und von blauen Schwertlilien der andere . Der Granatapfel mit seiner tausendfachen , von harter Schale umflossenen Fülle der Kerne , welche mit einem scharfen Riß in ihrer Reife die Schale sprengen , ist das Symbol der bitteren Todesnot des Erlösers und der Gnadenfrüchte , die in Ueberfülle sein durchwundetes Herz birgt ; während die Granatblüte im hochroten Kelch das Opfer des heiligsten Blutes ohne Unterlaß darbringt . Die tiefblaue Schwertlilie aber ist das Symbol des Leidens um diesen Tod , des Leidens jener mystischen Lilie , die mit sieben Schwertern im Herzen einst unter dem Kreuze stand , klagend um den Tod des Einzigen und jede Menschenseele anrufend zur Teilnahme an ihrer Trauer und zur Buße für das unendliche Weh , das der Gottessohn für die Sünden litt . Regina verstand diese mystische Sprache , die nicht sowohl von den Lippen , als aus dem innersten Gemüt quillt , und daher nur jenen verständlich ist , welche sich nicht von äußeren Dingen einnehmen und betäuben lassen . Regina war nicht allein in der Kapelle . Derselbe alte Mann , der mit ihr im Nachen von Kloster Engelberg gekommen war , kniete auf einem Betschemel und betete bei dem spärlichen Lichte eines Wachsstockes , der neben ihm auf der Armlehne stand , sein Brevier . Aber keiner beachtete den anderen , keiner ließ sich vom anderen stören . Beide waren hier so vollkommen zu Hause , daß jeder sich einsam fühlte mit seinem Gott . Dieser Mann trug eine schwarze Soutane , Schnallenschuhe und zwischen den Silberlocken seines Hauptes - die Tonsur . Graf Windeck hatte ihn im Gespräch mit Regina schon genannt ; es war Onkel Levin , wie die Familie ihn nannte , während man ihn sonst so allgemein und so kurzweg » der hochwürdige Herr « hieß , als ob er dadurch richtiger bezeichnet werde , als durch irgend einen Namen . Onkel Levin Levin war , als der jüngere Sohn , von seinen Eltern dem geistlichen Stande geweiht worden zu einer Zeit , wo in die Kirche vielfache Verweltlichung gedrungen war , welche , trotz aller kanonischen Vorschriften , die Domherrenstellen mit ihren Präbenden fast zum Erbgut der nachgebornen Söhne des Adels machte . Und der deutsche Adel hat eine tiefe Scharte auszuwetzen , daß von dem Augenblick an , wo diese Sinecuren im Anfang des Jahrhunderts ihm entgehen , seine Söhne fast ganz aus dem geistlichen Stande verschwinden ; denn dies Verschwinden beweist , wie nur die Begier nach irdischen Gütern in ' s Heiligtum führte , das allein dem himmlischen Sinne geöffnet werden soll . Bei Levin war es anders . Er trat mit seiner Seele in den geistlichen Stand und suchte mit heiligem Ernst und mit einer hohen , von allen Gnadenquellen genährten sittlichen Kraft sich desselben würdig zu machen . Die tiefe Innigkeit seines Gemütes riß schon eine natürliche Kluft zwischen ihm und der Flachheit der Welt , in deren Wüsten voll täuschender Luftspiegelungen sein Herz keine Befriedigung finden konnte . Als der Glaube mehr und mehr wie ein balsamisches Oel das feinste Geäder seines inneren Lebens durchdrang und all dessen Tätigkeit und Fähigkeit in Bewegung setzte , vertiefte sich auch jene natürliche Kluft noch mehr . Er sah mit anderem Auge , hörte mit anderem Ohr , redete mit anderer Sprache , maß mit anderem Maßstab , wandelte nach anderer Richtschnur ; denn er folgte seinem Heilande nach - und die Welt ihren Götzen . Wohl trat auch zu ihm der Versucher , wie zu jedem Staubeskinde , und bot ihm die Genüsse und die Freuden der Erde um den Preis der himmlischen Güter an ; aber er betrachtete und wog sie im Lichte des Glaubens - und da fand er sie so häßlich und so gering , daß er sie von Herzen verachtete . Er war noch sehr jung , als jener Sturm über die Kirche hereinbrach , der einerseits manches Vermorschte , Unhaltbare aus ihrem unverwüstlichen Bau hinwegfegte und ihr ewiges Fundament von manchem Wust und Schutt säuberte , und andererseits die Wogen der weltlichen Macht so hoch wider sie aufbäumte , daß sie in der zweifachen Drangsal hätte untergehen müssen , wenn sie eine irdische Anstalt wäre . Dem revolutionierenden , vom Glauben abgefallenen und daher aller Sittlichkeit fremden Geiste des Jahrhunderts erlagen zuerst die geistlichen Churfürsten , welche zum Teil selbst diesen Geist gepflegt und begünstigt hatten , in ahnungsloser Kurzsichtigkeit über dessen Richtung sich täuschend . Als so die ersten Fürsten des deutschen Reiches gefallen waren , hielten es die weltlichen Herrscher für angemessen , den weltlichen Besitz aller Kirchenfürsten , der Bischöfe , der Kapitel , der Stifte und Klöster einzuziehen und Staatsschatz und Land durch das Kirchengut zu bereichern und zu vergrößern . Sie erfanden für diesen kolossalen Raubzug ein eigenes Wort : die Säkularisation . Als das Werk schauerlicher Ungerechtigkeit vollendet und der revolutionierende Geist in seiner gemeinsten Richtung , durch Antastung fremden Eigentums , so unbefangen an ' s Tageslicht getreten war , kam die Vergeltung über die weltlichen Fürsten : das alte , ehrwürdige , römisch-deutsche Kaisertum ging unter nach tausendjährigem Bestande und alle Throne krachten und wankten in ihren Fugen vor der Gottesgeißel , welche der korsikanische Sprößling der Revolution über Europa schwang , um den Fürsten und den Völkern zu zeigen , was das sei : Macht ohne Gerechtigkeit . Nachdem die Dom- und Stiftsherren wie ausgediente Beamte gleichsam in Ruhestand und auf Pensionen gesetzt worden waren , kam es vor , daß mancher sich selbst säkularisierte , nämlich zum Weltgeist sich hielt und nicht bloß in , sondern auch mit der Welt so gründlich sich einlebte , wie der niedere Sinn es vielleicht schon längst begehrt hatte . Daraus entsprang mannigfach Ärgernis und Betrübnis . Wenige mochten mit tieferer Trauer auf diese Mißstände , auf diese Verwüstung des Heiligtums und ihre Verwüster blicken , als Levin . Nach der Auflösung seines Stiftes hatte er sich zu seiner Mutter begeben , die an schweren , unheilbaren Leiden langsam dahinsiechte