. « Ein tiefes inniges Mitgefühl erfaßte mich , so , als hätte ich die Arme ausbreiten und die Einsame an meine Brust ziehen müssen . Da hob sie die klugen Augen wieder empor und lächelte ernsthaft : » Aber ich fühle mich wohl dabei , ich hab es so gewollt . « Und nun schoß ihr das Blut in die Backen . » Vielleicht - wenn ich einmal ganz drunten bin - wenn ich keinen Weg mehr sehe - - « » Dann kommen Sie zu mir ! « rief ich bittend , und wir drückten uns noch einmal fest die Hände . Seit diesem Gespräch beobachtete ich sie noch aufmerksamer bei Tische , sah sie von Tag zu Tage mit immer dem gleichen , unachtsamen und doch gespannten Blick auf ihrem Eckplatz sitzen und sich weniger denn je nach den Mädchen umsehn , die an sie anstießen . - - Und dann , eines Tages , blieb sie aus . - - Der leere Stuhl beunruhigte mich , ich weiß nicht wieso , ich mußte immer dorthin sehn . Am folgenden Tage ward er weggenommen . » Kommt Fräulein Halmschlag nicht mehr ? « fragte ich das Mädchen . Sie wußte es nicht , und auch die Wirtin sagte , sie habe keinen Bericht erhalten . Es scheine ja fast , daß sie nimmer kommen wolle . » Haben Sie ihre Adresse ? « fragte ich . Die Frau verneinte ; damit war die Sache beendet . Aber der Platz , der jetzt unbesetzt blieb , erinnerte mich immer von neuem an die kleine einsame Studentin , an die roten , verbleichenden Wangen . Auf der Kanzlei der Universität erfragte ich ihre Adresse und beschloß , sie demnächst aufzusuchen . Einmal dann stand ich vor jener Hausthür . Aber die Furcht , zu stören , mich belästigend einzudrängen , trieb mich zurück . Vielleicht war sie gar aus der Pension weggeblieben , um gerade meinen Annäherungsversuchen zu entgehn , sagte ich mir . Es giebt so scheue Vögelchen , die sogar das Nest verlassen , nur weil ein fremder Blick hineingeschaut hat . Außerdem - wie vielgestaltig ist der Kummer , der die Gesichter bleich macht , und wie wenig vermag der Dritte über diese verschiedenen Feinde des Lebens . Ich tröstete mich ! Ein bißchen Liebesweh , vielleicht . Ein krankhafter Ehrgeiz , der schon zurecht kommen wird mit der Zeit . Examensorgen , zu denen man lächelt , wenn sie vorüber sind . Oder gar nur irgend ein phantastisches Weh , wie das , nicht drei Augen zu haben ! - Da traf ich sie eines Abends auf der Straße . Sie trat aus einem Metzgerladen und trug ein schmales Päckchen in der Hand . Sie schrak zusammen , als ich sie anrief , kam aber dann mit dem alten freundlichen Lächeln auf mich zu . Wir begrüßten uns herzlich . » Wo speisen Sie denn jetzt ? « fragte ich , » haben Sie ' s besser getroffen ? « Sie erwiderte kurz , daß sie sich selber etwas koche und ging nicht weiter ein auf meine Frage , ob das nicht sehr zeitraubend sei . Ich fand sie ziemlich verändert , stiller und magerer ; dabei ganz unzugänglich für alle Erkundigungen nach ihrem Ergehen . » Aber Ihr Studium gefällt . Ihnen noch immer ? « fragte ich . Da lebte sie auf . » Wie sollte es mir nicht gefallen ? Es giebt nichts Größeres ! Ich lebe nur dafür , und es entschädigt für alles ! « das war ganz der alte Ton . » So sind Sie doch glücklich , « sagte ich beruhigt . » Ja , wenn - « sie seufzte plötzlich tief , schüttelte meine Hand und war verschwunden . - Ich kannte auch diese Art. Es ist die Furcht einer ursprünglich zarten , weichen Seele , die sich mühsam , unter tausend Kämpfen und Thränen ein Schutzgewand gewebt hat , in die alte Hülflosigkeit und Verletzbarkeit zurückzufallen beim ersten guten offenen Wort . Diese Furcht macht abweisend . Ich zankte mit mir selbst . Kein lästigeres Gefühl , als das , sich aufgedrängt zu haben ! Du mußt sie gehn lassen , sagte ich mir , du siehst , daß sie stark ist , daß sie ihr Schicksal auf alle Fälle auf sich genommen hat . Laß sie nicht immer fühlen , daß du sie für schwächer hältst , als sie sich giebt . Sei kein Esel . Und ich beschloß , ihr ganz allein das Wort zu überlassen , falls wir uns wieder begegnen sollten . - - Wenige Tage vor Weihnachten führte ein übermütiger Föhn , der durch die nassen Straßen blies , uns einander fast in die Arme . Diesmal hielt ich mir Wort , wir sprachen nichts Persönliches , obgleich ihr Aeußeres mir schmerzlich auffiel . Sie hatte sich immer höchst einfach und dunkel getragen , wie die übrigen Studentinnen auch , aber heute sah sie fast ärmlich aus , auch trug sie über der dünnen grauen Bluse keinen Mantel . Wie ich mit den Blicken ihre zitternden Arme streifte , errötete sie , zog die Brauen abweisend zusammen und gab verwirrte Antworten . Ich fragte abschiednehmend , ob sie über die Ferien in Zürich bleibe . » Natürlich ! « nickte sie , » es sind ja ohnehin nur drei Wochen . « Plötzlich bückte sie sich , um einem vorübergehenden Kinde den Kopf zu streicheln . Und so , in der geneigten Haltung , sagte sie mit heiserer Stimme : » Vielleicht - ich habe schon gedacht - daß ich - in diesen Ferien - doch einmal zu Ihnen komme - - « Schwer schienen sich diese Worte von ihr loszuringen , und ich war nicht einmal in der Lage , ihren Besuch anzunehmen . » Das trifft sich leider sehr ungünstig ! « rief ich bedauernd , » ich reise morgen früh nach Hamburg . « Sie starrte mich wortlos