, dafür ein Gewehr in der Hand . Dieser Alte war Major Balthasar von Poggenpuhl , der den Kirchhof eine halbe Stunde hielt , bis er mit unter den Toten lag . Eben dieses Bild , wohl in Würdigung seines Familienaffektionswertes , war denn auch in einen breiten und stattlichen Barockrahmen gefaßt , während die bloß unter Glas gebrachten Lichtbilder nichts als eine Goldhorte zeigten . Alle Mitglieder der Familie , selbst der in Kunstsachen etwas skeptische Leo mit einbegriffen , übertrugen ihre Pietät gegen den » Hochkircher « - wie der Hochkirch-Major zur Unterscheidung von vielen andern Majors der Familie genannt würde - auch auf die bildliche Darstellung seiner ruhmreichen Aktion , und nur Friederike , sosehr sie den Familienkultus mitmachte , stand mit dem alten , halb angekleideten Helden auf einer Art Kriegsfuß . Es hatte dies einfach darin seinen Grund , daß ihr oblag , mit ihrem alten , wie Spinnweb aussehenden Staublappen doch mindestens jeden dritten Tag einmal über den überall Berg und Tal zeigenden Barockrahmen hinzufahren , bei welcher Gelegenheit dann das Bild , wenn auch nicht geradezu regelmäßig , so doch sehr , sehr oft von der Wand herabglitt und über die Lehne weg auf das Sofa fiel . Es wurde dann jedesmal beiseite gestellt und nach dem Frühstück wieder eingegipst , was alles indessen nicht recht half und auch nicht helfen konnte . Denn die ganze Wandstelle war schon zu schadhaft , und über ein kleines , so brach der eingegipste Nagel wieder aus , und das Bild glitt herab . » Gott « , sagte Friederike , » daß er da so gestanden hat , nu ja , das war ja vielleicht ganz gut . Aber nu so gemalen ... es sitzt nich und sitzt nich . « Und nachdem sie dies Selbstgespräch geführt und die Ofentür , was immer das letzte war , wieder fest zugeschraubt hatte , tat sie Handfeger und Wischtuch wieder in den Holzkorb und trat leise durch die lange Schlafstube hin ihren Rückzug in die Küche an . Es war aber nicht mehr nötig , dabei so vorsichtig zu sein , denn alle vier Damen waren bereits wach , und Manon hatte sogar den einen nach dem Hof hinausführenden Fensterflügel halb aufgemacht , davon ausgehend , daß vier Grad unter Null immer noch besser seien als eine vierschläfrige Nacht- und Stubenluft . Keine Viertelstunde mehr , so kam der Kaffee . Die Damen saßen schon vorn in der warmen Stube , die Majorin auf dem Sofa , Therese in ihrem Schaukelstuhl , während Manon , einen Handwerkszeugkasten vor sich , eben diesen Kasten nach einem etwas längeren Nagel , und zwar für den alten , wieder herabgefallenen » Hochkircher « , durchsuchte . » Friederike « , sagte die Majorin , » du solltest dich mit dem Bilde doch etwas mehr in acht nehmen . « » Ach , Frau Majorin , ich tu es ja , ich rühr ihn ja beinah nich an ; aber er sitzt immer so wacklig ... Gott , Manonchen , wenn Sie doch bloß mal einen recht langen fänden oder , noch besser , wenn Sie mal so ' nen richtigen Haken einschlagen könnten . In acht nehmen ! Gott , ich denke ja immer dran , aber wenn er denn so mit einmal rutscht , krieg ich doch immer wieder ' nen Schreck . Un is mir immer , als ob er vielleicht seine Ruhe nich hätte . « » Ach , Friederike , rede doch nicht solch dummes Zeug « , sagte Therese halb ärgerlich . » Der , gerade der . Als ob der seine Ruhe nicht hätte ! Was das nur heißen soll ! Ich sage dir , der hat seine Ruhe . Wenn nur jeder seine Ruhe so hätte . Gut Gewissen ist das beste Ruhekissen . Das weißt du doch auch . Und das gute Gewissen , na , das hat er ... Aber wo hast du nur wieder die Semmeln her ? Die sehen ja wieder aus wie erschrocken , viel erschrockener als du . Ich mag nicht die Budikersemmeln . Warum gehst du nicht zu dem jungen Karchow , das ist doch ein richtiger Bäcker . « Es war dies eine zwischen dem Mädchen und dem Fräulein jeden dritten Tag wiederkehrende Meinungsverschiedenheit , und Friederike , die vollkommene Redefreiheit hatte , würde auch heute nicht geschwiegen und ihren alten Satz , » daß man es mit den Kellerleuten nicht verderben dürfe « , tapfer verteidigt haben , wenn es nicht in diesem Augenblick draußen geklopft hätte . » Der Briefträger « , riefen alle drei Schwestern , und gleich danach erschien auch Friederike wieder im Zimmer und brachte die Postsachen : ein Zeitungsblatt unter Kreuzband , eine Holz- und Torfanzeige und einen richtigen Brief . Die Holz- und Torfanzeige flog gleich aufs Ofenblech , das an Sophie adressierte Zeitungsblatt , das wahrscheinlich eine Rezension einiger ihrer eben ausgestellten Aquarellbilder enthielt , wurde beiseite geschoben , und nur der Brief erregte allgemeine Freude . » Von Leo ! « riefen die Schwestern und reichten den Brief der Mutter . Diese gab ihn aber an Therese zurück und sagte : » Lies du , Therese . Ein so guter Junge . Aber ich kriege immer einen Schreck . Immer will er was . Und nun ist eben erst Weihnachten gewesen und Neujahr und die Miete ... « » Ach , Mutter , du ängstigst dich immer gleich so . Man sieht doch , daß du keine Soldatentochter bist . « » Nein , bin ich nicht . Und ist auch recht gut so . Wer sollte sonst das bißchen zusammenhalten ? « » Wir . « » Ach , ihr ... ! Aber nun lies , Therese . Mir schlägt ordentlich das Herz . « » ... Liebe Mama ! Weihnachten war es nichts . Urlaub hätte mir das Regiment vielleicht gegeben , aber das Reisegeld ! Sie reden immer soviel jetzt von billigen Fahrpreisen