rauben . Ueberdies kam mir die Sache so plötzlich , und ich mußte meinen Entschluß so schnell fassen , daß ich eben nur Zeit hatte , Ihnen denselben mit wenigen Worten anzukündigen ; und endlich ist es auch der Professor Berger , der die ganze Schuld trägt , wenn überhaupt von Schuld die Rede sein kann , und auf dessen Schultern ich hiermit feierlich alle Verantwortung wälze . Wir haben uns , seitdem wir uns vor nun fast einem Jahre in der Residenz trennten ; sehr selten und immer nur sehr flüchtig geschrieben . So werde ich auch wohl des Professors Berger kaum ein paar Mal Erwähnung gethan haben , und es ist daher die höchste Zeit , daß ich Sie mit diesem originellen Manne endlich bekannt mache , der in meiner jüngsten Vergangenheit eine so große Rolle gespielt hat , und dem ich es einzig und allein zu verdanken habe , daß ich in der Haupt- und Staatsaction der Tragi-Komödie - Examen genannt - keine kläglichere Rolle spielte . Als ich damals von B. nach Grünwald zog , in der vagen Hoffnung , ich werde in dieser stillen Musenstadt , in der , wie ich mir hatte sagen lassen , das Gras in idyllischer Ruhe auf den Straßen wachse , die nöthige Sammlung finden , an der es mir in den literarischen Cirkeln , ästhetischen Thees und singenden Butterbroden der Residenz so gänzlich gebrach , erschien mir unter den fürchterlichen Männern , die mich selig machen oder verdammen konnten , Professor Berger bald als der fürchterlichste . Ich hörte von den paar Commilitonen , deren dreimal bedenkliche Bekanntschaft zu machen ich nicht umhin konnte , wahrhaft unheimliche Dinge von seiner erstaunlichen Gelehrsamkeit und allerlei Beunruhigendes über sein excentrisches Wesen , seine tolle Launenhaftigkeit und seinen großen Einfluß auf die übrigen Mitglieder der Prüfungscommission , denen er durch sein Wissen , mehr aber noch durch seinen Witz , mit dessen beißender Lauge er Jeden ohne Ansehen der Person überschüttete , gründlich imponirte . Leibhaftig hatte ich den Entsetzlichen noch nicht gesehen . Er hatte einen seiner hypochondrischen Anfälle , in welchen er sich , wie man mir sagte , bei Tage in seine Stube einschlösse und des Nachts in den Wäldern der Nachbarschaft umherschweife . Da werde ich eines Tages von einer reichen Familie , an die ich empfohlen war , zu Mittag geladen . Die Gesellschaft war sehr zahlreich , ich führte eine der jungen Damen vom Hause zu Tisch , ein hübsches blondes Mädchen , dessen Munterkeit mich während des Anfangs der Mahlzeit hinreichend fesselte . Als aber die gewöhnlichen Themata , die man mit jungen Damen , die seit einem Jahre aus der Schule sind , abzuhandeln pflegt , durchgesprochen waren , wurde ich auf einen Herrn aufmerksam , der mir gegenüber saß . Es war ein untersetzter , schon ältlicher Mann , mit einer massiven , wie aus Granit gahauenen Stirn , unter der ein paar kluge Augen hervorblitzten . Die etwas vollen Wangen verkündeten eine Neigung zum Wohlleben , die sich denn auch in dem Eifer , mit welchem der Mann den guten Gaben der Ceres und des Bacchus zusprach , deutlich genug zu erkennen gab . Die Züge um den festen , schönen Mund waren geradezu räthselhaft : Sinnlichkeit , Witz , Schalkheit und Melancholie - Dämonen und Genien - schienen dort zu spielen . Das Gespräch wurde an diesem Theile der Tafel bald ein allgemeines , und ich konnte mich , ohne aufdringlich zu erscheinen , hineinmischen . Man sprach über Kunst , Literatur , Politik . Ueberall schien der merkwürdige Mann zu Hause , überall überraschte er uns durch die geistvollsten Aperçus , durch blendende Antithesen und wunderliche Paradoxen . Ja , er schien seine Freude daran zu haben , wenn er so ein Tröpfchen Fegefeuer hineingesprengt hatte und die höllischen Flämmchen die guten Leute auf der Nase kitzelten . So stellte er denn auch gelegentlich die Behauptung auf , daß Revolutionen der Menschheit nie etwas genützt hätten , nie und nimmer etwas nützen würden . Sie kennen meine Ansicht über diesen Punkt , der oft der Gegenstand unserer Gespräche war . Ich nahm den Fehdehandschuh auf ; ich wurde warm bei meinem Lieblingsthema , um so wärmer , als der Mann mir gegenüber mich durch Kreuz- und Quersprünge irrlichtergleich zu verwirren suchte . Ich vergaß Alles um mich her , ich wurde pathetisch , satyrisch - ich fühlte , daß ich gut sprach , wenigstens in meinem Leben nicht besser gesprochen hatte . Der Mann hatte zuletzt das Gefecht , das , wie ich später zu meiner Beschämung erfuhr , das lustigste Scheingefecht von der Welt für ihn war , aufgegeben und hörte mir , den großen Kopf ein wenig auf die rechte Schulter geneigt und mich unter den buschigen Brauen mit seinen großen klugen Augen anlächelnd und dabei ein Glas Hochheimer nach dem andern schlürfend , behaglich zu . Bald darauf wurde die Tafel aufgehoben . Als ich meine Dame in das Theezimmer führte , fragte ich sie : Und wer war denn der Herr , mit dem ich mich in ein , für Sie ohne Zweifel , sehr langweiliges Gespräch verwickeln ließ ? Wie , Sie kennen Professor Berger nicht ? antwortete mir die Kleine verwundert . Das war Professor Berger ? Nun freilich , soll ich Sie ihm vorstellen ? Um Himmelswillen nicht , rief ich mit wahrhaftem Entsetzen ; o ich Kind des Unglücks ! Was ist Ihnen ? fragte die hübsche Blondine , was haben Sie ? Ich aber hatte schon ihren Arm aus dem meinen gleiten lassen und suchte das entfernteste Zimmer . Dort warf ich mich in einer einsamen Ecke auf einen niedrigen Divan , um über das Unglück , das ich angerichtet hatte , melancholische Betrachtungen anzustellen . Ich hatte mich also , während ich mit einem gutmüthigen Pudel zu spielen glaubte , mit einem grimmigen Bären gerauft ! Dieser Mann war mir als eben so tückisch geschildert , wie er gelehrt und