Rasseln der Karosse , das Getrappel der Pferde weckte jedesmal die kleine Anka aus dem Schlaf . Sie stellte sich auf in ihrem Bette und spähte in den Hof hinab , in den unsere ganze Fensterreihe sah . Bis herauf stoben die Funken , qualmte der Rauch der Fackeln , die von den Läufern an den Ecksteinen ausgeschlagen wurden . Laut und lärmend ging es dort unten zu , indessen drüben im gegenüberliegenden Trakte des Palais zwei hohe Gestalten lautlos an den breiten Bogenfenstern des Ganges vorbeiglitten , in die hellerleuchtete Halle traten und hinter den Flügeltüren verschwanden , die voraneilende Lakaien geöffnet hatten . Regelmäßig begann Anka dann zu weinen und verlangte nach dem Vater , für den sie überhaupt mehr Zärtlichkeit äußerte als für die Mutter . Aber ich will ihm gute Nacht sagen ! Aber ich will ihm nur einmal - aber ich will ihm nur ein bißchen gute Nacht sagen ! jammerte sie und war nicht zu beschwichtigen . Ich sprach ihr zu , ich bat , befahl , schalt und drohte ... ja , das half ! - mir zu dem Gefühl meiner Ohnmacht der Kleinen gegenüber , sonst zu nichts . Sie schwieg nicht eher , als bis ihr die Stimme ausblieb , und schlief erst vor Erschöpfung ein . Ratlos saß ich an ihrem Bette , ich fühlte : Dir bin ich nicht gewachsen . Sie war verwöhnt , herrisch und klug , sie hätte Strenge gebraucht , zu der ich mich aus dem einfachen Grunde nicht brachte , weil ich meinen Zögling nicht liebzugewinnen vermochte . Durchaus nicht lieb , sosehr ich danach strebte . Meiner Strenge würde das Gegengewicht gefehlt haben ; sie hätte leicht in Härte ausarten können . Unter allen Umständen jedoch wäre es eine schwere Aufgabe mit dieser Kleinen gewesen . Sie wurde merkwürdig gehalten . Sie durfte über einen förmlichen Hofstaat die Herrschaft führen . Ich muß vorausschicken , daß es einen unglaublichen Luxus an Dienerschaft im Hause gab . Die geringste Mühewaltung , und wenn sie auch noch so kurze Zeit in Anspruch nahm , war einer eigens dafür bestellten Persönlichkeit übertragen . Da war zum Beispiel Ankas ehemalige Bonne , die hatte in der Gotteswelt nichts zu tun , als des Abends in unserm Schlafzimmer die Nachtlampe anzuzünden . Da war die alte Wartefrau des Kindes , deren ganze Obliegenheit darin bestand , die Puppengarderobe in Ordnung zu halten . Für die Garderobe des lebendigen Püppchens sorgte wieder eine Kammerkatze , der zwei weibliche Adjutanten beigegeben waren . Wir hatten sechs Dienerinnen und einen Diener zu unserer Verfügung - für mich die bösen Sieben ! Sie bildeten ein Völkchen , über das meine Anka wie eine junge Sklavenhälterin die Peitsche schwang oder mit dem sie , je nachdem ihr die Laune stand , viel zu vertraulich verkehrte . Alle Leute im Hause waren Erbdiener , Urenkel , Enkel und Kinder von Untertänigkeiten , die schon bei den Altvordern der jetzigen Gebieter die Pferde gelenkt , die Tafel gedeckt , die Perücken frisiert hatten . Sie feindeten mich an , wenn ich sie in Schutz nahm gegen die Tyrannei der kleinen Komteß . So ein Kind , sagten Wartefrau und Bonne , hat ja noch keinen Verstand . Ja , wenn es von ihnen abgehangen hätte , wäre das Kind nie zu Verstand gekommen , indessen sein länglicher Kopf mit der großen , hohen Stirn ein so vollgerüttelt Maß davon beherbergte , daß ich oft darüber erschrak . Wir führten einen stillen Krieg , sie und ich . Eigentlich konnte sie mich nicht ausstehen , aber sie unterhielt sich mit mir besser als mit irgend jemandem . Sie lernte gern und ausgezeichnet gut , und ich war die einzige , die sie etwas lehren konnte . Sie hörte gern Geschichten erzählen , und ich wußte so schöne ! Sie spielte ebenso gern , als sie lernte , und über welchen unerschöpflichen Vorrat von Hilfsmitteln dazu hatte ich zu verfügen ! So warb sie denn um meine Gunst , so wenig ihr daran lag , mein Herz zu gewinnen , und so erpicht sie eigentlich darauf war , mir einen Verdruß , eine Kränkung zuzufügen , für die sie nicht verantwortlich gemacht werden konnte . Die Schlauheit und Tücke , die sie bei solchen Gelegenheiten entwickelte , erweckten in mir oft ein der Verzweiflung verwandtes Gefühl . Ich hätte alles darum gegeben , mich nur einmal bei ihrer Mutter Rats erholen , nur einmal mit der Gräfin über das Kind sprechen zu dürfen . Allein mein Vormund hatte mich gerade davor dringend gewarnt . Strafen Sie , nachdrücklich , wenn es sein muß , tätlich , wenn es nicht anders geht , tun Sie , was Sie für gut halten , nur - klagen Sie nie , das wird unverzeihlich gefunden ; man will keine Klage über seine Kinder hören , waren die Worte gewesen , mit denen er mich verließ , nachdem er mich in mein neues Amt eingeführt hatte . Ich befolgte seine Warnung ziemlich lange Zeit ; einmal jedoch ließ ich sie außer acht , einmal , als die Gräfin unerwartet bei uns erschien , während ich Anka soeben wegen eines ihrer Streiche zur Rede stellte . Ihre Mutter hörte mir gelassen zu , blickte mich aber dabei mit so frostiger Überraschung an , daß es mir wie eine physische Empfindung von Kälte zum Herzen drang . Als ich zu Ende war , lächelte die Gräfin , nickte ein wenig mit dem Kopfe und wandte sich zu der Kleinen , um ihr zu sagen , daß sie nach Tisch in den Salon gerufen werden würde , um ihre Großmutter zu sehen , die heute da speise . Sie reichte dem Kinde die Hand zum Kuß und entschwebte . Vernichtet blieb ich zurück . Haben Sie nicht auch einmal in frühen Mädchenjahren einen Fanatismus der Liebe und Bewunderung für eine etwas ältere Frau in sich genährt , die Ihnen der Inbegriff aller Herrlichkeit schien ?