Rath verschmähen ? Du bist eben noch zu jung , um die Verhältnisse , in die Du jetzt eintreten wirst , richtig zu beurtheilen . Ist es Erbschleichen , wenn man das Herz einer alten einsamen Verwandten zu gewinnen sucht ? “ „ Ja , Großmama , “ sagte Army fest , und kein Zug veränderte sich in seinem hübschen Gesichte . „ Ja , es ist Erbschleichen , sobald man mit dem Herzen eines Menschen auch sein Geld zu gewinnen sucht – “ „ Das man äußerst nöthig hat , wenn man nicht zeitlebens am Hungertuche nagen und in einem Schloß ohne Herrschaft und Einkünfte darben will , “ fiel die alte Baronin zornig ein und rückte ein Stück mit ihrem Sessel zurück . „ Das gebe ich zu , Großmama , ich würde auch den schroffen Ausspruch nie gethan haben , wenn nicht noch eine Erbin da wäre ; aber weil Blanka – “ „ Schon wieder diese Blanka ! Kennst Du sie überhaupt ? Weißt Du , ob sie noch lebt , das kränkliche Geschöpf ? Wie fatal es ist , diese Kinderweisheit , die stark nach der Confirmationsstunde schmeckt , auskramen zu hören ! Ich wünsche dringend , Army , daß Du zur Stontheim reisest ; ich dulde keinen Widerspruch ; noch heute geht der Brief ab , der Dich anmeldet . “ „ Gewiß , Großmama , ich werde reisen , “ sagte Army mit kalter Höflichkeit , „ sobald Du es wünschest . “ Sie erhob sich ; ihr stolzes Gesicht war von einer dunklen Röthe überflammt , und um den Mund lag ein eigenthümlich hartnäckiger Zug ; nie war die Aehnlichkeit zwischen Großmutter und Enkel auffallender gewesen . Mit blitzenden Augen und fest auf einander gepreßten Lippen , in schroffer Haltung , so standen sie sich gegenüber , Keines dem Andern weichend . „ Du reisest morgen Nachmittag mit der Fünf-Uhr-Post , “ sagte die Alte kalt und bestimmt , und ohne die zustimmende Verbeugung des jungen Mannes abzuwarten , grüßte sie die bestürzte Schwiegertochter mit einer leisen Neigung des Kopfes und schritt hinaus . Eine peinliche Stille herrschte , als sich die Flügeltüren hinter der hohen Gestalt der alten Baronin geschlossen hatten . Der es gewagt hatte , der stolzen Frau zu widersprechen , deren Wort Befehl für Alle im Hause war , er stand in so ruhiger Haltung am Kamin und schaute so gleichmütig in die Flammen , als sei nichts passirt . Nelly blickte den Bruder mit verwunderten Augen an ; er war nicht mehr er selbst . Niemand sprach ein Wort . Nach einer Weile trat die alte Sanna in ’ s Zimmer ; sie hielt einen Brief in der Hand und fragte : „ Haben die Frau Baronin aus dem Dorfe etwas mitzubringen ? Der Heinrich muß zur Post ; es schneit just so arg , und vielleicht wär ’ s mit Eins abzumachen . “ Die Baronin verneinte , und die Alte verschwand eilig . Army hatte sich indessen an den Tisch gesetzt und blätterte in dem Buche , das er vorhin aus den Händen der Großmutter genommen . „ Da finde ich etwas von unserer schönen Agnese Mechthilde droben im Ahnensaal , “ rief er freudig ; „ komm einmal her , Schwesterchen ! Das ist interessant – höre nur ! “ Das junge Mädchen trat zu ihm heran , bog sich über die Lehne seines Stuhles und sah mit neugierigen Augen auf das vergilbte und mit schwer zu entziffernder Schrift bedeckte Papier . Er las , mühsam buchstabirend : „ ‚ An dem 30. Novembris von Anno 1694 ist allhier zu Schloß Derenberg die Leiche der Hochgeborenen Frauen Agnese Mechthilde Baronin auf und zu Derenberg , Schüttenfeld und Braunsbach , so eine geborene Freiin Krobitz aus dem Hause Trauen gewesen , in dem hiesigen Erbbegräbniß solenniter begraben , und zwar alles nach ihrer eigenhändig bei Lebezeiten gemachten Verordnung . Und hat gestanden die hohe Leiche in dem Saal neben der Kapellen , und hat den Sarg gedecket erstlich ein groß weisses und über diesem ein schwarz sammetenes Leichentuch mit darauf von Silbern Toile genähetem Kreuz ; obendrauf lag ein silbernes vergüldetes Crucifix , und waren auf jeder Seite acht kleinere , zu Häupten und Füssen aber größere und auf orange farben Atlas reichgestickte doppelte Wappen , so das der Derenbergs wie der Trauen , geheftet . Den Sarg trugen Die von Adel in die Kapellen , so in der Nachbarschaft seßhaft und gar oft hieselbst gebankettiret hatten . Zunächst dahinter gingen die sechs Söhne der Verstorbenen , sodann der Wittwer , so sehr betrübet war . ‘ “ „ Das ist langweilig , “ unterbrach sich der junge Officier , „ aber hier – höre weiter ! “ „ Und ist die Frauen Agnese Mechthilde , Baronin auf und zu Derenberg eine gar stolze und kluge Fraue gewesen , so ihrem Manne wacker beigestanden in allen Fährden . Sie hat eine lange feine Gestalt gehabt und rothes Haar , so eigentlich kein gut Zeichen sein soll , indem es in einem alten Sprüchlein heißet : ‚ Frawen undt auch pferdt , Sindt sie schön , so sindt sie wehrd , Sindt sie aber ohne Tück , so ist ’ s fürwar ein großes glück ; Darum nimb war , wasz für Haar ! Ist solches roth , hatz groß Gefahr . ‘ Doch hat sie sonsten nicht mehr Tück gehabt als andere Weibsbilder auch , und ist eine feine schöne Fraue gewesen , und hat sich ihretwegen ein Cavalier , so ihr in Liebe zugethan und sie ihn nicht hat erhöret , das Leben aus Desperation selbsten genommen , was ihm Gott verzeihen möge , und hat sie ihn in seinem Blute schwimmend vor der Thür ihres Gemaches gefunden , was sie also erschrecket , daß sie zur Stund ist in ein hitzig Fieber verfallen , also daß man gemeinet hat , sie werde elendiglich ihr Leben aufgeben . Der allgütige Gott hat ihr aber