Man erzählt sich seine Leiden , räsoniert über die Behandlung , vergleicht die jedem zugemessene Anzahl von Bädern und Packungen , kurz , man fachsimpelt auf Tod und Leben . Ich komme mir zwar immer noch sehr dilettantisch vor . Angstzustände , nervöse Herzgeschichten , Idiosynkrasien , Neurosen und Psychosen , die in diesem Milieu zum guten Ton gehören , sind mir bisher böhmische Dörfer gewesen , aber ich lerne doch allmählich , mich sachverständig darüber zu unterhalten . Wir haben da einen achtzehnjährigen Pastorensohn , der sich zum Atheismus durchgekämpft und darüber eine Psychose bekommen hat . Nun gibt es einen entlegenen Teil des Gartens mit einem kleinen Holzpavillon , und in dem Pavillon steht - ich weiß nicht , warum - eine Spieluhr . Ebendort geht der jugendliche Atheist ganze Nachmittage im glühendsten Sonnenschein tiefsinnig und barhäuptig auf und ab . Jedesmal , wenn er zum Pavillon zurückkommt , zieht er die Spieluhr wieder auf . Ich habe ihm ein paarmal schweigend zugesehen und ihm dann klarzumachen versucht , daß diese Betätigung unmöglich heilsam auf seine Nerven wirken könne . Er sollte lieber mit mir ins Dorf hinuntergehen und ein Glas Wein trinken - hier oben sind geistige Getränke verpönt . Wir gingen also Wein trinken , unterhielten uns über Religion , verständnislose Eltern , Vorrechte der Jugend und andere einschlägige Fragen , und es wurde ihm entschieden etwas besser . Darüber versäumten wir irgendwelche abendlichen Duschen , und der Professor bemerkte am nächsten Morgen etwas ironisch , meine Menschenscheu scheine sich ja auffallend zu bessern . Trotzdem setzen wir unsere Spaziergänge fort , und ich sehe , daß es dem Jungen gut anschlägt . Dann ist da ein blonder Landwirt , der behauptet , er sei schon von Jugend auf Melancholiker - in lichten Momenten schwärmt er von einer Reise um die Welt , die ihn vielleicht auf frohere Gedanken bringen könne , unter anderem möchte er gerne die kalifornische Schweinezucht aus eigener Anschauung kennenlernen . Ferner eine dicke Baumeisterswitwe , die nervenkrank geworden ist , weil ihr Mann Bankerott gemacht und sich dann erschossen hat . Sie hat uns die Geschichte gewiß schon fünf- , sechsmal mit allen Details vorgetragen , und man hat aufrichtiges Mitgefühl . Mehr als alles andere , mehr als Tod und Bankerott ist es ihr nachgegangen , daß in einer Zeitung gesagt wurde , ihr Mann sei ein unverbesserlicher Baulöwe gewesen und habe sich damit zugrunde gerichtet . Über diese Beschimpfung kann sie absolut nicht wegkommen . Ja und so weiter . Du siehst , es ist keine besonders lustige Umgebung - aber wenn man so dazwischen sitzt , gibt sie einem doch allerhand zu denken . Nach meinem Gefühl wären fast alle Psychosen in erster Linie mit Geld zu heilen . Hätte der rebellische Pfarrerssohn Geld , so brauchte er weder zu seiner Familie zurück noch eine neue Weltanschauung , sondern würde sich nach Herzenslust amüsieren und , da schon ein Glas Wein und ein bißchen Geschwätz ihn aufleben läßt , bald geheilt sein . - Der Landmann könnte um die Welt reisen und über den Wundern der kalifornischen Schweinezucht seinen Trübsinn vergessen . Auch die Witwe möchte sich sicher über den unverbesserlichen Baulöwen trösten , wenn er ihr ein anständiges Vermögen hinterlassen hätte . Aber das sieht wohl kein Nervenarzt ein , und es nützt ja auch nichts , wenn er es einsähe . Man kann nicht von ihm verlangen , daß er seine Patienten auch noch finanziert . Mein Tischnachbar , der Privatdozent Lukas , ist Gott sei Dank nur überarbeitet . Ich unterhalte mich gern mit ihm , nur ist er mir zu sehr Reformmann und hat extravagante Ideen über die Erwerbsfähigkeit der Frau - er ist Nationalökonom . Gegenüber sitzt eine Medizinstudentin , die ihm natürlich sekundiert , ihr Steckenpferd ist das weibliche Gehirn , das trotz irgendwelcher Unterschiede ebenso brauchbar sein soll wie das männliche . Über dieses Gehirn wären wir neulich beinah hart aneinandergekommen . Das verblendete Mädchen trat aufs lebhafteste dafür ein , daß möglichst viele Frauen sich den wissenschaftlichen Berufen zuwenden sollten und dabei bessere Chancen hätten als in anderen . Dr. Lukas hielt das Erwerbsleben für noch geeigneter , und ich meinte aus tiefster Überzeugung , daß wir überhaupt zu keiner ernstlichen Tätigkeit taugten , nicht einmal zum Schneidern und Kochen , denn jeder Schneider oder Koch macht es immer noch besser . Und die sogenannte geistige Arbeit ist vollends ruinös und schrecklich . ( Ich war den Tag gerade schlechter Laune , und es tat mir wohl , meinen Empfindungen freien Lauf zu lassen , um so mehr , wenn ich jemanden damit ärgern konnte . ) Die Medizinerin setzte ihren Zwicker auf und sah mich fast erschrocken an : » Aber Sie sind doch selbst Schriftstellerin ... « Ach Barmherzigkeit , wie kommt sie zu dieser Kenntnis ? Du weißt ja , Maria , ich kann das nun einmal nicht vertragen und habe gegen das bloße Wort eine förmliche Idiosynkrasie . So fuhr ich denn auch diesmal auf wie von sechs Taranteln gestochen und sagte : Nein , ich sei gar nichts . Aber ich müsse hier und da Geld verdienen , und dann schriebe ich eben , weil ich nichts anderes gelernt hätte . Gerade wie die Arbeitslosen im Winter Schnee schaufeln - sie sollte nur einen davon fragen , ob er sich mit dieser Tätigkeit identifizieren und sein Leben lang mit » Ah , Sie sind Schneeschaufler « angeödet werden möchte . Das verstand sie nicht und sagte etwas von der Befriedigung , die alles geistige Schaffen gewähre . » Nein , die kenne ich nicht , aber ich habe manchmal davon gehört « , wagte ich hier zu bemerken , » was mich selbst in solchen Fällen aufrechterhält , ist ausschließlich der Gedanke an das Honorar . « Daraufhin ließ sie mich , nicht aber das weibliche Gehirn fallen und behauptete , immerhin müsse doch auch meines so organisiert sein , daß ich etwas damit leisten