, noch eine ganze Viertelstunde ! Haben Sie die Gnade , nehmen Sie drüben Platz auf jenem Schemel und lassen Sie mir noch ein wenig Ihren Anblick – – behufs Verbesserung der mangelhaften Aehnlichkeit . “ Und während er zur Palette griff , sprach er immer zu ihr , ohne sie anzusehen . „ Solchen Sonnenuntergang habe ich noch nicht erlebt wie gestern , Aenne , das war ja , als ob der ganze Wald in Feuer stände ! Wenn man das malen wollte , es käme ein Gewirr von leuchtenden Farben auf die Leinwand , daß jedermann rufen würde : ‚ Unmöglich ! Ganz unmöglich ! So was giebt ’ s nicht ! ‘ – Und wir da so mitten in dem Purpur auf der Lichtung – Sie hätten nur Ihr Gesichtel sehen sollen , Aenne , es war ja einfach reizend ; und dann das Lied dazu , Sie wollten es erst gar nicht singen . “ Und er markierte die Melodie zu den Worten , während er den Takt mit dem Malstock schlug . „ O du purpurner Glanz der sinkenden Sonne , Wie zauberhaft webst du um Flur und Hain ; Wie färbst du mit lodernder Rosenwonne Das blasse Antlitz der Liebsten mein ! Diese Worte , die fanden sich wie von selber in meinem Kopf – für einen Lieutenant – das müssen Sie doch zugeben – gar nicht so übel , ja sogar famos ! Und dann die Melodie – Ihre Lieblingsmelodie – ach – sehen Sie , Aenne , daß war so ein Lebensmoment , den man nie vergessen kann ! Und wie dann die blaue Dämmerung kam und im Waldpfad dunkle Schatten auftauchten – Aenne , wissen Sie – – “ rief er entzückt . „ Ich weiß gar nichts mehr ! “ unterbrach ihn das Mädchen , und als er sich , betroffen von ihrem Ton , umwandte , sah er , daß sie jäh errötet war und daß ihre Züge einen peinlich gespannten Ausdruck hatten . „ Aber , Aenne , Sie sind mir böse ? Mir , Ihrem alten Freunde ? “ Und als sie schwieg , fuhr er fort : „ Na , Aenne , wie lange kennen wir uns nun schon ! Seit unserer Görenzeit , beinahe seit zehn Jahren , wo ich Schüler des Gymnasiums hier war . Ist es nicht genug , wenn wir uns feierlich ‚ Sie ‘ nennen , seit wir uns vor nun einem Vierteljahr als erwachsene Menschen wiedersahen ? Gestern abend habe ich sogar – glaube ich – du – – Ach , Aenne , können Sie mir nicht verzeihen ? Warum soll man denn – aber Aenne – was haben Sie nur ? “ „ Ich muß nun gehen , “ erklärte sie , sich langsam erhebend , blaß bis in die Lippen . „ Auf Wiedersehen denn , Aenne , heute abend ; und daß Sie sich von keinem andern Menschen als von mir das Abendessen vom Büffett holen lassen – ich warne Sie ! Und Aenne , geben Sie mir doch die Hand , seien Sie mir nicht böse , wegen gestern ! “ Sie reichte ihm lächelnd die Rechte , aber dabei konnte sie es nicht hindern , daß ihr ein paar schwere Thränen aus den Augen fielen . Es war dies etwas so Ungewohntes , etwas , das so im Kontrast stand zu ihrem lachenden Mund , daß er sie wie ein Rätsel anstarrte , und als sie nun rasch aus der noch immer geöffneten Thür und unter den entlaubten Kastanien über die völlig einsame Terrasse schritt , da blieb er wie angewurzelt stehen und sah ihr nach , und noch lange , nachdem sie verschwunden war , stand er so . Dann strich er sich wie erwachend über die Stirn , betrachtete wie abwesend die Wandmalerei , die er wie weiland „ Fludribus “ in Scheffels „ Trompeter “ zu einem hohen Namenstage zu verbrechen im Begriff war , und setzte sich , ganz hingenommen von seinen Gedanken , auf den nämlichen Stuhl , von dem eben das junge Mädchen aufgestanden war . Du lieber Himmel – Aenne May hatte geweint ! Es war ihm , als seien mit diesen Thränen aus ihren Augen zugleich die Schuppen von seinen Augen gefallen ; aber , wie konnte er denn auch denken – Aenne May und er ! Er , der ärmste Lieutenant der gesamten deutschen Armee , den man höheren Ortes für ein halbes Jahr hierher kommandiert hatte , um ein wenig seinen [ 004 ] Finanzen aufzuhelfen , d. h. um ihn eine Zeit lang dem teuren Garnisonleben zu entrücken : hierher , wo er , sozusagen , umsonst lebte und die Kommandozulage obenein bekam . Auch hatte er freie Wohnung im Schlosse und Verpflegung dank dem Interesse der Frau Herzogin , bei welcher seine Tante Hofdame war . Und in eine solche Null , solch ’ aussichtsloses Nichts , sollte sich ein schönes Mädchen verliebt haben so ohne weiteres ? Eine , die jedenfalls nicht , selbst nicht in dieser kleinen Stadt , von Männeraugen unbemerkt geblieben war in ihrer jungen Schönheit ! Ach was , Heinz , das ist ja Unsinn ! Höchstens hat sie dir den – – ja Donnerwetter , es war auch frech – den leisen Kuß auf die schönen blonden Haare übelgenommen bei dem gestrigen Spaziergang . – Aber eigentlich war die Sache so natürlich und eigentlich hat sie es kaum merken können . – Warum auch ging sie so weit von ihm ab , an der Grenze des Weges ? Warum blieb sie mit ihren Flechten an einem Ast hängen , so daß er sie befreien mußte , wobei dann diese Unthat vorfiel ? Er erinnerte sich , daß sie nachher gestern abend kein Wort mehr zu ihm gesprochen hatte , daß er nicht wie sonst vor der Hausthür ihrer väterlichen Wohnung aufgefordert wurde : „ Kommen Sie mit hinein , Heinz . “ – – Und nun heute