man liebt , will man wohl irgend etwas schätzen , manchmal schätzt man sie auch in Bausch und Bogen , oder bildet sich ' s wenigstens eine Zeitlang ein . Ja , das ist dann Liebe , solange die Attraktion dauert ; und wenn sie aufhört , so ist es unangenehm , weil man sich wirklich gerne hat . Ich halte schon deshalb nichts davon , daß man sich allzu intensiv zusammenlebt und dann in bitterem Leid auf Nimmerwiedersehen auseinandergeht . Bei jeder besseren amourösen Angelegenheit sollten Anfang und Ende überhaupt nicht so scharf umrissen sein . Ja , ich habe bei dieser angeregten Abendunterhaltung mein stilles Vergnügen gehabt , und wenn ich meine eigenen Amouren Revue passieren lasse , die tragischen und die heiteren , seriöse Dauersachen und flüchtige Minnehändel - wie sie sich nacheinander , nebeneinander und durcheinander abspielten , so fügt sich für mein Empfinden alles ganz von selbst zur schönsten Harmonie zusammen . Auch wenn - cher ami , das gilt Ihnen mit - andere Leute so oft etwas daran auszusetzen haben . 4 Ganz richtig , das ist sonderbar - gerade wir bösen , unbeständigen Menschenkinder werden oft so ungemein ernsthaft geliebt , wie man nur unbescholtene junge Mädchen und anständige Frauen lieben sollte . Zumeist wohl von den dummen Jungen , und das ist sehr hübsch - ich habe große Sympathie für sie - manchmal aber auch von ganz intelligenten Männern mit innerem Wert , und damit ist dann nicht so leicht fertig zu werden . Besonders , wenn sie uns zwingen wollen , Tiefen zu offenbaren , über die wir gar nicht verfügen . Am schlimmsten ist der Typus Retter - und glauben Sie mir , man darf sich noch so weit und noch so lange auf der schiefen Ebene befinden , es tauchen immer wieder Männer auf , die uns durch wahre Liebe retten wollen . Vielleicht darf man das nicht so verallgemeinern , ich kann ja nur aus eigener Erfahrung reden und mache möglicherweise einen ganz besonders rettungsbedürftigen oder geeigneten Eindruck . Wie auch die geistlichen Erzieher meiner frühen Jugend immer noch einen guten Kern in mir entdeckten und die Hoffnung nie ganz aufgaben . Der Retter meint es gut und aufrichtig , schon das ist schwer zu ertragen . Und er leidet durch die Bank an unheilbarer Selbstüberschätzung , hält sich eben für den , der imstande sei , unser zerflattertes Liebesleben einzufangen und auf einen Hauptpunkt , nämlich auf sich selbst zu konzentrieren . Er findet , es sei ein Jammer , daß wir uns zeitlebens so weggeworfen haben , an so viele , die es nicht wert waren ( darin würden Sie sich also ganz gut mit ihm verstehen ) - ja , wenn wir nur einmal an den Rechten gekommen wären - wie anders , Gretchen ! Der Retter hält sich - das liegt auf der Hand - für den , der es selbst jetzt noch vermöchte , das Wunder zu vollbringen . Dabei ist er trotz allem : wie schade um diese Frau - merkwürdig tolerant gegen unsere Vergangenheit , empfindet sie mehr als Verirrung : ihr ist viel vergeben , denn sie hat viel geliebt . Sie hat keinen Halt in sich selbst und keinen an anderen gehabt , hat sich von ihrem Temperament hinreißen lassen , und das haben die schlechten Männer sich zunutze gemacht . Ja , er läßt es an Verständnis nicht fehlen und ist überzeugt , man habe jeden , dem man sich hingegeben , glühend und tief geliebt , aber er war es natürlich in den seltensten Fällen wert . Der Retter sagt gerne : armes Kind und streicht einem dabei die Haare aus der Stirn - eine unausstehliche Angewohnheit , man darf nie vergessen , ein Taschenkämmchen mitzunehmen . Manchmal bietet er auch pekuniäre Hilfe an , aber mit dem Gefühl , daß für sie doch eigentlich etwas Degradierendes darin liegt und es ihr sehr peinlich sein müsse ( ach , Doktor , es ist ihr durchaus nicht peinlich , sie tut nur manchmal so - aus guter Erziehung ) . Die Bekanntschaft mit dem Retter ist natürlich immer ein Mißgriff und entspringt aus momentaner Sentimentalität oder einer unangenehmen Situation , die durch ihn behoben wird - oder , wenn man sich gerade mit jemand anders gezankt hat . Man fällt ihm bei irgendeiner Gelegenheit in die Arme . Der Retter will kein Philister sein - Gott bewahre . Er verwirft auch die illegitimen Liebesfreuden an sich durchaus nicht , faßt sie nur viel zu ernst auf und sucht ihnen eine ethische Weihe zu verleihen . Er betrachtet jede Schäferstunde als Anlaß zu ernsten Gesprächen und zu heillosem Ausfragen - besonders in bezug auf Zahlen und Daten ( und man rechnet doch so ungerne und sagt nie die Wahrheit - der Retter würde sie auch nicht vertragen ) . Trotz der schlagendsten Gegenbeweise hält er an dem Dogma von der monogamen Veranlagung der Frau fest . Er ist unbequem und nimmt es übel , wenn man nicht viel Zeit für ihn übrig hat . So schlägt er gerne mehrtägige Ausflüge vor , damit man einmal wirklich etwas voneinander hat und alles Trübe und Schwere von sich abschütteln kann - in Klammern : weil man draußen in Gottes freier Natur sicherer ist , daß die geliebte Frau nicht so oft alten Bekannten begegnet , oder daß es plötzlich klingelt und alle möglichen Leute zum Tee kommen , von denen man nicht recht weiß , warum und wieso ? Ach Gott , und ich finde amouröse Ausflüge überhaupt eine unglückliche Erfindung - ich kann sie nicht ausstehen , vor allem nicht mit Rettern oder mit wertvollen Menschen . Höchstens mit Paul - oder vielleicht mit Ihnen - pardon , pardon , daß ich Sie schon wieder mit Paul zusammenstelle und so oft auf seine Vorzüge zurückkomme . Es geschieht wirklich nicht aus Bosheit , aber ich lebe immer noch mit einem Fuß in der jüngsten Vergangenheit , in der schönen Zeit