den bekannten Herrn Direktor Wyß verheiratet . Ein Prachtweib , sag ich Euch ; alles dreht sich auf der Straße nach ihr um . Groß , stolz , schwarz wie eine Südländerin ( ihre Großmutter war eine Italienerin ) und hitzig , potzteufel ! Übrigens durch und durch brav und sittsam ; kein Mensch kann ihr das mindeste nachsagen . Und eine überzeugungseifrige Patriotin wie ihr Vater selig . « - Der Charakterkopf ihr Vater ! So wach doch auf , o meine Vernunft , und reg dich , denn daraus folgt ja eine ganze Menge wichtiger Betrachtungen . Nachlässig bewegte sich seine Vernunft , hob ein wenig den Kopf , dann legte sie sich gleichgültig wieder zur Ruhe , wie ein auf der Straße lagernder Hofhund , wenn der Milchmann vorübergeht . » Die Tatsache ist mir zu dumm « , erklärte sie . Nach dem Essen erkundigte sich Viktor beim Oberkellner : » Wohin jetzt , um Zeitungen zu lesen ? « » Da gehen Sie am besten ins Café Scherz beim Bahnhof ; jedes Kind kann Sie weisen . « Im vollen Saale fand er noch ein Tischlein am Fenster mit zwei unbesetzten Plätzen . Leute gingen , Leute kamen , sahen sich um ; doch niemand nahm ihm gegenüber Platz . » Hier wie überall ! Entschieden , Viktor , du hast nichts Einladendes , du bist nicht gemütlich . - Ein fröhlicher Gedanke : Wenn jetzt mitten unter all dem Volk mein getreuer Statthalter säße ? warum auch nicht ? Er wird sich doch wahrscheinlich auch seine Zeitungen gönnen . Etwa so einer wie der dort hinten , mit den flachsblonden Strähnen und der doppelten Brille im Schafsgesicht ? Ein Adonis ist er gerade nicht , das könnte man mit dem besten Willen nicht behaupten ; und mehr Geist , als zu einem Herrn Professor unbedingt nötig ist , scheint er auch nicht zu haben . Statthalter , Statthalter , wenn ich dir raten darf , verlaß dich nicht allzusehr auf deine Gelehrtheit , sonst tauft dich eines trüben Morgens deine schöne Juno , auf die du dir so viel einbildest , Doktor Überdruß . Eigentlich nach den Gesetzen der Schicklichkeit müßte man zu ihm hinüber und ihn ein wenig hänseln . Wenn ich nur ganz sicher wäre , daß ers ist ! Nun , wir werdens ja bald erwähren . Zehn Minuten nach zwei Uhr ; noch drei Viertelstunden . Wie die Zeit schleicht ! - Ha ! was für ein stattlicher Mann kommt jetzt hereinspaziert ! Brr ! Ein Held für Mädchenträume . Etwas zum sich ablehnen , zum sich emporranken , eine Stütze fürs Leben ! Könnte ich singen , ich sänge : Er , der Herrlichste von allen ! Und Jupiterlocken hat er auch ! An wen erinnert mich doch dieser minnesame Herkules ? - Richtig , an den Herzkönig im Kartenspiel . - Wehe , ihr Jungfrauen , weinet ! Schauet den Ehering ! Sogar bereits Papa , denn so weltzufrieden schreitet bloß , wer Vatergefühle kennt . - Wie sorgsam er seinen Überrock faltet ! und die feine , tadellose Wäsche , die jetzt zum Vorschein kommt ! Was noch gar ! Ich glaube wahrhaftig , er steuert zu mir . Willkommen , Herrlichster von allen ! « Mit einer höflichen Verbeugung ließ sich der Herzkönig nieder ; darauf zog er eine Zigarrentasche hervor : » Darf ich mir vielleicht erlauben ? « Dankend erwiderte Viktor : » Ich rauche nicht . « Aber hast du die kunstvoll gestickte Zigarrentasche gesehen ? Jedenfalls von seiner Frau . Jetzt griff der Herzkönig - » Ist es gestattet ? « - eine illustrierte Zeitung auf und schaute wohlwollend , fast gnädig hinein , mit halber Aufmerksamkeit ; - dazu trommelte er mit den Fingern auf den Tisch . Was für gepflegte Fingernägel ! Dem Herzkönig schien jedoch nicht sonderlich ums Lesen zu tun ; eher ums Plaudern ; offenbar hatte ihm das Mittagessen geschmeckt . » Sie als Fremder « - begann er mit zögernder Einleitungsstimme die Unterhaltung , als sich die Kehllaute in ihrer Nähe kräftiger vernehmen ließen , » werden wohl auf unseren etwas rauhen Dialekt nicht besonders günstig zu sprechen sein ? « » Nicht Fremder « , berichtigte Viktor , kurz ablehnend , » hier geboren und aufgewachsen ; bloß viele Jahre in der Fremde gewohnt . « » Ah , um so besser ; dann habe ich also das Vergnügen , einen Landsmann in Ihnen zu begrüßen . « Hiernach hüllte er sich wieder hinter die Zeitschrift und begann vor sich hin zu schmunzeln . » Er lutscht an seinem Eheglück wie an einem Lakritzenstengel « , dachte Viktor . Als der Lakritzenstengel zu Ende war , zeigte der Herzkönig auf ein Wertherbildnis in seiner Zeitung . » Was ist Ihre Ansicht « , hub er nach einigem Zaudern an , » glauben Sie , daß solch eine leidenschaftliche , schwärmerische Liebe heutzutage noch vorkommen könnte ? « » Natur kommt immer vor « , entgegnete Viktor . Der Herzkönig schmunzelte . » Nicht übel . Es kommt eben alles darauf an , wie eng oder wie weit man den Begriff Natur faßt . Also Sie glauben allen Ernstes , in unserem realistischen Zeitalter - « » Es gibt keine realistischen Zeitalter . « » Wenn Sie so wollen , allerdings nicht . Immerhin , es gibt doch , das werden Sie zugeben , verschieden gestimmte Zeitalter ; zum Beispiel solche , in welchen gewisse Seelenzustände , die früher beobachtet wurden , einfach undenkbar wären . Oder könnten Sie sich zum Beispiel einen Johannes der Täufer , einen Franz von Assisi oder , um bei unserem Beispiel zu bleiben , einen Werther mit einem hohen , steifen Hemdenkragen vorstellen ? - Verzeihen Sie , ich sagte das ohne die mindeste Anzüglichkeit . Nein , wirklich , ich bitte , glauben Sie mir , es war durchaus harmlos gemeint . « Viktor begütigte lächelnd : » Ich