arme Verwandte es so oft gegen die nächste Familie hegen , wenn diese reich ist . Kämpfe damit , besiege das , steh ihr im Geiste bei gegen sie selbst . Adrienne wird Dir Deinen Monatszuschuß , wie gewohnt , an jedem ersten schicken . Sollte ihr oder unserem Kind etwas ankommen , nimmst Du Urlaub und eilst zu ihr . Zu diesem Zweck lege ich hier eine längst dafür ersparte Summe bei . Leb wohl , mein Junge ! Ob wir uns wiedersehen , weiß Gott allein . Aber denke nur an mich in Liebe und Freudigkeit , Joachim , denn das kannst Du . Hier zum Abschied will ich ' s Dir sagen , daß ich es voll anerkenne und achte , wie Du Dich durch Dein junges Leben wacker geschlagen hast und tapfer an den Versuchungen rechts und links vorbeigingst . Das ist nicht leicht , ich weiß es , denn ich habe es auch durchbeißen müssen . Oft habe ich es bereut , daß ich Dich Landwirt werden ließ , denn bei unserer Vermögenslosigkeit ist keine Aussicht , daß Du zu Eigenem kommst , außer durch eine reiche Heirat , und diese , wenn sie nicht durch tiefste Herzensneigung bestimmt ist , widerrate ich Dir ernstlich . Bleibe , was Du warst : ein Herebrecht , das heißt ein Mann von Ehre . Und wenn ich nicht mehr heimkomme , mache meinen kleinen Joachim auch dazu . Hab mein Weib , Deine Schwester , immer lieb , wenn nicht aus eigener Wahl , so doch um meinetwillen . Im Leben und im Tod Dein Arnold . « Und an Fanny Förster hatte er dann folgendes geschrieben : » Hochverehrte Frau ! Obschon unser ganzer Verkehr sich auf den Austausch von Glückwünschen beim Jahreswechsel und Geburtstagen beschränkte , ein lockerer Verkehr , der nur etwas lebhafter wurde durch die herzliche Teilnahme , welche Sie meiner Frau nach der Geburt des kleinen Joachim bezeigten , richte ich doch eine Bitte an Sie . Nicht weil Sie die einzige Verwandte meiner Frau sind , sondern weil ich erkannt zu haben glaube , daß Sie mehr Verständnis für Situationen und Charaktere haben , als andere Frauen aufzubringen vermögen , bitte ich Sie , nehmen Sie Adrienne für die Zeit meiner Abwesenheit in Ihren Lebenskreis auf . Ich gehe mit der Maria nach den Kolonien , es kann zwei Jahre dauern . Sie wissen , daß Adrienne sich innerlich dagegen auflehnte , Ihren verstorbenen Gatten oder Sie zu lieben . Sie wollte nicht dankbar sein . Aber nun , da Adrienne , wenn auch nur die Gattin eines armen Kapitäns , doch immerhin selbständig ist , nun mögen sich leichter freundliche Beziehungen zwischen Ihnen anbahnen . Keineswegs möchte ich Ihnen das Wagnis zumuten , Adrienne in Ihr Haus aufzunehmen ; meine Frau würde eine so lang dauernde Gastlichkeit doch wieder als Almosen empfinden . Aber ich denke , in der Nähe Ihres Gutes mag es irgendwo ein Häuschen oder in einem Pfarrhause ein paar Zimmer geben , wo mein Weib sich mit Kind und Dienerin einmieten kann . So ist sie doch in Ihrem Kreise und wird Ihrem Wesen nahe kommen . Vielleicht auch ergründen Sie , hochverehrte Frau , was es ist , an dem Adriennens Gemüt krankt . Ihnen will ich nicht verhehlen , daß sie von einer Unzufriedenheit niedergedrückt ist , die unmöglich allein aus dem Umstand kommt , daß wir in höchster Sparsamkeit leben müssen . Ich übergebe Ihnen mein Weib in dieser ernsten Stunde . Wenn irgend einmal in unvorherzusehenden Angelegenheiten Adriennens ein männlicher Rat und Beistand nötig sein sollte , so ist es mein Bruder Joachim , der für sie eintritt . In acht Tagen reise ich ; ich weiß , es wird mit der Erleichterung sein , daß ich vorher Ihre Zusage erhielt . Oder wenn Umstände , die ich respektiren würde , auch ohne daß Sie mir dieselben erklären , Ihnen Adriennens Aufenthalt in Mittelbach nicht ratsam scheinen lassen , so werden Sie mir doch einen bessern Rat , als ich mir selbst wüßte , in Bezug auf Adrienne zu geben wissen . Ich grüße Sie in tiefer Verehrung als Ihr ergebener Arnold von Herebrecht . « Der Kapitän fühlte eine gewisse Erleichterung , nachdem er die beiden Briefe zur Post getragen hatte . Seine Gedanken , die beinahe nur verstohlen bei der Reise selbst zu verweilen gewagt hatten und sich bisher ausschließlich mit den Zurückbleibenden beschäftigten , eilten froh vorwärts . Herebrecht war seinem Beruf mit einer ernsten Leidenschaft ergeben ; er empfand diesen Reisebefehl als freudige Auszeichnung und gehörte überhaupt zu den Menschen , die von einem Unmut gegen sich und die Welt befallen werden , so lange sie einen Teil ihrer Kräfte nicht bis zur höchsten Leistungsfähigkeit anspannen dürfen . Jede neue Aufgabe bringt solchen Naturen eine ihnen sonst nicht eigene Art der Jugendfreudigkeit ; Adrienne , die im sinkenden Februarabend noch an ihrem Fensterplatz saß , über trostlosen Gedanken brütend , war nicht wenig erstaunt , den Gatten bei seiner Rückkehr ein bekanntes Seemannslied vor sich hinpfeifen zu hören . Es war das erstemal , daß sich eine innere Fröhlichkeit bei ihm laut äußerte . Adrienne wollte eine bittere Bemerkung machen , aber ihr Herz schlug in schmerzlicher Aufwallung so heftig , daß ihr die Worte versagten . » So , mein liebes Kind , « sagte er , sich in eine Sofaecke setzend , » an Joachim und Fanny Förster habe ich geschrieben . « » Warum denn an Fanny ? « » Komm hierher . Wir werden nicht lange mehr beisammen sitzen , laß uns ein Wort vernünftig sprechen , « bat der Kapitän mit einem gemütlichen Tonfall der Rede , der ihr auch neu war ; aber die Wendung , » ein Wort vernünftig sprechen « , kannte sie bis zum Ueberdruß , es hieß für sie » eine Strafpredigt « . » Wenn man seine Frau auf zwei Jahre verläßt , « dachte Adrienne ,