Eltern zusammen für ihr Kind thun , obgleich er eigentlich nur für mich lebte und darbte - so glaube ich doch nicht , daß er mich wahrhaft liebte . Er war ein rein spiritualistischer Mensch . Entweder war sein Herz einmal in seinem Leben tödlich getroffen von einem Schlage , den es nie wieder überwand , oder er hatte auf der Retorte seines Skepticismus alle Gefühle zu Gedanken verflüchtigt . Er that , was er that , aus Pflicht , aus Ueberzeugung des Rechten ; denn , wie er selbst sagte : die Gerechtigkeit steht über der Liebe ; sie leistet Alles , was die Liebe leisten kann und doch noch ein gut Theil mehr . Mehr und auch nicht so viel , warf Franz ein ; was wir für geliebte Menschen aus Neigung thun , sollen wir für die Andern aus Gefühl des Rechts thun , das heißt aus der Ueberzeugung , daß die Interessen aller Menschen solidarisch sind . Liebe und Gerechtigkeit verhalten sich wie Individuum und Gattung . Die eine darf ohne die andere nicht sein , denn wir brauchen sie beide . All die tausend kleinen Zärtlichkeiten , mit denen wir geliebte Menschen überschütten , kann die Gerechtigkeit uns nicht lehren , ebenso wie uns die individuelle Liebe überall da im Stich läßt , wo es sich um die Andern , das heißt um die Genossenschaft , die Nation , die Menschheit handelt . Sie mögen recht haben , erwiederte Oswald ; und das erleichtert mir auch ein Geständniß , welches ich so eben thun wollte . Ich ehrte meinen Vater hoch , aber ich liebte ihn nicht ; ja , ich empfand oft - worüber ich mir freilich erst viel später klar geworden bin - eine an Abneigung grenzende Scheu und Furcht vor dem sonderbaren Mann . Ich wundere mich jetzt freilich kaum noch darüber , seitdem ich eingesehen habe , daß zwei grundverschiedenere Wesen , wie meinen Vater und mich , die Natur nicht leicht schaffen kann . Wir waren uns körperlich so unähnlich , wie wir es an Gemüthsart und Neigungen waren . Ich liebte schon als Knabe leidenschaftlich Glanz und Pracht und Alles , was schön ist in Natur und Menschenwelt . Ich begeisterte mich für diejenigen unter meinen Schulkameraden , die sich des Jugendschmuckes blonder Locken , rother Wangen und leuchtender Augen erfreuten ; ich verkehrte gern in den Häusern , wo es , nach meinen damaligen Begriffen , fein und vornehm herging . Ich hielt sehr viel auf meinen Anzug und hörte es gar nicht ungern , daß die Frauen mich einen hübschen Jungen nannten . Sie können sich denken , wie wenig im Grunde ein Bursche mit diesen Neigungen und Bedürfnissen zu der Gesellschaft eines einsamen menschenscheuen Hypochonders paßte , dessen Lebensweise er natürlich halb und halb zu theilen gezwungen war . Denn obgleich mein Vater mir eine Freiheit ließ , die mit seinen sonstigen strengen Ansichten nicht recht in Einklang zu bringen war , obgleich er meinen aristokratischen Neigungen für schöne Kleider und den Comfort des Lebens in einer Weise nachgab , die mir noch bis auf diese Stunde unbegreiflich ist , so wußte ich doch , daß ich ihn durch diese meine Sympathien für eine Welt , die er verabscheute , auf ' s innigste kränkte , und gab mir deshalb Mühe , an dem Leben möglichst wenig Geschmack zu finden . Das gelang mir um so eher , als ich sehr bald in der Einsamkeit , zu der ich mich im Anfang nur mit Widerstreben verurtheilte , eine Quelle entdeckte , durch welche die ödeste Wüste in das blühendste Paradies umgeschaffen wird - ich meine die kastalische Quelle der Poesie . Wir bewohnten ein kleines Haus , dessen hintere Mauer ein Theil der Stadtmauer war . In meinem Stübchen war das einzige niedrige Fenster durch die ellendicke Mauer durchgebrochen , so daß das Ganze einem Gefängnisse ähnlicher sah , als irgend etwas Anderm . Und doch , welche seligen Stunden habe ich in diesem Stübchen verlebt ! Aus meinem Fenster hatte ich einen unbegrenzten Blick über Wall und Graben der Stadt weg , auf glatte , mit schönen Baumgruppen garnirte Teiche , über saftige , hier und da mit Weiden bewachsene Wiesen bis zu dem Meere , von dem ein dunkelblauer Streifen durch die grünen Bäume herüberblitzte . Hier an diesem Fenster saß ich des Sommerabends , wenn die Sonne , wie dort , strahlend und herrlich unterging , das Herz bis zum Ueberfließen voll von chaotischen Gefühlen , und in dem Hirn Gedanken spinnend , so bunt und schön und ach ! auch so vergänglich wie Seifenblasen . Ich erinnere mich noch an ein paar Verse aus einem Gedicht , das ich als Student an einem trüben Herbstabend in der Residenz machte , während ich , in dumpfes Brüten verloren , über meinen Büchern saß und der Tage dachte , die aus dem Becher der Zeit so hell und funkelnd hinabgetropft waren in das Meer der Ewigkeit : Und wenn des Abends dann der Sonne letzte Strahlen Mich grüßten durch mein Fensterchen hinein , Wie konnt ' ich mir so schön die Zukunft malen , Sie mußte golden wie der Himmel sein ! Und dann ergriff mich ein unendlich Sehnen , Ich wünschte heiß mich in die Ferne weit ; - Jetzt bin ich fern - es fließen meine Thränen - O kämst du wieder , holde Jugendzeit ! Doch , was soll ich länger bei der Schilderung eines Verhältnisses verweilen , das mir selbst um so räthselhafter wird , je deutlicher ich es Ihnen zu schildern versuche . Wenn ich je in meinen Kinderjahren eine herzliche Zuneigung zu meinem Vater empfunden hatte , so nahm sie in demselben Maße ab , als ich älter und selbständiger wurde . All ' die Gefühle , all ' die Zärtlichkeit , die man in natürlichen Verhältnissen an Mutter und Brüder und Schwestern und Freunde ausgiebt - ich mußte sie in meinem Herzen verschließen , denn ich hatte