Dir erzählen ... « Sie setzten sich an das Fußende des Bettes und in übersprudelndem Redefluß berichtete sie , wie die Taufe in der Kirche vor sich gegangen , was der Pfarrer gesprochen , und wie der Kleine geschrien und was für Toaste bei Tische ausgebracht wurden : Oberst von Schrauffen hatte so herrlich von den künftigen Großtaten gesprochen , die der kleine Fritz bestimmt war , im Dienste des Vaterlandes auszuführen , wenn er wie sein Großvater und wie sein Urgroßvater Althaus des Kaisers Rock trüge . Von da sprang Loris Rede ohne Übergang auf die Genesis ihres granatroten Damastkleides » bei der Spitzer , weißt Du - die arbeitet doch am chiksten ... « - auf verschiedene Sorten von » Milchkasch « , mit denen man am besten kleine Kinder aufpäppelt , auf die Misere , die man später mit den Bonnen hat und auf Verhaltungsmaßregeln für die junge Mutter . » In sechs Wochen , « so schloß sie , » mußt Du , ja mußt Du nach Mariazell , um der Muttergottes für die Geburt des Knaben zu danken ( ich bin so froh , daß es ein Bub ist - wegen dem Majorat ) . Ich bin schon vor Deiner Geburt nach Mariazell - nein Mariataferl war ' s - gewallfahrtet und wie Du siehst , hat es Dir Glück gebracht - - « Martha saß schweigend am andern Bettrand und blickte nachdenklich auf das Kind , das sie im Schoße hielt . Gedanken , Gefühle , Bilder durchwogten ihre Seele - nicht klar , nicht abgesondert , sondern ineinander fließend , in ihrer Vermengung eine Wehmutsstimmung ergebend . Der Sohn ihres Sohnes ... vielleicht würde auch der wieder Söhne zeugen ... und so geht das Leben , um alles Sterben unbekümmert , aus entlegenster Vergangenheit in entlegenste Zukunft hinüber - dazwischen immer wieder Leid , Kampf , Alter , Tod - und was am Ziele ? Was am Wege ? Wohl auch mitunter Freude , Liebe , Begeisterungsschwung : das ist ja an sich schon erfüllter Zweck . Das Ziel kann doch nur sein : mehr Freude , mehr Liebe , höherer Schwung ... O du kleines , hilfloses Geschöpfchen , was wird aus Dir werden - wenn Du überhaupt erhalten bleibst ? Wie viel Schmerz wirst Du erdulden , wie viel Schmerz bereiten ? Sicher ist Dir nur Eines , früher oder später : das Todsein - die ewige Abwesenheit ... O mein Verlorener ! ... Und wieder erstand das Bild Tillings vor ihrem inneren Auge . Aber nicht in jener im Traum entstandenen , altersmüden Gestalt , sondern wie er in seiner Vollkraft gewesen an dem Tage , da er unter den Kugeln des Exekutions-Pelatons zusammenfiel . II Rudolf Graf Dotzky , geboren 1859 , wenige Monate vor Ausbruch des italienisch-österreichischen Krieges , in dem sein Vater den Tod fand , zählte jetzt dreißig Jahre . Besitzer des ausgedehnten Dotzkyschen Majorats , hatte er keinen andern praktischen Beruf als die Bewirtschaftung seiner Güter . Daneben hatte er sich aber noch einen idealen Beruf erwählt , dem sein Lernen , Denken und Streben galt : nämlich die Aufgabe zu erfüllen , welche Friedrich Tillings Vermächtnis war : die Bekämpfung der Kriegsinstitution . Die eigentliche Erbin dieses Vermächtnisses war freilich Tillings Witwe , doch freiwillig hatte sich Rudolf zum Mitarbeiter seiner Mutter herangebildet . Das zu Friedrichs Lebzeiten angelegte » Protokoll « - ein Einschreibebuch , in das die Fortschritte der Friedensidee und -Bewegung eingetragen waren , wurde zuerst von Martha , dann von Rudolf weitergeführt . Die von dem Elternpaar zusammengetragene Bücherei natur- und sozialwissenschaftlicher Werke fand in ihm einen eifrigen Studenten und Mehrer . Allerdings mußte daneben das obligate Studium der offiziellen Schulgegenstände absolviert werden ; auch das Freiwilligenjahr hatte er ausdienen müssen . Dann kam die Erbschaft des Dotzkyschen Majorats , wodurch dem jungen Mann die Notwendigkeit erwuchs - wollte er anders den Pflichten des Großgrundbesitzes gerecht werden - ernstliche Landwirtschaftsstudien zu betreiben - all das ergab eine bedeutende Ablenkung von jenem idealen Beruf . Auch kam eine Zeit , da er durch den Umgang mit seinen Alters- und Standesgenossen in einen Wirbel von weltlichen und sportlichen Vergnügungen gerissen wurde , wobei die Beschäftigung mit seiner Lebensaufgabe stark zur Seite geschoben ward . Sogar die Gesinnungen , die dieser Aufgabe als Grundlage dienten , waren durch den Einfluß der ganz entgegengesetzten feudalen , chauvinistischen und reaktionären Ansichten , die in seiner Umgebung herrschten , momentan ins Schwanken geraten und hätten Gefahr gelaufen ganz unterzugehen , wären sie nicht schon so tief in seiner Seele geankert gewesen , und wenn der niemals ganz aufgegebene innige Verkehr mit der Mutter ihm nicht immer wieder die Ideale aufgefrischt hätte , für die er wirken wollte - später , später , bis er zu Ruhe käme . Und er kam bald zu Ruhe . Das schale Leben der » goldenen Jugend « , mit dem ewigen Trinkgelagen und ewigen » kleinen Jeux « , mit den abwechslungslosen Jagd- , Rennstall- und Koulissengesprächen ekelte ihn bald an . Es zog ihn zurück zu seinen Büchern und zu seinen gutsherrlichen Pflichten . Schon im Alter von vierundzwanzig Jahren hatte er sich von dem Treiben seiner Genossen losgerissen . Er zog sich auf Brunnhof - die größte und schönste seiner Domänen - zurück und lud seine Mutter und Schwester ein , bei ihm zu wohnen . Hier widmete er sich wieder mit verdoppeltem Eifer seinen beiden Berufen - dem einen mit ausübender , dem anderen mit vorbereitender Arbeit . Er unterbrach dieses einsame Landleben nur durch einige Reisen nach Paris , London und Italien . Denn er sah wohl ein , daß man ein Stück Welt gesehen haben müsse , wenn man einst öffentlich wirken wollte . Das Gebiet seiner Aufgabe hatte sich ihm unversehens stark erweitert . Ursprünglich war es nur die eine - von Tilling überkommene Idee - Bekämpfung der Kriegsinstitution - die ihm als Ziel vorgeschwebt , aber allmählich kam er zur Überzeugung , daß