wurde sich nun darüber klar , daß Ellen wirklich dumm sei , und sie tröstete sich selbst damit : ich kann nun einmal nicht lernen . Aber im ganzen war Fräulein Anna gutmütig und hatte viel Geduld . Sie kam bald dahinter , daß Ellen für freundliche Worte zugänglicher war wie für Schelte , und sie vertrugen sich ganz gut miteinander . Das Kind fühlte sich wie geborgen , wenn es nur dem Bereich der Mutter entfliehen konnte - mit Mama war es beständig , als ob man auf Eiern tanzte , jeden Augenblick ging eins kaputt . Wenn sie sich alle Mühe gab , nicht ungezogen zu sein , tat sie unfehlbar irgend etwas , was verboten war oder sich für ein kleines Mädchen nicht schickte . Öfters waren es allerdings auch schwerere Verbrechen , wo Ellen sich schuldig fühlte ; aber um Verzeihung bitten und Reue zeigen waren Dinge , die sie nicht über sich gewann , wenn Mama böse war . So war sie eines schönen Tages mit Detlev verschwunden , und stundenlang wurde nach den beiden Kindern gesucht . Gleich nach Mittag waren sie in den Garten gelaufen und von da auf die Koppeln . Drüben auf der » Freiheit « war Schützenfest , die Musik und die vielen Leinwandzelte lockten unwiderstehlich . Über den Wall , der nach dieser Seite hin das Gut abgrenzte , durften sie nicht hinaus , es war streng verboten , aber Ellen hatte bei dem verlangenden Hinüberschauen alles vergessen . Sie kletterte hinüber und wagte sich mit Detlev an der Hand in das Gewühl . Vor einer Schießbude traf sie ihren alten Freund Klaus Sörens , und das Wiedersehen erfüllte sie mit großer Seligkeit . Er kaufte ihnen Lebkuchenherzen , ließ sie Karussell fahren und zeigte ihnen alles , was zu sehen war . Besonders von den Seiltänzern waren sie nicht wieder wegzubringen , denn da waren fünf kleine Jungen , die sich in der Luft überschlugen und auf Kniestelzen tanzten . Neben dem Zelt stand ein grüner Wagen mit Blumenstöcken in den Fenstern - darin wohnten sie , sagte Klaus , und fuhren von einem Ort zum andern . In Ellen zuckte es förmlich - wie mußten die glücklich sein ! Die ganze übrige Welt war für sie versunken und vergessen ; es war nur gut , daß Klaus sie schließlich nach Hause schickte . Und nun kam ein jäher Sturz aus allen Himmeln . Vor der Gartentür stand Mama : » Um Gottes willen , wo habt ihr die ganze Zeit gesteckt ? « Detlev war so begeistert , daß er sich gleich verschwätzte , und Ellen sah ein , daß lügen nichts half . Aber erzählen wollte sie auch nicht , es war nichts aus ihr herauszubringen , nicht einmal mit Schlägen . Wie immer , mußte sie selbst die Rute holen , die unter dem Klavier auf einem niedrigen Notenpult lag . Während sie in das Halbdunkel unter dem Instrument hineinkroch , tanzten immer noch die bunten Bilder von der » Freiheit « vor ihren Augen . Dann ließ sie die Strafe über sich ergehen und biß die Zähne zusammen , um nicht zu schreien . Den Triumph sollte Mama nicht haben , die jedesmal ganz außer sich geriet über diesen stummen Eigensinn . Für den Rest des Tages wurde Ellen in die Kinderstube geschickt . Das Mädchen war ausgegangen , sie saß ganz allein in einer Ecke und sann Rache . Sie war wütend auf Detlev , der nie den Mund halten konnte - und daß immer alles Schöne verboten war - und Mama - nicht einmal die Hunde bekamen so viel Prügel . - Mama hatte wohl die Hunde auch viel lieber . Das war nicht mehr auszuhalten , ihr Gesicht glühte vor Zorn und Aufregung . Immer nur Schelte und Schläge - nein , sie wollte lieber fortlaufen , gleich morgen früh fortlaufen . Und dann malte sich Ellen aus , wie sie immer den Deich entlang gehen würde , der sich so endlos in die Ferne schlängelte . Denn da mußte es hinausgehen in die Welt . - In eine große Pappschachtel packte sie ihre liebsten Sachen zusammen , um sie auf der Flucht mitzunehmen . Dann dachte sie wieder an die Akrobaten , sie hatte Geschichten gelesen von Zigeunern , die Kinder raubten und zu Kunststücken abrichteten . Die würden sie gewiß mitnehmen , und was für ein wundervolles Leben mußte das sein , ohne Stunden und Eltern und Gouvernanten . Dazwischen fiel ihr plötzlich ein , was Lise vom Teufel erzählt hatte : wer sich ihm verschrieb , dem konnte er alles verschaffen , was er sich nur wünschte . Es wurde Abend , die alten Marmorreliefs am Kamin schimmerten matt durch die Dämmerung , aber heute fürchtete Ellen sich nicht . Sie saß tief in Gedanken und rang mit einem großen Entschluß . Schließlich suchte sie sich einen von ihren schönsten bunten Briefbogen aus der Schublade , ging damit ans Fenster , wo es noch etwas hell war , und verschrieb sich dem Teufel mit Leib und Seele , wenn er ihr helfen wollte , zu den Zigeunern zu kommen . Ellen steckte den Brief in ein Kuvert und legte ihn oben auf das Kaminsims , dann ging sie verstockt zu Bett . Das Fortlaufen wollte sie nun einstweilen noch aufschieben . Als sie ein paar Tage später nachsah , war der Brief verschwunden , der Teufel hatte ihn also wohl gefunden und mitgenommen . - Ellen erschrak furchtbar , ihr Trotz war inzwischen schon wieder etwas abgesunken , aber nun gab es keine Rückkehr mehr . Die Mutter und Fräulein Anna waren in der folgenden Zeit manchmal der Verzweiflung nahe , denn mit Ellen war nichts mehr anzufangen , sie wurde von Tag zu Tag ungezogener . Wozu sollte sie sich jetzt noch Mühe geben , wenn sie doch dem Teufel gehörte . Sie wartete nur darauf , daß er sich irgendwie betätigen würde , und fühlte sich