den unregelmäßigen Fensterreihen . Eine tiefausgetretene Sandsteintreppe führte zu der hohen Hausthür , auf jeder Seite hielt eine uralte knorrige Linde Wacht , mit einem steinernen Ruhebänklein darunter . Es mochte wohl schon Jahrhunderte überdauert haben , dieses einsame Jägerhaus , und Zeuge gewesen sein der Waidmannslust längst dahingegangener Geschlechter . Meine Cousine schritt jetzt etwas rascher voran unter den hochaufstrebenden Buchen ; die durch das Blättergewirr fallenden Sonnenstrahlen huschten goldig über ihre schwebende Gestalt und ich blieb stehen und sah sie die moosbewachsenen Stufen der Treppe emporschreiten , die reizendste Staffage zu dem alten Hause . Dann schaute sie sich nach mir um . Ueber ihr krönte ein prächtiges Hirschgeweih die hohe eisenbeschlagene Thür , auf deren einem Flügel ein Käuzchen festgenagelt war , das Gefieder von Sturm und Zeit zerweht und zerzaust . Die in unzählige kleine Scheiben geteilten Fenster blickten schläfrig und erblindet in das üppige Waldesgrün hinaus ; Haselbüsche und junger Buchennachwuchs hatten sich bis dicht an die alten Mauern gedrängt und schauten neugierig in die Fenster hinein , den Sonnenstrahlen jeglichen Eingang verwehrend ; es wehte schier ein zauberhafter Friede um dieses alte Jägerheim . Frieda war ungeduldig geworden . „ Kommst Du ? “ rief sie , und ließ den eisernen Klopfer der Thür auf die Metallplatte fallen , daß der Schall dröhnend aus dem Hause zurückhallte . Ein Schwarm Dohlen erhob sich vom Thurme , umkreiste ihn erschreckt und schwang sich dann kreischend in den blauen Himmel empor , von innen aber erscholl heiseres Hundegebell und gleich darauf ein freudiges Schnuppern hinter der Thür . „ Diana , Diana ! “ rief das Mädchen leise , „ geh , hole den Alten ! Es ist Besuch draußen . “ Bald hörten wir schlürfende Tritte , ein Schlüssel wurde kreischend herumgedreht , und ein alter gebückter Mann mit silberweißen Haaren und eigentümlich scharfen Augen , die den Jäger sofort kennzeichneten , öffnete die Pforte . „ Das ist mein Vetter Ulrich , Wendenburg ! Er will das rothe Haus sehen , “ begann Frieda und überschritt die Schwelle . „ Vater läßt bitten , Ihr sollt ihm die Zimmer des alten Herrn aufschließen . – Ich komme zu Eurer Frau ; hoffentlich ist ' s nichts Schlimmes ? “ „ Schön Dank , “ antwortete der Alte brummig , ohne mich eines Blickes zu würdigen ; nur die Thür öffnete er etwas weiter , um mich einzulassen . Wir waren indessen in einen hallenartigen Flur getreten , der reich decorirt war mit Hirschgeweihen und Rehkronen ; über einem hohen Kamine hing das nachgedunkelte Oelbild eines verwegen dreinschauenden Mannes in mittelalterlichem Jagdcostüme ; Hundeköpfe und ein schnaubendes Pferdehaupt mit fliegenden Mähnen schaueten ihm zur Seite von der Wand herab . „ Hakelnberg , der wilde Jäger , “ erklärte Frieda beiläufig , und bedeutete mich , dem vorausschreitenden Alten ein paar ächzende Stufen hinauf zu folgen . Der Hund raste wie toll hinter ihm drein und sprang an ihm empor , als er jetzt stehen blieb , um in einer gewölbten Nische der ungefügen Mauer eine niedrige Thür aufzuschließen . Gebückt trat ich hinter Frieda ein . „ So , da hätte ich Dich hergebracht , “ sagte sie , „ wie ich es dem Vater versprach . – Und nun , Wendenburg , kommt zu Eurer Frau ; ich bringe ihr die Tropfen ; es ist doch wieder die alte Geschichte , nicht ? “ Der alte Mann antwortete nicht ; er rückte ein paar Stühle und fuhr mit dem Rockärmel über die eingelegte Platte des massiven Tisches . „ Wenn der Herr mich braucht , ich bin im Hinterstübchen , “ murmelte er , „ meine Frau schläft jetzt grad ' ; möcht ' sie nicht wecken – werd ' das Fräulein rufen , wenn sie aufwacht . “ Dann flog die Thür hinter ihm zu , und wir waren allein . Im ersten Augenblick machte das Mädchen eine hastige Geberde , als wolle sie ihm nacheilen ; ich sah , wie das bleiche Gesicht von einer purpurnen Röthe übergossen wurde ; dann kam sie zurück und setzte sich in