in » Ninive « mächtige Ereignisse auf sie warteten , große Wandlungen ihres Lebens ihrer harrten . Ihre junge Seele war überaus hungrig , denn sie war ganz leer , - weder schlecht noch gut , weder zum Höchsten noch zu Niederm geneigt , die Seele eben eines jungen Mädchens , das noch nichts erfahren hat , als den Frieden seines Hauses . Augenblicklich lebte in ihr eine große warme Liebe zu jenen Menschen , deren Werke sie las . Alle zusammen könnte sie persönlich kennen lernen , wenn sie hinüberkäme in die » Wunderstadt « , meinte Betty . Auch Hans Tage lebte dort , der Dichter mit dem weichen , gnädigen Herzen . Eines Tages schob die Großmutter die Suppe mit einer Bewegung des Widerwillens zurück . » Versalzen « . Am andern Tage brummte sie : » Der Kaffee ist verbrannt , er schmeckt gallig « . Am dritten Tage schlief sie immerfort und war kaum zu bewegen , die Augen zu öffnen . Da nahm Johanne die Hände der alten Frau in die ihren und hauchte darauf , denn sie waren eiskalt . Sie sah ratlos im Stübchen umher . Die alten , bräunlichen Möbel in ihrer großen derben Eckigkeit konnten ihr nicht raten . Sie breitete eine gewärmte Decke über die Großmutter und ging zum Arzt . Das war ein alter grober Mann , der schon seit mehreren Dezennien hier Kranke heilte und tötete , wies eben kam . Aber man rief doch lieber ihn , als den modischen Medizindoktor , der einen goldnen Klemmer auf der Nase sitzen hatte , feine gestickte Wäsche trug , und furchtbar über die dummen Sienenthaler schimpfte . Der Doktor verordnete der alten Frau heißen Wein , in den Eierdotter gesprudelt waren , einen warmen Ziegelstein unter die Füße , und wenn dies nicht half , den Pfarrer . Es half wirklich nicht . Sie that immerzu , als schliefe sie , und stand auf nichts Rede und Antwort . Johanne holte ein paar Nachbarinnen , weinte und ging endlich zum Pastor . Der kam , legte seine Hand der Kranken auf die Stirne und sah ihr lange in das wachsfarbene Gesicht . Er sprach auch einige leise Worte zu ihr ; als sie aber regungslos blieb , faltete er die Hände zu einem stummen Gebet und schritt leise hinaus . Draußen stand Johanne zitternd und sah ihn an . Er lächelte mild und nahm ihre Hand in die seine . » Sie schläft hinüber ; sei ganz ruhig und laß sie . Gegen Abend komme ich wieder « . Und als abends die Lichtlein im Orte angezündet wurden und der Hofhund des Nachbars kläglich zu weinen begann , öffnete der Geistliche behutsam die Thür und sah die Großmutter wie nachmittags in ihrem Bette ruhen , aber ein weißes Tüchlein lag auf ihrem Antlitz . - Da nahm er das am Bett schluchzende Kind , das er getauft und konfirmiert hatte , in seine Arme und sagte : » Nun stark sein Kleine . Wir alle haben einen Tag vor uns , da man ein Tüchlein über unser Gesicht breitet « ..... 2 Johanne erhielt einen Vormund . Es war ein alter Mann , der früher das Schlächtergeschäft betrieben hatte und jetzt in einem kleinen Hause mit seiner kränklichen Frau der Ruhe pflegte . Er war ein guter Freund der Großmutter gewesen , und es schien allen natürlich , daß er die Sorge um das junge Mädchen übernahm . Seltsam , weder die alte Frau noch der Pfarrer , noch Ritter , der Vormund , hatten sich jemals die Frage vorgelegt : was geschieht mit dem jungen Mädchen , wenn es einmal allein in der Welt steht ? Der Verkauf des Häuschens mit dem Garten würde kaum mehr als vier- , fünftausend Mark ergeben haben . Davon konnte aber kein Mensch leben . Also lag es nahe , daß Johanne sich irgendwo als Magd verdingte . Auf dem Lande brauchen sie aber kräftige Dirnen , die gut feldarbeiten können . Und Johanne war eher schwächlich als stark . Außerdem verstand sie gar nichts von der Landwirtschaft . Was sollte man mit ihr beginnen ? Ritter meinte : du bleibst jetzt ruhig bei uns . Das Häuschen suchen wir zu verpachten ; wenn du dich einmal verheiratest , hast dus bequem und kannst dich gleich in dein Eigentum hineinsetzen . Johanne wohnte nun bei den beiden alten Leuten . Die Frau war sehr wunderlich und konnte es nicht leiden , wenn Johanne las oder sich mit feinen Handarbeiten beschäftigte . Sie ließ sie unaufhörlich scheuern und putzen , obzwar alles in Küche und Haus vor Sauberkeit glänzte . Man zeichnete ihr jeden ihrer Schritte vor , und wenn sie etwas länger ausblieb als gewöhnlich , gabs Schelte . Und dabei hatte sie ein kleines unfreundliches Stübchen , in dem sich kein Ofen befand und wo sie Winters frieren mußte . Sie wurde von Tag zu Tag trauriger . Die schöne Welt war nun versunken , die ihr von den Büchern , in denen sie früher lesen durfte , in ihre Einsamkeit gezaubert wurde . Die beiden greisen wunderlichen Leute waren kein Ersatz für die Großmutter . Die Sehnsucht nach jungen Menschen , nach Leben , nach Freude wurde täglich mächtiger in ihr . Da draußen in der Welt wars so herrlich ! und sie in diese schreckliche Wüste verbannt ! Eines Tages lief sie ohne Erlaubnis davon , in den Laden des alten Fräuleins und klagte ihr Leid . Betty strich ihr beschwichtigend über das Haar und zog sie auf das alte Ledersopha im Stübchen neben dem Laden . » Wenn ich so ein lieb jung Mädchen wäre wie Sie , ich wüßte wohl , was ich thät . Ich ginge nach Ninive , lernte da etwas , z.B. Kindergärtnerei , erhielte eine feine Stellung , machte nette Bekanntschaften , und vergnügte mich « . Johanne faßte die Sprecherin an den Händen . » Ach Gott , könnt ichs doch