der Hand legen mußte , ich konnte nicht sehen zu der feinen Arbeit . Die alte Dame war heute auffallend still und einsilbig , sie strickte emsig , und das Klappern der Nadeln war das einzige , was die Stille unterbrach . Dann ließ sie die Hände in den Schoß sinken und seufzte . » Fehlt Ihnen etwas , liebes Fräulein ? « fragte ich . » O nein « , entgegnete sie , » aber ich bin heute traurig . Es gibt Tage , an denen ein Zufall fernliegende Zeiten mächtig wieder in Erinnerung bringt . Ein solcher traf mich heute früh und stimmte mich trübe . Und da fällt mir ein , Sie haben mir Ihre Freundschaft geschenkt und Ihr Vertrauen , ohne daß Sie das geringste von mir , von meinem Leben wußten . Das ist selten und edel , und wenn Sie es hören wollen , so will ich Ihnen erzählen , wie es kam , daß ich so einsam im Leben dastehe . Ich habe lange , sehr lange nicht davon gesprochen . Es lebt nur noch einer , der mich in meiner Jugend gekannt hat . Aber Sie sollen es wissen , die Sie mir meine alten Tage noch so verschönern . « Sie faßte meine Hand und drückte sie fest . » Wie alt sind Sie , mein liebes Kind ? Dreiundzwanzig Jahre ? Da war für mich die Sonne schon untergegangen – doch ich will ja erzählen – , wollen Sie es auch gern hören ? Ich glaube , es ist gut für mich , ich spreche wieder einmal davon . « Ich brauche wohl kaum zu versichern , wie sehr ich darum bat , und wie gespannt ich ihren Worten lauschte , als das alte Fräulein erzählte : » Über meine Kinderzeit will ich rasch hinweggehen . Mein Vater war Prediger in dem lieblichen Weltzendorf , zwei Stunden von hier , das Sie ja auch kennen werden . Meine Mutter starb , als ich eben mein fünftes Jahr zurückgelegt hatte . Mein Vater war trostlos , er hat sich auch nicht wieder verheiratet . Das dunkle Bild , welches noch in meiner Erinnerung von der Verstorbenen lebt , zeigt mir eine große , hellblonde junge Frau , die mir immer sehr hübsch erschien und die mich oft auf ihren Schoß nahm und mich küßte . Dann , als sie gestorben , kam eine traurige Zeit für mich . Mein Vater war kein junger Mann mehr und etwas Sonderling , er hatte sich nie viel um mich gekümmert , und der Schmerz um die Dahingeschiedene machte ihn nur noch teilnahmloser . Ich lief wild umher , und die alte Kathrin , die schon meine Mutter auf den Armen getragen , glaubte ihre Pflicht vollkommen zu erfüllen , wenn sie mich kämmte und wusch und mir die gehörigen Portionen Butterbrot und Äpfel zukommen ließ . Ich trieb mich tagsüber im Garten und im Felde umher und kam nur zu den Mahlzeiten unter die Augen meines Vaters , der meine beschmutzten Kleider gar nicht bemerkte . Kathrin war herzensgut , aber sie konnte nicht so viel waschen und flicken , wie ich gebrauchte , und so kam es , daß ich manchmal schmutziger aussah wie die ärmsten Kinder des Dorfes , mit denen ich übrigens durchaus keine Gemeinschaft hielt . Im Winter hockte ich in einem Winkel hinter dem großen Kachelofen und konnte stundenlang auf das summende Spinnrad Kathrinens schauen , das sie den ganzen Nachmittag über emsig in Bewegung erhielt . Zuweilen regte sich aber doch der Drang zum Lernen , zu irgendeiner Beschäftigung in mir . Dann schlich ich mich in meines Vaters Stube und bat ihn schüchtern um ein Bilderbuch . » Ich habe keins , meine Kleine « , pflegte er zu sagen , » aber ich will dir aus der Stadt eins mitbringen , wenn ich einmal hinfahre . Für jetzt störe mich nicht länger . « Damit senkte er den Blick wieder auf seine Bücher , und ich schlich mich betrübt hinaus . O wie jubelte ich , als der Frühling kam . Nun vermißte ich auch kein Bilderbuch mehr , das ich natürlich nie bekommen hatte . Ich lief in Wald und Feld umher mit Peter , meiner Katze , und war glücklich . Fünf Minuten von Weltzendorf entfernt liegt das Rittergut Bendeleben , ein alter Herrensitz , der sich schon seit undenklichen Zeiten in der Familie derer v. Bendeleben befand . Jetzt gehört er einem reichgewordenen Leinenfabrikanten – ja , wie sich doch alles ändern kann , wer hätte das damals gedacht ! Eines Tages war ich wieder mit Peter in den Wald gelaufen , es war sehr warm und ich achtete nicht darauf , daß sich der Himmel mit düsterem Gewölk umzog . Ich lag müde auf dem grünen Moose und schaute in die Wipfel der Eichen und Buchen über mir . Da hörte ich in der Ferne ein dumpfes Rollen und war im Nu auf den Füßen , denn Kathrin hatte mir eine abergläubische Furcht vor Gewittern beigebracht und mir hoch und teuer versichert , wenn man während eines Gewitters im Walde sei , so würde man unfehlbar vom Blitz erschlagen . Ich lief , das Kätzchen auf dem Arme , wie von etwas Schrecklichem verfolgt , den Weg zurück , den ich gekommen war . Schon nach wenigen Minuten leuchtete einen Moment ein gelber Schein durch das dunkle Blätterdach und ein furchtbarer Donnerschlag folgte , die Bäume bogen sich und rauschten im Sturm . Ich preßte das Kätzchen fest an mich und flog noch rascher dahin . Plötzlich gewahrte ich , daß ich nicht auf dem rechten Wege sei , ich war eben über eine kleine , aus Baumstämmen gefügte Brücke gelaufen und befand mich in einer großen Allee , dahinter schimmerte das alte dunkle Schloß durch die Bäume – ich war im Bendelebener Park . An Umkehr war nicht zu denken , zumal jetzt wieder ein greller Blitz und heftiger Donner erfolgte