... Sie sitzt ja schon bald ein Vierteljahrhundert da an dem Fenster und arbeitet für den Sohn des toten Leopold und seiner schönen Frau . Bringt die stille Geburtstagsfeier das holde Gesicht der Jugendfreundin so lebendig vor ihre Augen ? ... Die Leni kommt ja niemals da herunter in die Dunkelheit ... die lebt oben im Licht , geehrt , reich , schön , was soll sie da auf dem vergessenen armen Platz ? Sie aber , die Einsame , hat sich diesen Platz schwer errungen durch harte Arbeit , stumme Demut , tiefes Mitleid und grenzenlose Liebe . Ein verlorner Posten sitzt da , dessen keiner gedenkt als er ... Die Vergangenheit versinkt ... Er ... ihr Sohn , ist das Glück und die Zukunft . Die Rosen duften stärker , die Gewitterluft hat sie erfrischt , und wie jetzt draußen der Regen niederprasselt , tun sie ihre Kelche weit auf , und das Gemach ist ganz erfüllt von schwülem Geruch . Sie , » das alte Mädchen « , denkt jetzt nur daran , daß die Blumen für ihn da sind , zu seinem Geburtstag auf ihn warten gleich ihr , und sie weiß , daß es ihn zu ihr drängt , daß er auch auf der ganzen weiten Welt keinen lieberen Platz hat als ihr Herz und den Winkel , in dem seine Wiege steht . In der Küche auf dem Herd sprühen plötzlich die glühenden Kohlen - ein Windstoß tobt durch die aufgeschleuderte Türe , und aus der Finsternis jubelt eine junge gute Stimme : » Grüß dich Gott , Jungfer Murter ! « » Mein Bub ! ... mein Poldl ! ... mein ... mei ! « Der Ton bricht ab , sie kichert , lacht und lacht , daß ihr die Tränen über die Wangen fließen . Die zwei blutfremden Menschen halten sich fest umschlungen , eins geworden durch überwundene Leiden , unermeßliche Liebe und eine Treue , die stärker ist als der Tod ! » Warum kommst du denn so spät , mein Kind ? « stammelt sie . » Ich hab mir denkt « , und er blinzelt pfiffig nach dem Hof , » ich möcht heut Ruh haben vor unsern Nachbarn . Weißt noch , was du mir oft erzählt hast , wie ' s mein ' Herrn Vattern seckiert haben mit ' n Erzähln , wie er heimkommen ist aus ' n Feldzug . Ich hab aber mit dir allein sein wollen , Jungfer Murter ! Du , was riecht denn so gut bei uns ? « » Jesus ja ! Laß den Vorhang runter und zünd ' s Licht an , ich möcht dich ja sehn als ' r Ganzer ! « Er zieht rasch den Vorhang vor und zündet mit einem Griff die Lampe an , sie aber rückt die geweihten Kerzen , die auf dem Schubladenkasten neben dem Christus stehen , vorsichtig näher und steckt sie feierlich an , dann nimmt sie den jungen Soldaten bei der Hand , führt ihn zu dem Kasten und fragt geheimnisvoll : » Weißt , was heut für ein Tag ist ? « » Nein , Murterl , ich hab ja unter den Wilden g ' lebt ! « » Alsdann « , sagt sie immer noch sehr feierlich , » dein Geburtstag ! « » Der - meiner Seel ! « » Der noble Rosenbuschen da , der so gut riecht im Zimmer , ist von deiner Frau Mutter , der Gugelhupf da ist von der Laternanzünder-Godel ! « » Hat ' s recht stark g ' weint , wie ' s ihn g ' macht hat , die Frau Patin ? « unterbricht er die Hanne in kläglichem Ton und geschraubtem Hochdeutsch , und dann lachen beide gutmütig . » Da sein drei Packeln Tabak vom Laternanzünder-Göden , und da ... zwölf Paar Zwirnsöckeln , die hab ich dir g ' strickt bei der Nacht , im Bett , in der Finster , wann ich nicht schlafen hab können und viel hundert Vatterunser für dich bet ' t hab und für die arme Seel im Fegfeuer , für dein Vattern . Kein Fürscht hat schönere . Und jetzt , jetzt kommt der Oberskaffee ! « Sie sitzen lange beieinander und reden nur von der Zukunft , von dem glücklichen Beisammenbleiben bis an ihr Lebensende . » Ich bin dir so viel schuldig , Jungfer Murter , daß ich es dir nicht zahlen kann , wenn ich hunderttausend Jahr alt würd « , beteuert er treuherzig und tätschelt die hagern Hände der alten Jungfer in den seinen . » Magerer bist word ' n. « » Ja . Aber akarat wie dein seliger Vatter schaust du aus , so ist er g ' sessen auf demselben Sessel , wie er heimkommen ist , und o du mein ... g ' nauso hat er an sein ' blonden Schnauzbartel zupft ... und hat deine Frau Mutter und mich angelacht . « » Und so müd war er auch wie ich ... gelt , Murterl ? Es ist ein tüchtiger Marsch von Bosnien bis nach Wien , unter Menschen , die wieder eine ordentliche Sprach reden als wie wir jetzt miteinander . « Sie räumt den Tisch ab und verlöscht die Lichter , als sie aber den Vorhang wieder aufzieht , schaut sie verwundert hinaus in die lautlose Nacht . » Da schau , wie schön all ' s worden ist , das klare Mondlicht , die frische Luft und die Stillheit , das tut so wohl ... so wohl ... « Und nun bettet sie ihr großes Kind auf das breite alte Ledersofa , schüttelt ihm noch einmal die Polster recht hoch und macht ihm genau wie allzeit in seinen Kindertagen das Zeichen des Kreuzes über die Stirn . Nur wie der Schatten eines Lächelns huscht es dabei über seine hübschen Züge , und mehr zu sich selbst sagt er halblaut : » Bin halt noch allerweil für dich der kleine