Und dann dachten sie an die ersten Jahre ihres Lebens - an Eltern , Freunde und Frauen - an Kinder und Greise - an alte Möbel und alte Stuben , die gar nicht mehr da waren , oder zerfielen , wie altes Gemäuer am Meeresstrande , wenn die grossen Wogen unaufhörlich gegenschlagen . Und die Gedanken an das Vergängliche machten so schwer ; die schweren Hände wollten noch was greifen - aber sie wussten nicht , was . In der Finsternis nur bleiche Angst und Herzenskrampf . « Und dem Kaidôh wird zu Mute , als träume er noch einmal einen langen Kindheitstraum ; in dem Traume entwickelt sich alles sehr schnell , der Träumende wird älter und anders , und empfindet zugleich , dass er das Aelter- und Anderswerden nur träumt . Und die Liwûna fährt leise fort : » Und da packte die Traurigen , als die schweren Stunden allnächtlich wiederkehrten , ein neues Empfinden an . Sie näherten sich langsam dem grossen Geiste , der überall ist - auch in ihrer Brust . In seiner Nähe fanden sie ihre alte Traumruhe wieder , und sie vergassen ihre Angst und gaben sich in der geheimnisvollen Stille der Finsternis ganz dem Grossen hin , der keinen Namen hat - der das Ewige ist - der bleibt , wenn auch alles vergeht . Ging es dir nicht ähnlich , mein lieber Kaidôh ? « Ein paar Kinder öffnen unten ihre kleinen Fäuste und irren mit den kleinen Fingern durch die Luft . Kaidôh träumt noch und empfindet das Verwirrende und Erschöpfende des Traumes ; er möchte aufwachen , kann aber nicht - es liegt sich auch so gut und weich . Es ist so still im Reiche der Schläfer . Kaidôh lächelt und nickt , er wundert sich , dass Liwûna so viel weiss , und während er von schwankenden Kornfeldern träumt , sagt er nachdenklich : » Ja ! Die Sehnsucht nach der zerstörten Vergangenheit ist die schwerste Sehnsucht ; sie gebiert die bittersten Stunden der Wehmut . Und alles andre , was Liwûna sprach , stimmte gut zusammen - wusste sie noch von mehr ? « Seine ganze Vergangenheit zog vor ihm vorüber . Ich weiss noch , « versetzte Liwûna schnell , » von deinem lautlosen Gebet . « » Sei still ! « sprach Kaidôh , » lass uns weiter schweben . Wir wissen nicht , ob wir die Schläfer stören - sie wollen doch weiter träumen . « Und die Beiden erhoben sich , indem sie mit den Armen um sich griffen , reckten ihre Glieder und verliessen das Nebelreich - schwebten empor und weiter durch die schwarze Schlucht , in der die Dämmerung so schwer an den Steinen hing , wie die schweren Stunden , in denen alles zu Ende zu gehen scheint . Kaidôh klagte über die Schwere . Da wandte sich Liwûna zur Rechten und schwebte durch ein gewaltiges Felsenthor . Kaidôh folgte . Und blaues Licht umfloss die Beiden . Das blaue Licht leuchtete wie Geisteraugen . Aber es umfloss nicht bloss Liwûna und Kaidôh - es hing sich auch an viele schwebende Köpfe , die wie blaue Schneeflocken aus der Lichthöhe herunterrieselten . Die schwebenden Köpfe waren auf der Schädelplatte sehr stark behaart , und alle hatten Vollbärte , die den ganzen Hals verdeckten . Und das blaue Licht hing an den Köpfen , als ob es sie herunterzöge . Liwûna sagte , das wären lauter Denker - grosse Denker - weises Volk ! Und in den Haupthaaren der Denker fing es plötzlich zu brennen an ; buttergelbe Flammen schlugen aus den Hirnschalen heraus , und durch die brennenden Haare entstand ein grosser Feuerregen - buttergelb war der . Liwûna schwebte mitten in den Feuerregen hinein ; die gelben Funken rieselten knisternd um die perlgrauen Gewänder , die so dünn erschienen wie feinste Schleiergebilde . Kaidôh erschrak ; er glaubte , die Liwûna müsste gleich Feuer fangen und brennen wie die Hirnschalen der Denker . Und besorgt flog der Erschrockene zu Hilfe . Doch seine Freundin wandte sich lächelnd um und meinte lustig : » So ganz gleichgültig scheine ich dir also nicht mehr zu sein . Das freut mich . Aber Angst brauchst du meinetwegen nicht auszustehen . Mir schadet das Feuer der Denker ebenso wenig wie dir . Warum wunderst du dich nicht , dass wir gar nicht Feuer fangen können ? « Kaidôh gab keine Antwort , und sie flogen rasch durch die brennenden Köpfe durch in ein grosses Blumenreich . Berauschender Duft steigt da den Beiden in die Nase . Der Himmel ist hell und weiss wie Kreide . Doch unten blühen Riesenblumen - so hoch wie Berge - Blütenkelche so tief wie Thäler -Staubfäden wie schwankende Leuchttürme . An einer langen Mauer hängen Weintrauben , die so gross sind wie dicke Bündel aufgeblasener Luftballons . Ringsum ein Urwald aus Riesenblumen ! Glockenblumen , die grossen Tempelhallen ähneln ! Rosenstengel , die nicht von tausend Gorillas zu umspannen wären ! Lilienkelche - so tief wie Kellergewölbe in alten Burgen . Lauter farbenstrotzende Blumenwälder unter dem weissen Kreidehimmel ! Sehr viele dicke Blumen haben Blütenblätter - die sind gemustert - wie zusammengeknotete Salamander und Schlangen . Manche Blüten bestehen aus riesenhaften Schmetterlingsflügeln - faltenreich geknillt , verbogen und verschoben sind die . Und alles ist schrecklich bunt und so sammetartig . Der Blütenstaub liegt an vielen Stellen so dick , dass er farbigen Schneemassen gleicht . Eine Riesen-Gärtnerei ! Die schweben langsam über den grossen Blumen dahin und blicken immerzu staunend in die Tiefe . Und erst nach geraumer Zeit brach Kaidôh das Schweigen . » Früher , « bemerkte er , » kam mir die Welt fast immer drollig vor ; ich musste über alles lachen . Und jetzt empfinde ich nicht den geringsten Lachreiz , obwohl diese Riesenblumen einen ernsten Eindruck kaum erzeugen . Wie kommt es , dass ich so wenig lache ? Kannst du mir das erklären ? « Liwûna lächelte und sah