hat sich der Fels verwandelt , und die Mutter , ihr Kindlein an der Hand , ist eingegangen in das strahlende Schloß und hat in den Gängen Gold gefunden , das von der Decke herabhing wie Tannenzapfen von den Nadelzweigen . Wie sie nun genung abgebrochen und zusammengerafft , ist sie enteilet und hat in der Hast ihres Kindleins vergessen . Draußen erst hat sie mit Schrecken sich umgewandt , es zu holen . Da ist ihr vor der Nase die Türe zugeschlagen , und auf einmal die Abendburg wieder wüster Fels gewesen , und drinnen war das Kindlein . Geweinet und sich das Haar geraufet hat die Mutter , auch vor Verzweiflung das Gold weggeworfen , weil das sie nicht glückselig machen konnte , nun ihr Kindlein verloren . Aber wie sie nach Jahresfrist zur Abendburg kommen ist , sich auszuweinen , hat sich der Felsen abermals zum Schlosse verwandelt , und siehe , drinnen an einem steinernen Tische sitzet das Kindlein frisch und gesund , einen Apfel in der Hand , und winket lächelnd der Mutter , hereinzukommen . Diesmal hat die Mutter nicht nach den kalten Schätzen gegriffen , sondern nach dem lieben Kindlein . Ist mit ihm eilend zum Burgtor hinaus und hat das Wiedergefundene geherzet und geküsset . Der Apfel aber ist eitel Gold worden , also daß die Mutter von ihrer Armut fürder frei . « » Ei , Vater , « sagte ich verwundert , » wie gleichet doch das Kindlein im Abendburgfelsen dem Mägdlein im Krökentor . Beide sind in Stein eingeschlossen , und beide haben auch einen Apfel in der Hand . « » O schweig , mein Kind , laß ruhen den alten Frevel ! « » Aber kann nicht auch das Krökentor entzaubert werden wie die Abendburg und das Kindlein herauslassen ? « Sinnend nickte der Vater : » Wenn einst die Gräber sich auftun , wird auch das Mägdlein erlöset , aus dem kalten düstern Gemäuer kommt es lachend heraus , und siehe , ein Mutterherz ist ihm beschert . Unschuld ist ewig bei der Liebe . « Nach solchem Trostworte erleichterte ein Seufzer meine beklommene Brust . Ich bedachte , es werde vielleicht , wie dem Krökentore , also gemeiniglich für alles Unheimliche , so mich ängstete , ein Stündlein der Erlösung und Verklärung schlagen . Es gab des Unheimlichen nicht wenig in meiner Vaterstadt , und das Mägdelein im Krökentor mag als ein zusammenfassend Symbolum gelten für die Finsternisse meiner Kindheit . Von einer Scheu vor der Gegenwart und einer Sehnsucht in die Ferne war meines Vaters Seele ständig bewegt . Dem verlieh er gern einen stummen Ausdruck durch kleine Gemälde , wie er denn den Tuschpinsel schier als ein Künstler zu führen wußte . So hatte er einen Felsblock gemalt , aus dem ein Quell schäumend schoß . Darunter stund geschrieben : » Ich steh am Quell und dürste . « Als ich ihn um die Bedeutung der Inschrift befragte , gab er zur Antwort : » Ach wie oft stehet ein Mensch am Quell und muß doch dürsten , dieweilen er nicht trinken darf , nicht trinken kann , nicht trinken mag . « Zu einem andern Gemälde , das einen grauen Wolkenhimmel und darunter ein violenfarben Gebirg fürstellte , sprach der Vater : » Dies Gewölk bedeutet meine Trübsal , und darunter wallet der blaue Strom meiner Sehnsucht . « Gemeinet war wohl die Sehnsucht nach der ewigen Heimat ; doch dies allerinnigste Verlangen kleidete sich beim Vater gern in das irdische Gewand seines Heimwehs nach dem Schlesischen Gebirge . Des Magdeburgischen Amtes waltete er ohne frischen heitern Sinn . Hatte es ja nicht aus Herzensdrange übernommen , sondern mehr um meine Mutter ehelichen zu können . Das mochte nun seine Kirchengemeinde spüren ; drum war sie kühl gegen ihn gesonnen . Redete ihm nach , er predige nicht für das Volk , sondern für sich selber und für Schwarmgeister seinesgleichen . Wie der Rat von Magdeburg einmal uneins mit dem Administrator des Erzstiftes gewesen , und schier alle Prediger auf der Kanzel die Bürgerpartei verfochten , mein Vater aber gänzlich von solchen Welthändeln schwieg , ward ein Gespött über ihn im Ratskeller laut . Davon ist er völlig verschüchtert worden ; fühlte sich halt nicht zum Eifern geschaffen , wie er denn von je mehr den Studiis gewogen war als dem Predigen , und insonderheit den milden Gelahrten Melanchthon liebte , dem streitbaren Luthero indessen nur Ehrfurcht entgegenbrachte . Was meines Vaters Kleinmut auf die Mutter übertrug , war die Schmalheit seiner Besoldung , so noch aus der alten katholischen Zeit stammte und wohl für einen ledigen Mann zulangte , nicht jedoch für einen Familienvater . Solche Unzufriedenheit ließ den Vater nach einem andern Amte umschauen , und weil er bereits früher im Schuldienste sich herfürgetan , auch eine angesehene Grammaticam herausgegeben hatte , so ward er von seinen Hirschbergischen Landsleuten zum Konrektor ihres Gymnasii erkoren . Da nun beschlossen war , daß wir gen Schlesien ziehen sollten , kam eine freudige Aufregung über meinen Vater und auch über mich . Nur die Mutter seufzete , und ihre Augen waren oft verweint . Mich deuchte es eine große Sache , bei dem Umzuge andere Länder und Städte zu schauen und gar nach dem ersehnten Gebirge zu gelangen . Wie aber der Tag der Abreise nahe war , kam mir doch ein Bangen , weil ich hinfürder von meiner guten Stadt Magdeburg geschieden sein sollte . Beschloß derohalben , alle trauten Orte noch einmal zu besuchen und ihr Bildnis getreulich meinem Gemüte einzuprägen . Ging auf den Marktplatz , wo ich gern Ball oder Kreisel gespielt , und über den Breiten Weg , so die Stadt vom Krökentor bis zum Sudenburger Tor durchquert . Prächtig sind allda die Bürgerhäuser , haben breite Freitreppen , künstlich geschmiedete Gitter und am Dache speiende Ungetüme . Über den eisenbeschlagenen Pforten pranget mancherlei Zierat , als da sind Pferdeköpfe , wilde Männer , fromme Sprüche oder Sinnbilder