( er führte den klassischen Namen Virgil ) und sein Weib gehörten samt den Häuslern , bei denen sie wohnten , zu den Verrufensten des Ortes . Er war ein Trunkenbold , sie , katzenfalsch und bösartig , hatte wiederholt wegen Kurpfuscherei vor Gericht gestanden , ohne sich dadurch in der Ausübung ihres dunkeln Gewerbes beirren zu lassen . Ein anderes Kind diesen Leuten zu überliefern wäre auch niemandem eingefallen ; aber der Pavel , der sieht bei ihnen nichts Schlechtes , das er nicht schon zu Hause hundertmal gesehen hat . So biß man denn in den sauren Apfel und bewilligte jährlich vier Metzen Korn zur Erhaltung Pavels . Der Hirt erhielt das Recht , ihn beim Austreiben und Hüten des Viehes zu verwenden , und versprach , darauf zu sehen , daß der Junge am Sonntag in die Kirche und im Winter sooft als möglich in die Schule komme . Virgil bewohnte mit den Seinen ein Stübchen in der vorletzten Schaluppe am Ende des Dorfes . Es war eine Klafter lang und breit und hatte ein Fenster mit vier Scheiben , jede so groß wie ein halber Ziegelstein , das nie aufgemacht wurde , weil der morsche Rahmen dabei in Stücke gegangen wäre . Unter dem Fenster stand eine Bank , auf welcher der Hirt schlief , der Bank gegenüber eine mit Stroh gefüllte Bettlade , in der Frau und Tochter schliefen . Den Zugang zur Stube bildete ein schmaler Flur , in dessen Tiefe sich der Herd befand . Er hätte zugleich als Ofen dienen sollen , erfüllte aber nur selten eine von beiden Bestimmungen , weil die Gelegenheiten , Holz zu stehlen , sich immer mehr verminderten . So diente er denn als Aufbewahrungsort für die mageren Vorräte an Getreide und Brot , für Virgils nie gereinigte Stiefel , seine Peitsche , seinen Knüttel , für ein schmutzfarbenes Durcheinander von alten Flaschen , henkellosen Körben , Töpfen und Scherben , würdig des Pinsels eines Realisten . Zwischen dem Gerümpel hatte Pavel eine Lagerstätte für Milada zurechtgemacht , auf der sie ruhte , zusammengerollt wie ein Kätzlein . Er streckte sich auf dem Boden dicht neben dem Herde aus , und wenn die Kleine im Laufe der Nacht erwachte , griff sie gleich mit den Händen nach ihm , zupfte ihn an den Haaren und fragte : » Bist da , Pavlicek ? « Er brummte sie an : » Bin da , schlaf du nur « , biß sie wohl auch zum Spaß in den Finger , und sie stieß zum Spaß einen Schrei aus , und Virgil wetterte aus der Stube herüber : » Still , ihr Raubgesindel , ihr Galgenvögel ! « Bebend schwieg Milada , und Pavel erhob sich unhörbar auf seine Knie , streichelte das Kind und flüsterte ihm leise zu , bis es wieder einschlief . Als er zum ersten Male ohne die Schwester zur Ruhe gegangen war , hatte er gedacht : Heut wird ' s gut , heut weckt er mich wenigstens nicht auf , der Balg . Am frühesten Morgen aber befand er sich schon auf der Dorfstraße und lief geraden Weges zum Schlosse . Das stand mitten im Garten , der von einem Drahtgitter umgeben war ; ein dichtes , immergrünes Fichtengebüsch verwehrte ringsum den Einblick in dieses Heiligtum . Pavel pflanzte sich am Tore auf , das dem des Hauses gegenüberlag , preßte das Gesicht an die eisernen Stäbe und wartete . Sehr lange blieb alles still ; plötzlich jedoch meinte Pavel , das Zuschlagen von Fenstern und Türen und verworrenes Geschrei zu hören , meinte auch die Stimme Miladas erkannt zu haben . Zugleich erbrauste ein heftiger Windstoß , schüttelte die toten Zweige von den Bäumen und trieb die dürren Blätter im rauschenden Tanze durch die Luft . Zwei Mägde kamen aus dem Dienertrakte zum Hause gelaufen ; eine von ihnen wäre beinah über den alten Pfau gestolpert , der im Hofe auf und ab stelzte . Er sprang mit einem so komischen Satz zur Seite , daß Pavel laut auflachen mußte . Im Schlosse und in seiner Umgebung wurde es nun lebendig ; es kamen auch Leute zum Gartentor ; wer aber durch dasselbe ein-und ausging , sperrte es langsam hinter sich ab . Es war das eine Einführung , die ihrer Neuheit wegen manchem Vorübergehenden auffiel . Das Gartentor absperren bei hellichtem Tage ; was soll denn das heißen ? Wird sich schwerlich lange halten , die unbequeme Einrichtung . Aber sie hielt sich doch zum allgemeinen und mißbilligenden Erstaunen der Dorfbewohner , und nach und nach erfuhr man auch ihren Grund . Dem Pavel wurde er durch Vinska , des häßlichen Hirten hübsche Tochter , in folgender Weise mitgeteilt : » Du Lump du , deine Schwester ist just so ein Lump wie du ! Die Petruschka aus der herrschaftlichen Küche sagt , daß die gnädige Frau es mit deiner Schwester treibt wie mit einem eigenen Kind , und deine Schwester will immer nur auf und davon . Darum wird das Schloß jetzt abgesperrt wie eine Geldtruhe . Wenn ich die gnädige Frau wäre , ich möcht solche Geschichten nicht machen ; was ich tät , weiß ich ... Deinen Vater hat man am Hals aufgehängt , deine Schwester würde ich an Händen und Füßen binden und an die Wand hängen . « Dieses Bild schwebte dem Pavel den ganzen Tag vor Augen , und nachts verschwamm es ihm mit einem andern , dessen er sich aus der Kindheit besann . Da hatte er gesehen , wie der Heger ein gefangenes blutjunges Reh aus dem Walde getragen hatte . Die Läufe waren ihm mit einem Strick zusammengeschnürt , und an denen hing es am Stock über des Hegers Rücken . Pavel erinnerte sich , wie es den schlanken Hals gebogen , die Ohren gespitzt und das Haupt emporzuheben gesucht ; er erinnerte sich der Verzweiflung , die dem feinen Geschöpf aus den Augen geschaut hatte . Im Traume kamen ihm diese Augen