ohne ihn , sich eine hervorragende Stellung auf dem Kampfplatze des Lebens zu erringen vermag . So hatte sie es gelesen , Tag für Tag , in den hübschen blauen , grünen und gelben Broschüren , die ihre » Genossinnen im Streite um ihr Menschenrecht « ihr hatten zugehen lassen . Seit es ihr klar geworden war , daß sie Einhart nicht liebte , war plötzlich der Durst nach » Bildung « in ihr erwacht . Sie begann zu lesen ; zuerst Romane , dann auch anderes . Schließlich war sie kühn geworden und hatte ein oder dem andern Autor , meist waren es weibliche , die sie interessierten , geschrieben . Nach kurzem Briefwechsel wußten die Andern bereits , daß sie eine Unglückliche , Unverstandene sei , eine jener Tausende , die unter dem Sklavenjoch der Ehe schmachteten . Das war ja eine , wie sie sie brauchen konnten . Die Vertreterinnen der männerverdammenden Richtung antworteten ihr und sandten Bücher , Broschüren und Flugblätter aus ihrer Werkstatt an sie . Sie fühlte sich gehoben , beglückt . Nach den letzten trübseligen Monden ihrer Ehe , wo oft Wochen vorübergegangen waren , ohne daß eines der Gatten zum andern sprach , hatte er sie endlich freigegeben . Ihre Bekannten überhäuften sie mit Vorwürfen - Eltern hatte sie nicht mehr - und bewiesen ihr klipp und klar , daß sie eine Närrin wäre , einen braven edlen Mann zu verlassen , den sie überdies aus einem lebensfrohen Menschen zu einem wortkargen Sonderling gemacht hätte . Sie gab scharfe Antworten : daß die andern eben dem alten , sie aber dem neuen Geschlechte angehöre , das zu höhern Berufen geboren sei . Mitzuarbeiten am großen Befreiungswerke der Frau , das sei Pflicht jedes denkenden Weibes . So stolz hatte sie gesprochen , und nun saß sie auf dem Bettrand und weinte , weils unruhig auf der Straße war . Sie griff nach der Uhr , es war beinahe zwölf , und streckte sich wieder aus . Nun mußte es doch jeden Augenblick still werden . Eine Genugthuung hatte sie wirklich . Die elektrische Lampe vor dem Fenster verlöschte . Aber der Lärm ? Als sie wieder zur Uhr griff , war es vier . Und dem Lärm fiel es gar nicht ein , zu verstummen . Es toste , krachte , schmetterte , pfiff fort . Dann endlich begann es zu dämmern . Hildegard wälzte sich mit rotgeweinten Augen auf den Kissen . Ihre Gehörorgane waren so gereizt , daß sie nicht wahrnahm , wie es jetzt mählig stiller und stiller zu werden begann . Sie erwog im Geiste , wie sie Fräulein Schulze sagen würde , sie vermöchte es keine zweite Nacht in diesem Höllenspektakel auszuhalten , das Fräulein möge ihr - sie hatte leider schon die Miete für einen Monat voraus bezahlt - die Hälfte derselben zurückgeben und sie ziehen lassen , sie würde sich sofort um ein anderes Zimmer umsehen . Diesen Vorsatz erwägend schloß sie die Lider . Als sie sie wieder aufschlug , stand die Sonne am Himmel . Hildegard setzte sich verwundert im Bette auf . Hatte sie geschlafen ? Nein , das konnte doch nicht gut sein . Sie sprang auf . Sie mußte ja Fräulein Schulze sprechen , und diese ging schon um neun Uhr ins Geschäft . Es war gleich zehn . Mit einem Seufzer sank sie aufs Sofa . Nun war die Andere natürlich längst fort , und sie würde noch eine Nacht - nein , lieber wollte sie in einem Hotel schlafen . Aber ihr Geld ! Sie mußte sehr sparen , um überhaupt auszukommen . Ihr Mann würde ihr monatlich hundert Mark geben . Mehr konnte er nicht . Er verdiente nicht allzuviel . Sie wusch sich , kleidete sich an und überlegte , was am klügsten zu thun wäre . Und da fiel ihr ein , sie könnte nach dem Geschäft gehen , wo Fräulein Schulze Directrice war . Sie wollte ihr Vorstellungen machen . Ihre Toilette war bald beendet . » Fräulein Schulze ist wohl schon lange fort « sagte sie ins Vorzimmer tretend . Die Dienerin , die nähend am Fenster über ein rosa Kleid gebeugt saß , verzog ihr Gesicht zu einem hämischen Grinsen . » Det will ick meenen . Hier in Berlin werden die Jeschäfter schon vor zehn Uhr jeöffnet . « Frau Wallner runzelte die Brauen und entfernte sich . Sie frühstückte in der ersten Konditorei , an der sie vorbeikam , und begab sich nach der Jägerstraße . Man rief Fräulein Schulze aus der Schneiderinnenwerkstätte in den Laden herüber . Sie war nicht wenig verwundert , ihre Mieterin zu sehen , und lachte hell auf bei deren Anliegen . » Sie glauben doch nicht im Ernst , daß ich Ihnen die Miete zurückzahle , liebe Frau . Nee , das glauben Sie nicht . Aber - « die thränengefüllten Augen der jungen Frau rührten sie - » ich will Ihnen einen Vorschlag machen . Nehmen Sie mein Zimmer , und ich gehe nach vorn . Einen Monat lang werden Sie ' s schon aushalten können . Sind Sie ' s nicht , ists wer anders . Ich böte nicht Jedem diesen Vergleich an , aber Sie dauern mich , weil Sie fremd sind , und weil die dreißig Mark unnötiger Ausgabe Ihnen schwer fielen . Also . Hinten nach dem Hofe zu ists totenstill , und die Herren Nerven werden sich schon zufrieden geben . « Hildegard lächelte schwach . » Also Sie meinen - « » Ja ich meine , so wirds gehen , versuchen wirs heute Abend ; aber jetzt entschuldigen Sie - ja , ja Fräulein Kohler , ich komme schon ! - Sie sehen , man ruft mich ; adieu indessen . « Und zwischen einem Knäuel kaufender Kunden und herumstehender Ladendiener wand sie sich geschickt hindurch und eilte wieder nach der Arbeitswerkstätte . Hildegard verließ kleinlaut das Geschäft . So hatte sie ' s eigentlich nicht beabsichtigt