diesem Augenblicke einflößte , nie mehr ganz erholte . Er erklärte ihr , er sei , ohne jemals » erzogen « worden zu sein , zu Vermögen , Ansehen und hohen Jahren gekommen . Er denke nicht daran , jetzt nachzuholen , was er , ohne den geringsten Schaden davon zu verspüren , in seiner Jugend versäumt habe . Der Mensch lebe nicht , dem zuliebe er auch nur eine seiner Gewohnheiten , möge sie gut oder übel sein , aufgeben wolle . Er wies sie übrigens an , ihre Erziehungskünste an seiner Tochter zu üben , dazu habe er die Gouvernante geheiratet , dazu sei sie da . Dieser Befehl gehörte freilich zu der großen Menge derer , die leichter gegeben als befolgt werden . In ihrer Art war Rosa ebensowenig danach angetan wie ihr Herr Papa , sich einem fremden Willen zu unterwerfen . Das Kind , heimlich von Bozena unterstützt , leistete Unglaubliches an Widerstand gegen die stiefmütterliche Autorität und brachte es wirklich dahin , daß Frau Nannette gestand , es sei doch etwas an der Behauptung gewisser Materialisten und Nihilisten , die sie bisher auf Tod und Leben bekämpft hatte , es gäbe Kinder , deren unbändigem Naturell gegenüber selbst die bewährtesten , von pädagogischen Autoritäten ersten Ranges als unübertrefflich anerkannten Erziehungsmethoden sich ohnmächtig erwiesen . Am kläglichsten jedoch scheiterten Frau Heißensteins Bemühungen , doch wenigstens in den Augen der Magd Bozena einiges Ansehen zu gewinnen . Waren Herr Leopold und seine Tochter naive Gegner , die sich nur kräftig wehrten , wenn sie angegriffen wurden , so galt es bei Bozena auf der Hut sein vor einer stets kampfbereiten , hartnäckigen Plänklerin , die auf jede Gelegenheit lauerte , die Feindseligkeiten selbst zu eröffnen . Frau Nannette war in allem , was die Leitung eines Hauswesens betrifft , unerfahren wie ein Säugling , und es gab für Bozena Veranlassungen genug , ihre Überlegenheit fühlen zu lassen , ob sie nun genau das Gegenteil einer erhaltenen Weisung mit Erfolg ins Werk setzte oder eine ungeschickte Anordnung wörtlich befolgte und dadurch die Gebieterin grausam bloßstellte . So hatte sich die Existenz Frau Heißensteins II. recht bedauerlich gestaltet , und nicht wenig moralischer Mut gehörte dazu , um doch , wie sie es tat , vor Verwandten und Nachbarn den Schein der Zufriedenheit zu retten und an ihre ehemaligen Zöglinge regelmäßig alle Vierteljahre Briefe zu entsenden , in denen nur von Liebe zu Mann und Kind und von » Gesang der Sphären in Haus und Gemüt « die Rede war . Endlich jedoch trat ein Umstand ein , der die Stellung Dame Nannettens in dem alten Heißensteinschen Familienneste völlig und günstig veränderte . Bozena bemerkte mit schwer gebändigter Entrüstung , daß Herr Leopold seine Gemahlin mit Rücksicht und Aufmerksamkeit zu behandeln begann . Dinge , die bisher für ihn zu den gleichgültigsten gehört hatten , ihre Stimmung und ihr Befinden , schienen ihm wichtig geworden . » Wie geht ' s der Frau ? « fragte er beim Kommen ; » gebt acht auf die Frau « , sagte er beim Gehen . Nur an seinem Arme durfte sie das Haus verlassen . Der mürrische Kaufmann fand Koseworte für seine Nannette , er nannte sie » seine liebwerte Oberhofmeisterin « und » seine alte graue Maus « ; er empfahl Bozena und Rosa die unbedingteste Unterwerfung der geringsten Laune der Gebieterin und Mutter gegenüber und drohte , jeden Widerstandsversuch auf das unbarmherzigste zu bestrafen . Bozena rang mit der Verzweiflung ; sie verlor den Schlaf und einen Teil ihres Appetits und fegte in ihrer Küche herum wie ein Wirbelwind . Die Anzahl der Koch- und Speisegeschirre , die damals im Heißensteinschen Hause in Trümmer verwandelt wurden , erreichte eine erstaunliche Höhe . Es versteht sich von selbst , daß ein rauchender Vulkan leichter dahin zu bringen gewesen wäre , seine glühende Lava still hinabzuschlucken anstatt sie auszuwerfen , als Bozena , den Ausbruch ihres gärenden Grolls zu unterdrücken . Nicht lange , und Herr Leopold fand eines Morgens seine Gattin und seine Magd , die erste zornesblaß , die zweite zornesrot , in einem Wortwechsel begriffen , der nur seines Sängers bedurft hätte , um unsterblich zu werden wie jener der Königinnen vor dem Dome zu Worms oder wie jener der gekrönten Schwestern im Parke zu Fotheringhay . Der Kaufherr warf einen Blick voll Besorgnis auf seine Frau und einen ingrimmigen auf die kecke Dienerin . » Was unterstehst du dich ? ! « rief er dieser zu und stürzte ihr mit erhobener Hand entgegen . Sie aber , hochaufgerichtet , den Kopf zurückgeworfen , die Arme in die Seiten gestemmt , stand wie ein Fels . Herausfordernd blickte sie ihren Herrn an , dessen stattliche Gestalt sich neben ihrer hünenhaften fast klein ausnahm , und schleuderte der Gebieterin über seinen Kopf hinweg eine niederschmetternde , in kurze Sätze zusammengefaßte und mit Kraftworten gewürzte Kritik ihrer Tätigkeit als Stiefmutter und Hausfrau zu . Jeder Versuch , den der Kaufmann machte , Bozenas derber Beredsamkeit Einhalt zu tun , verlieh derselben nur einen höheren Schwung , der Zorn der Riesin wuchs , indem er tobte wie die flammende Lohe , vom selbsterzeugten Sturme angefacht . Endlich raffte Heißenstein alle seine Kraft zusammen : » Hinaus , Canaille ! Aus dem Zimmer - aus dem Hause - du bist entlassen ! « schrie er , bei jedem Satze neu Atem holend . Ein wildes Gelächter antwortete ihm . » Entlassen ? ! « wiederholte Bozena mit grimmigem Hohne : » Nicht entlassen ! ... Oh - ich gehe selbst ! Und gehe heut und gehe gleich ! « Der ungebändigte Hochmut der echten Plebejerin brach aus diesen Worten hervor und verkündigte jubelnd , was sie nicht aussprachen , die stolze Überzeugung : Ich gehe , und das Behagen , die Ordnung , die Wohlfahrt des Hauses nehm ich mit ! Von vorahnender Wollust der Rache berauscht , stürmte Bozena dem Ausgange zu . Sie hatte schon die Schwelle betreten ,