. Nun ja doch ! Brüchig und in sich mannigfach auseinandergekeilt war er schon längst . Das Leben hatte ihm kein Stück gesunder Krafterde hingeschoben , auf daß er fest in sie hineinwurzele und aus ihr heraus drangvoll und säftereich treibe . Das war sein ganzes Leben lang nur ein loses Wurzelhängen gewesen . Von seinem achten , neunten , zehnten Jahre bis zu dem neunundzwanzigsten , in dem er nun stand ... und das vielleicht noch nicht das letzte war , dessen Ring er sich eingrub . Nach dem Tode des Vaters hatte der Bäckergeselle Karl Salge den Kopf ordentlich in die Höhe gereckt und sich an ' s Meisterspielen gemacht . Das Geschäft versuchte wieder einen kleinen Lebensaufschwung . Dafür war denn die Meisterin dankbar gewesen ... und hatte in einer Stunde der Freude , Hoffnung und Seelenschwäche dem drängenden Gesellen ihre Hand zugesagt . Die Hochzeit war auch eines Tages still , glanzlos , verschämt gefeiert - und Herr Salge somit Meister und Besitzer einer Bäckerei geworden , die ihm , dem bisher armen Burschen , doch immerhin eine gewisse Würde gab und ein bewußteres Auftreten gestattete . Ueberdies war ja die Meisterin todtkrank ... ihr Lichtlein brenzelte , zuckte und knarrte schon leise ... lange konnte es nicht mehr brennen ... Eines Tages erlosch es denn auch , und Herr Salge , der wacker gearbeitet hatte und dem es auch gelungen war , seine Waare wieder mehr zu Ehre und Ansehen zu bringen , heirathete seine Dienstmagd , mit der er sich schon vorher eingelassen hatte , und die sich eine nicht ganz kümmrige Summe aus ihren früheren Dienstschaften zusammengespart . Die Stiefkinder kamen natürlich früh aus dem Hause . Die Mädchen mußten sich nach ihrer Einsegnung bald nach auswärts verdingen , Gustav wurde zum Nachbar Schlächter in die Lehre gethan : er konnte ja vielleicht dasselbe Glück haben , wie sein Stiefvater . Adams nahm sich , als die Zeit dazu gekommen war , einer seiner Lehrer an und verschaffte ihm einen Platz im Gymnasial-Alumnat der nächsten größeren Provinzialstadt : in dem Jungen schien etwas Mehr zu stecken , als in seinen Geschwistern ... und des Experiments , das nothwendig war , um seine etwaigen Fähigkeiten an ' s helle Licht der Sonne zu befördern , war er ja immerhin werth ! Hieß er doch nicht nur Mensch , noch dazu Adam Mensch - war er doch schließlich auch ein Mensch und bot als solcher fürtreffliche Gelegenheit , christliche Nächstenliebe getreu nach dem Evangelium zu üben . Und nun kam die lange , drückende , ausmergelnde Leidenszeit Adams . Wie engten ihn die Schulwände ein ! Wie gaben sie ihm so blutwenig Luft und Licht und Freiheit und Wind ! Wie langsam schleppten sich die Jahre hin - und wie viel Fleisch von todten , crepirten Fischen wurde ihm als Geistesspeise zum Hinunterschlingen vorgesetzt ! Wie oft mußte er sich verleugnen , sich demüthigen , zu Kreuze kriechen , um die Brosamen nicht zu verlieren , die man ihm bewilligt hatte - und die man ihm Jahre lang so gern und so freudig gab ! Aber die Stunde , da dieses Zusammenleben mit dem Buchstabendogma der Kirchenlehrer , dieses Erkaltenmüssen in den todten Schnee- und Eis- und Gletscherregionen der galvanisirten Antike Ciceros und Vergils aufhörte , sie kam doch . Und nun sprang das Thor auf - und der Mulus lief wie wahnsinnig vor Freude im ostwindverkühlten Sonnenschein der jungen Märztage herum ... und dachte nicht daran , daß er doch eigentlich verdammt wenig Aussicht besäße , ein rechtschaffenes Burschenleben auf der Universität führen zu dürfen . Der Glückliche , der mit Patent entlassene Sträfling , dachte nicht daran , daß in naher Zukunft ein neuer Wermuthskelch wieder einmal - nicht an ihm vorübergehen würde - daß er noch Jahre ... noch drei , vier Jahre lang ärmlich und erbärmlich wie die bewußte Kirchenmaus würde leben müssen - und die ganze Fülle der Kräfte , die in ihm rang und stritt und nach Ausbruch und Bethätigung lechzte , würde entweder verleugnen , eindämmen , einsargen , » kaltstellen « , ersticken oder - in ein Strombett lenken müssen , das seinen Lauf nach dem an materieller Ausbeute gewiß reicheren Meere des » praktischen « Lebens nimmt ... Und die Stunden , Wochen , Monate und Jahre kamen und gingen - und Adam Mensch durchlebte sie : ein Sclave seiner Armuth und ein Freier zugleich . Die große Fluth des Lebens umbrandete ihn . Aber er hatte kaum einen Platz an der Tafel dieses Lebens . Durch Ertheilen von Privatunterricht verdiente er sich nothdürftig die paar Kreuzer , die dazu gehörten , um ihn überhaupt über Wasser zu erhalten . Manchmal , wenn es ihm gar zu heiß in der Brust wurde , sprang er mitten ins Leben hinein und spielte trotzig va banque . Dann staunte er wohl auch dieses so bunte , so verwickelte Leben an , und es dünkte ihn bisweilen gar nicht so schwer , Fuß in ihm zu fassen und auf all das tausendfältig Kleine und Besondere , das sich nun plötzlich vor ihm aufrollte , liebevoll einzugehen . In Stunden des Taumels riß er ein verlorenes Weib an seine Menschenbrust und lachte und schwelgte und weinte mit der Armuth und mit der Schmach . Sein philologisches Brotstudium betrieb er mit bedeutendem Eifer : war es doch , beim Styx ! der einzige Weg , der ihn hinaufführen konnte in die Bergsiedeleien der geistig und leiblich » Vornehmen « , der » Bildungsidealisten « ! Mitunter machte er Schulden , und die Docentenhonorare ließ er sich mit liebenswürdiger Bereitwilligkeit stunden . Er versuchte wohl auch die buntscheckige Sammlung seiner Talente : er schrieb Leitartikel für Zeitungen , machte Gelegenheitsgedichte , die ihm manchmal einige Mark eintrugen , verbrach Recensionen philosophischer Werke für akademische » Organe « und hielt in studentischen Vereinen Vorträge über culturgeschichtliche Themata , dann und wann mit einem vagen Saumstreifen moderner politischer Verhältnisse ... Einmal war es ihm