sein sollte und nur von ihm geahnt wurde . Er schaute hinunter auf die Gemeinde . Ruhig saßen sie da alle beisammen . Alte Frauen schliefen . Mädchen , mit glattgebürstetem Haar , die Hände im Schoß gefaltet , starrten ausdruckslos vor sich hin , genossen die Ruhe des Augenblicks . Ihm gegenüber im Gestühle der Werlands von Dumala saß die Baronin Karola . Sie hatte den Kopf leicht zurückgelehnt und schaute scharf zu ihm herüber , sie kniff dabei die Augenlider zusammen , so daß die Augen nur wie sehr blanke Striche zwischen den langen Wimpern hervorschimmerten . Werner ging zum Schluß seiner Predigt über . Seine Stimme nahm wieder ihren ruhig ermahnenden Ton an , in dem erbaulich das Metall seines schönen Baritons mitklang . Nach dem Gottesdienst fragte Werner den Küster , während er sich in der Sakristei umkleidete : » Ist die Baronin aus Dumala schon fortgefahren ? « » Nein « , meinte der Küster , » die Frau Baronin wartet auf den Herrn Pastor - wie immer . « » Wieso - wie immer ? « fragte Werner ungeduldig . » Peterson , Sie fangen an , Unsinn zu sprechen . « Leute kamen zu ihm , die Waldhäuslerin Marri , ihre Mutter , die alte Gehda , konnte nicht sterben , das dauerte nun schon Wochen . Der Herr Pastor soll herüberkommen . Werner fertigte die Leute eilig und mechanisch ab , sagte das nötige » Gott weiß am besten , wenn er uns zu sich ruft . Wir müssen warten « . Die Waldhüterin klagte , daß ihr Mann sie zuschanden schlug , wenn er besoffen war . Werner zog sich seinen Pelz an . » Ja , ja - ich komme mal an . Gott behüt ' euch lieben Leute - Gott befohlen . « Eilig ging er hinaus . Die Baronin Karola stand vor ihrem Schlitten , sehr schlank , fest in die blaue Pelzjacke geknöpft , das Gesicht ganz rosa von der scharfen Winterluft , der Mund unnatürlich rot , die Stirnlöckchen voller Tropfen unter der kleinen Fischottermütze . » Ah , Pastor ! « rief sie , » ich warte auf Sie . Sie dürfen uns heute nicht verlassen . Ja - er leidet , und es ist abends so traurig bei uns . Also , Sie kommen ? « Sie reichte ihm die Hand , schüttelte die seine mit unterstrichener Kameradschaftlichkeit . » Die Verlassenen trösten ist ja doch Ihr Amt . « Sie lächelte , wobei ihre Mundwinkel sich hinaufbogen , was ihr einen leicht durchtriebenen Ausdruck verlieh . Werner verbeugte sich in seiner feierlichen Art , die etwas Befangenes hatte . » O - gewiß - mit Vergnügen « , und er lächelte auch aus reinem Behagen , diese schöne Frau anzusehn . » So , danke « , sagte sie . » Jetzt wollen wir fahren , mein Page friert . « Karl Pichwit , der Sekretär und Vorleser des Barons Werland , fror immer . Sein hübsches , kränkliches Knabengesicht war blau von Frost , und er zitterte . Er half der Baronin in den Schlitten , setzte sich neben sie , und da lächelte auch das kränkliche Knabengesicht und errötete . Werner stand noch eine Weile da und schaute dem Schlitten , dem Wehen des blauen Schleiers auf dem Fischottermützchen nach , er schützte die Augen mit der Hand vor der Sonne , um länger und besser sehen zu können . » Ich finde es rücksichtslos « , sagte Lene beim Mittagessen zu ihrem Mann , » daß die Werlands dich immerfort hinüber bitten . Ich bin jeden Sonntagabend allein . Der Sonntag gehört doch wenigstens der Familie . « Werner zuckte die Achseln , ja , daran war nichts zu ändern . Drüben ging es nicht heiter zu , da mußte er eben - - Aber Lene ärgerte sich . » Ach was ! Dieser Baron , der Gottlosigkeiten und Unanständigkeiten spricht , der ist überhaupt kein Umgang für einen Pastor . « Werner lächelte nur und aß ruhig seinen Sonntagsbraten . Lene erregte sich immer mehr . » Ach was - der Baron ! Der ist ' s ja gar nicht . Sie ist ' s ! « » Sie ? « Werner schaute auf . » Natürlich sie « , fuhr Lene tollkühn fort , obgleich sie fühlte , daß das , was sie sagen wollte , die Lebenslage ungemütlich machen würde . » Sie - sie will Gesellschaft haben . Es ist ihr nicht genug , daß der arme Pichwit sie verliebt ansieht , sie will so ' n großen , schönen Mann wie dich zum Kokettieren haben . « Werner wurde bleich , wie immer , wenn der Zorn in ihm aufstieg . » Lene « , - rief er und schlug mit der Hand auf den Tisch , daß die Teller klirrten , » was ist das für ein Geschwätz . Hier an meinem Tisch wird nicht so über diese edle , geprüfte Frau gesprochen . « Lene wurde zwar sehr rot , ließ sich jedoch nicht einschüchtern . Sie murmelte , um das letzte Wort zu behalten : » Es ist aber doch so . « Die Gemütlichkeit des Mittagessens war dahin . Es wurde kein Wort mehr gesprochen . Die Zimmerflucht im Schlosse Dumala war nicht erleuchtet , als der alte Jakob Pastor Werner hindurchgeleitete . Die Winterdämmerung lag über den großen , schweren Möbeln , gab ihnen etwas Verlassenes und Verschollenes . Es roch nach altem , staubigem Holz in den hohen Zimmern . Das Getäfel und das Parkett knackten beständig . » Wir haben hier kein Licht gemacht « , erklärte Jakob . » Wozu ? Es geht hier ja doch niemand . « Er hob sein bleiches Gesicht zu Werner auf , sah ihn mit den verblaßten Augen traurig an . Es mochte früher ein hübsches Lakaiengesicht gewesen sein , jetzt war es auch verwittert und vernachlässigt . » Wozu ?