letzten Worte und streifte Corinna stark , wenn auch flüchtig . Indessen wahrnehmend , daß diese heiter und unbefangen blieb , schwand ihre Furchtanwandlung ebenso schnell , wie sie gekommen war . » Ja , Leopold « , sagte sie , » den hab ich noch . Aber Leopold ist ein Kind . Und seine Verheiratung steht jedenfalls noch in weiter Ferne . Wenn er aber käme ... « Und die Kommerzienrätin schien sich allen Ernstes - vielleicht weil es sich um etwas noch » in so weiter Ferne « Liegendes handelte - der Vision einer idealen Schwiegertochter hingeben zu wollen , kam aber nicht dazu , weil in eben diesem Augenblicke der aus seiner Obersekunda kommende Professor eintrat und seine Freundin , die Rätin , mit vieler Artigkeit begrüßte . » Stör ich ? « » In Ihrem eigenen Hause ? Nein , lieber Professor ; Sie können überhaupt nie stören . Mit Ihnen kommt immer das Licht . Und wie Sie waren , so sind Sie geblieben . Aber mit Corinna bin ich nicht zufrieden . Sie spricht so modern und verleugnet ihren Vater , der immer nur in einer schönen Gedankenwelt lebte ... « » Nun ja , ja « , sagte der Professor . » Man kann es so nennen . Aber ich denke , sie wird sich noch wieder zurückfinden . Freilich , einen Stich ins Moderne wird sie wohl behalten . Schade . Das war anders , als wir jung waren , da lebte man noch in Phantasie und Dichtung ... « Er sagte das so hin , mit einem gewissen Pathos , als ob er seinen Sekundanern eine besondere Schönheit aus dem Horaz oder aus dem » Parzival « ( denn er war Klassiker und Romantiker zugleich ) zu demonstrieren hätte . Sein Pathos war aber doch etwas theatralisch gehalten und mit einer feinen Ironie gemischt , die die Kommerzienrätin auch klug genug war herauszuhören . Sie hielt es indessen trotzdem für angezeigt , einen guten Glauben zu zeigen , nickte deshalb nur und sagte : » Ja , schöne Tage , die nie wiederkehren . « » Nein « , sagte der in seiner Rolle mit dem Ernst eines Großinquisitors fortfahrende Wilibald . » Es ist vorbei damit ; aber man muß eben weiterleben . « Eine halb verlegene Stille trat ein , während welcher man , von der Straße her , einen scharfen Peitschenknips hörte . » Das ist ein Mahnzeichen « , warf jetzt die Kommerzienrätin ein , eigentlich froh der Unterbrechung . » Johann unten wird ungeduldig . Und wer hätte den Mut , es mit einem solchen Machthaber zu verderben . « » Niemand « , erwiderte Schmidt . » An der guten Laune unserer Umgebung hängt unser Lebensglück ; ein Minister bedeutet mir wenig , aber die Schmolke ... « » Sie treffen es wie immer , lieber Freund . « Und unter diesen Worten erhob sich die Kommerzienrätin und gab Corinna einen Kuß auf die Stirn , während sie Wilibald die Hand reichte . » Mit uns , lieber Professor , bleibt es beim alten , unentwegt . « Und damit verließ sie das Zimmer , von Corinna bis auf den Flur und die Straße begleitet . » Unentwegt « , wiederholte Wilibald , als er allein war . » Herrliches Modewort , und nun auch schon bis in die Villa Treibel gedrungen ... Eigentlich ist meine Freundin Jenny noch gerade so wie vor vierzig Jahren , wo sie die kastanienbraunen Locken schüttelte . Das Sentimentale liebte sie schon damals , aber doch immer unter Bevorzugung von Courmachen und Schlagsahne . Jetzt ist sie nun rundlich geworden und beinah gebildet , oder doch , was man so gebildet zu nennen pflegt , und Adolar Krola trägt ihr Arien aus Lohengrin und Tannhäuser vor . Denn ich denke mir , daß das ihre Lieblingsopern sind . Ach , ihre Mutter , die gute Frau Bürstenbinder , die das Püppchen drüben im Apfelsinenladen immer so hübsch herauszuputzen wußte , sie hat in ihrer Weiberklugheit damals ganz richtig gerechnet . Nun ist das Püppchen eine Kommerzienrätin und kann sich alles gönnen , auch das Ideale , und sogar unentwegt . Ein Musterstück von einer Bourgeoise . « Und dabei trat er ans Fenster , hob die Jalousien ein wenig und sah , wie Corinna , nachdem die Kommerzienrätin ihren Sitz wieder eingenommen hatte , den Wagenschlag ins Schloß warf . Noch ein gegenseitiger Gruß , an dem die Gesellschaftsdame mit sauersüßer Miene teilnahm , und die Pferde zogen an und trabten langsam auf die nach der Spree hin gelegene Aus-fahrt zu , weil es schwer war , in der engen Adlerstraße zu wenden . Als Corinna wieder oben war , sagte sie : » Du hast doch nichts dagegen , Papa . Ich bin morgen zu Treibels zu Tisch geladen . Marcell ist auch da und ein junger Engländer , der sogar Nelson heißt . « » Ich was dagegen ? Gott bewahre . Wie könnt ich was dagegen haben , wenn ein Mensch sich amüsieren will . Ich nehme an , du amüsierst dich . « » Gewiß amüsier ich mich . Es ist doch mal was anderes . Was Distelkamp sagt und Rindfleisch und der kleine Friedeberg , das weiß ich ja schon alles auswendig . Aber was Nelson sagen wird , denk dir , Nelson , das weiß ich nicht . « » Viel Gescheites wird es wohl nicht sein . « » Das tut nichts . Ich sehne mich manchmal nach Ungescheitheiten . « » Da hast du recht , Corinna . « Zweites Kapitel Die Treibelsche Villa lag auf einem großen Grundstücke , das , in bedeutender Tiefe , von der Köpnicker Straße bis an die Spree reichte . Früher hatten hier in unmittelbarer Nähe des Flusses nur Fabrikgebäude gestanden , in denen alljährlich ungezählte Zentner von Blutlaugensalz und später , als sich die Fabrik erweiterte , kaum geringere Quantitäten von Berliner Blau hergestellt