, daß sie in Versammlungen Reden schwingt , - ist die erledigt ? « » Nein , - die ist überhaupt nicht so leicht erledigt ; schwerer als du und ich . « » Sie soll schon mal verlobt gewesen sein , mit einem Leutnant , dort in Schlesien . « » Ich hab ' was läuten hören . « » Der alte Diamant wird überschätzt . Wahrscheinlich hat der Herr Leutnant mehr erwartet , und wie es zum Rechnen kommen is , wird er zum Rückzug geblasen haben . « Edda zuckte die Achseln . » Nichts Gewisses weiß man nicht ; d.h. ich weiß nichts und der Gustav auch nicht . Meine Schwägerin Geneviève , - die wird ' s wissen . « » Komisch , daß die sich angefreundet haben , diese zwei Mädchen aus der Fremde . « » Die Geneviève - die Eva - ist prachtvoll , - du kannst sagen , was du willst . « » Ich sag ' ja nix . Ich weiß eh , daß sie viel zu schad ist für deinen Herrn Bruder . « » Aber mich interessiert die Olga doch viel mehr . « » Geht sie richtig fort von Wien ? « » Ich denke sicher . Der Stanislaus nimmt sie mit nach Berlin . Ich glaube sogar , sie werden heute das letztemal hier sein . « » Also darum das gute Silber usw. usw. « » Und das ärgert dich ? « » No Gott , ärgern . Ich find ' , du machst mit denen zu viel Geschichten . « » Hat dir der Vortrag vom Stan nicht gefallen ? « » O ja , - das schon . « Nachdenklich rekapitulierte sie : Probleme der Moderne , - » stellenweis war mir ' s zu hoch . Weißt , es ist ein Wunder , - so a Jüngl aus Polen ! « Edda lehnte sich im Schaukelstuhl zurück und streckte die Beine auf ein maurisch geformtes Taburett . » Ihr Juden seid ' s unverbesserlich . « Kathi dehnte den mageren , langgliedrigen Leib , stand auf und ging der Wand zu , an der eine Tapetentür zu sehen war . » Er arbeitet noch ? « Edda verneinte . » Zieht er sich an ? « » Kannst hineingehen ; er ist schon fertig . « Kathi klopfte kurz und leise , drückte die Türschnalle vorsichtig nieder und ging mit elastischen Katzentritten in die halbdunkle Studierstube ihres Cousins , des Professors . Edda streckte sich noch bequemer aus . Drinnen hörte sie die Stimme ihres Mannes und Kathis , deren Kopf gleich wieder in der Tapetentür erschien . » Wo ist die herbstlaubfarbene Krawatte ? « » Die liegt in seinem Kasten , links unter den Handschuhen . « Es klingelte . Edda stand auf . Die Portiere , die vom Korridor zum Speisezimmer führte , wurde zurückgeschoben , und die erwarteten Gäste traten unangemeldet ein . Man begrüßte einander verwandtschaftlich . Edda drehte alle elektrischen Flammen auf . Die Geschwister sahen einander , flüchtig betrachtet , wenig ähnlich . Stanislaus in seinem festverknöpften , vielgetragenen , schon etwas glänzenden Rock von dunkelgestreiftem , dünnen Tuch , mit schlechter , vorgebeugter Haltung , breitem , gewölbten Rücken , wirkte engbrüstig . Die Beine schienen zu schwach für den massigen Rumpf . Der große Kopf hing der Brust zu , die kurzsichtigen Augen , von unausgesprochener Farbe , blickten manchmal , besonders wenn er den Kopf neigte , über den schwarzgeränderten Zwicker weg , was ihm den Ausdruck einer interessiert aufhorchenden Eule verlieh . In mächtiger Biegung beherrschte die Stirn das Gesicht . Sehr dichtes , blauschwarzes , an den Spitzen geringeltes Haar bedeckte den Schädel , fiel in einzelnen , gebogenen Büscheln über die Schläfen und ziemlich lang hinter den Ohren herab , die es zum Teil wohltätig verdeckte . Wandte er den Kopf , so kamen sie , in ihrer fledermausartigen Zackung , zum Vorschein . Gestreckt und schmal dehnte sich die Nase zum Mund nieder , der , zusammengepreßt , eine dünne , gerade Linie zog . Der schwarze Schnurrbart hing schlaff , in langen , nur wenig aufgebogenen Enden , über die Mundwinkel . Dieser Kopf saß auf einem zu kurzen Hals , der in einem Umlegekragen steckte , den ein Mäschchen , kaum groß genug , den Kragenknopf zu decken , abschloß . Diese Erscheinung hatte in Frau Edda bei der ersten Bekanntschaft den Trieb erweckt , physisch zurückzuweichen . Aber ein Gefühl , das mehr als gewöhnliche Neugier war , - der Hunger ihrer gierigen Intelligenz , - trieb sie mit starkem Interesse diesen Verwandten ihres Mannes zu . Olga kannte sie seit Beginn ihrer Ehe . Gerade damals war die nun Sechsundzwanzigjährige zu dauerndem Aufenthalt nach Wien gekommen . Kathis Eltern , ihre nächsten Verwandten , hatten ihr ein Heim angeboten . Aber der alte Diamant , der seine Tochter fortgeschickt hatte , während sein Sohn ihn gegen seinen Willen verließ , sorgte so weit für sie , daß sie vor allem ihrem Bedürfnis nach Unabhängigkeit folgen konnte . Sie besuchte die Universität als Hospitantin , hörte nationalökonomische und philosophische Kollegien mit Regelmäßigkeit . An den Veranstaltungen der Frauenbewegung nahm sie ständig teil . Bald trat sie aus der Rolle der Zuhörerin heraus , griff in die Diskussion ein und lenkte die Debatte zumeist in ein Fahrwasser , das den Strebungen der Wiener Frauenbewegung , die sich auf politische und wirtschaftliche Erweiterungen des weiblichen Wirkungskreises beschränken , unwillkommen war . Sie bekämpfte die Tendenzen , die einer Isolierung der Geschlechter zuzuführen schienen und sah im Kampf um Brotberufe wohl eine notwendige Etappe , aber nicht die letzten Ziele der Bewegung . Eine eigentliche berufliche Betätigung vermochte sie in Wien , trotz verschiedener Versuche , nicht zu finden . Auf dem gedrungenen , mittelgroßen Körper des Mädchens saß ein Kopf mit langem Gesichtsoval , herben , fast eckigen Zügen und einer stark gebogenen , vorspringenden Nase .