begreiflich erschien , so frug er sich , warum sie sich nicht lieber zu Hause so betätigten ? Vielleicht gar , weil es dort keine so Arme und Kranke gab ? Das war ein ganz neuer Gedanke , und er eröffnete Tschun merkwürdige Ausblicke . Sehr wunderliche Vorstellungen begann er sich von der fernen , unbekannten Welt zu machen , aus der die fremden Priester und Nonnen stammten . Es zog ihn immer mehr zu diesen Ländern hin , wo der wahre liebe Gott seine eigentliche Heimat hatte , und wo die Menschen offenbar so viel , viel besser waren . Nachdem Tschun die nötige Zeit mit der Erlernung von Katechismus und der biblischen Geschichte verbracht hatte , ward er samt seinen Mitschülern zur ersten Kommunion im Petang zugelassen . Auf der einen Seite des Altars unter dem blauen Sternenhimmel knieten die Knaben mit frisch rasierter Stirn und wohlgeflochtenem Zopf , der ihnen glatt am Rücken herabhing . Auf der anderen Seite knieten die von den Nonnen geführten kleinen Mädchen in ihren buntesten , schönsten Kleidern . Und sie alle empfanden sich an dem Morgen als sehr wichtige junge Wesen , sowohl wegen ihrer Zerknirschung ob der vorher bei der Beichte eingestandenen Sünden , als weil ja der ganze Gottesdienst samt dem Gesang und Orgelspiel ihnen und ihrem Eintritt in die Gemeinde zu Ehren abgehalten wurde . Tschun begriff immerhin so viel von der Feier , daß er von nun an , aus eigenem freien Willen , zu dem wahren lieben Gott gehöre und sich hüten müsse , an gar manchem , was zum Leben der großen Mehrzahl der Chinesen gehört , teilzunehmen . Ja , das Christentum errichtete doch eine Art Scheidewand . Man war eigentlich kein so ganz echter Chinese mehr . Wenigstens meinten das die anderen , wenn sie sagten : » Ihr gehört zu den Fremden , laßt Euch von denen beschützen . « Die Priester , und an ihrer Spitze der mächtige Herr Bischof , traten ja auch wirklich bei allen Gelegenheiten für ihre Gemeindemitglieder ein und suchten sie davor zu bewahren , von den Mandarinen ihres Glaubens halber ganz besonders übervorteilt und ausgebeutet zu werden . Die Hauptschützerin aber blieb doch immer die Madonna , und ihr mußte man dafür treu bleiben . Das sagte auch der Herr Bischof , als die Kinder nach der Kommunion die Kirche verlassen hatten , und er im sonnigen Hof , wo große Fliederbüsche blühten , noch eine besondere Ansprache an sie richtete . Dabei schenkte er jedem ein Bild der Madonna , deren Statue im Garten der Nonnen zwischen roten Rosenbeeten steht , und sprach : » Es können noch schlimme Zeiten für uns alle kommen , denn die Madonna und wir , ihre Diener , haben starke Widersacher , drum müssen wir wachen und beten , daß uns die Stunde nicht unvorbereitet finde , wo vielleicht auch an uns der Ruf ergeht , für unseren Glauben alles einzusetzen . « Und Tschun dachte , in der frommen Erregung der Stunde , daß es schön sein müsse , für die Madonna zu kämpfen und zu sterben , wie er vernommen , daß so manche Heilige und Märtyrer es getan . Zu Hause heftete er dann das Bild an die Wand , wie die echten Chinesen es mit dem Bildnis Pussas , der Göttin des Kindersegens , tun . Dabei ging es ihm plötzlich durch den Sinn , daß zwischen den beiden der Unterschied eigentlich gar nicht so groß sei , denn auch Pussa wurde stets mit einem Kinde dargestellt . Etwas Aehnlichkeit bestand auch zwischen Thiän lao yeh , dem chinesischen Himmelsgroßvater , und Tientschu , dem wirklichen christlichen Gottvater . Vielleicht waren die alle untereinander doch ein bißchen verwandt ? Dann mochten die chinesischen wohl die minderwertigeren sein , wie sie in allen Familien vorkommen . Nach einigen Tagen religiöser Exaltation , wo der Himmel so viel näher und wichtiger schien als die Dinge dieser Erde , lenkten sich die Gedanken indessen bald wieder mit praktischer Nüchternheit auf das diesseitige Alltagsleben . Denn es galt nunmehr , Tschuns künftigen Beruf zu bestimmen . Darüber aber hegte er selbst seit langem schon einen geheimen Wunsch . Tschun besaß nämlich einen Onkel , der in einer der fremden Gesandtschaften angestellt war und ihm oftmals von dort erzählt hatte . Es klang alles so geheimnisvoll und lockend , und Tschun riß die kleinen Schlitzäugelchen so weit auf als es ging , wenn Onkel Kuang yin von all den kostbaren ausländischen Dingen sprach , die die Häuser der Fremden füllten , von den Oefen , die winters in allen Zimmern geheizt wurden , von den vielen Lampen , die abends brannten . Am merkwürdigsten erschien ihm die Beschreibung der großen Mahlzeiten , bei denen Herren und Damen zusammenkämen und die Damen Kleider trügen , aus denen ihre nackten Arme und Schultern herausschauten . Also angetan , sprängen sie nachher wie wild zusammen durch das Zimmer ; das daure bis tief in die Nacht hinein , beim Klang einer seltsam unverständlichen fremden Musik . Aber aus all den Erzählungen klang eines immer wieder deutlich heraus , daß nämlich die Fremden alle schrecklich reich sein mußten . Ganze Vermögen stiegen als Rauch durch die Schornsteine in die Lüfte . Es schien kaum glaublich , daß man so mutwillig verschwenden könne . Wieviel verständiger waren da doch die Chinesen , die winters einen wattierten Rock über den anderen ziehen , sich die Hände am Kohlenbecken wärmen , auf dem Wasser zum Tee gekocht wird , und nachts auf dem Kang nahe aneinanderrücken . Ja , diese Fremden in dem Gesandtschaftsviertel mußten nach des Onkels Erzählungen ganz rätselhafte Wesen sein ! Es hieß , daß sie Dinge könnten , die beinahe wie Hexerei klangen , und daneben waren sie doch offenbar erstaunlich dumm und unbeholfen ! Die wenigsten von ihnen verstanden auch nur die einfachsten chinesischen Worte , und von keiner Sache , meinte Kuang yin , wüßten sie den richtigen Preis und ließen