erst nachdenklich noch eine Prise , die er sich » auch noch zu seinem Verderben « angewöhnt hat , und geht nun - es ist Sonnabend Nachmittag , die seligste Zeit des Schullehrerlebens - in die am Ende des Dorfes , vor dem großen Berge liegende Fuhrmannsausspannung . Da pflegten die Fuhrleute und mehrere Conducteure der Thurn und Taxis ' schen Postcurse Vorspann , geistigen und leiblichen , zu nehmen . Es war immer eine muntere Welt dort ; auch eine frankfurter Zeitung lag auf , die Lucindens Vater eifrig studirte , um auf den Ausbruch besserer Zeiten gerüstet zu sein . Die Zeiten , wo er im » Beiwagen « derselben gesucht hatte , ob nicht endlich seine letzten Einsendungen , die » Ferienphantasieen eines deutschen Dorfschullehrers « , seine » Jubel-Vorschläge zur Verbesserung der Volkserziehung « , seine » Beobachtungen über die merkwürdige Entwickelung eines Hagebuttenpfropfreises zur Erzielung veredelter Dornröschen « , sein » Aufruf an die deutsche Nation zur Abschaffung des überflüssigen Dehnbuchstabens H « , zum Abdruck gekommen waren , die lagen weit schon , weit , weit ... hinter ihm ... Um die Erinnerungen zu stopfen und sich gleichsam über die Versorgung seines Kindes zu freuen , trinkt er wol heute einen Schoppen mehr von dem etwas schweren Bier , das die Fuhrleute lieben , ehe sie über den großen Berg machen ... Wol war es bedenklich , daß Gottlieb Schwarz unter ihnen mehr verkehrte , als seiner Stellung und besonders dem späten Heimwanken gut war , wenn Nachts die lieben Sterne blinkten und die vielen Brücklein von vier Bächen beachtet werden mußten , die da alle so still und kühl mit dem Leid der Menschen dahinfließen . 2. Und nun , da sitzt sie denn , die » lange Latte « , die » Aufgespillerte « , die » Dreege « ( Magere ) , mit ihren um den kleinen Kopf gewundenen schwarzen Zöpfen , ganz das Abbild ihrer Mutter , einer Feldwebeltochter , deren Vater in der Residenz ein silbernes Porteépée hatte tragen dürfen und der sich unter dem » dummen Bauernvolk « als civilversorgter Kreissteueramtscontrolschreibereiassistent einen Steuerrath selbst gedünkt hatte . Trotzig und scheu , ängstlich und fest , nicht mit Absicht , sondern von Natur so gemischt , hockte das halbreife Mädchen in einem verwaschenen ehemals röthlich gewesenen Kattunkleide , das ihr schon lange zu kurz und zu eng geworden war , in der Ecke der Kalesche , die langsam die Anhöhen hinaufschleicht , geführt von einem halbwüchsigen Burschen , der die Gäule - sie waren gemiethete , wie der Wagen - schonen soll . Die alte Dame , die ihr zuspricht sich nicht zu fürchten , sondern der glänzendsten und besten Schicksale gewiß zu sein , ist einem » Nachtmahr « nicht unähnlich . Wenigstens hat sie eine Nase , die in einer beständigen Neigung scheint auf das vorgestreckte Kinn einen zärtlichen Kuß zu drücken . Zwischendurch ist nach den allgemeinen Gesetzen der Natur , insoweit sie sich auf die Bildung eines menschlichen Antlitzes erstrecken , bei dieser edeln Frau ein Mund anzunehmen ; doch suchte man vergebens nach etwas , was wie zwei Lippen ausgesehen hätte . Sind wirklich die Versinnlichungen solcher Begriffe zwischen der liebevollen Nasen- und Kinnbegegnung der fremden Dame vorhanden , so preßt sie doch die glückliche Inhaberin derselben so zusammen , daß sie nach oben in der Nase , nach unten im Kinn gleichsam mit aufgegangen scheinen . Versucht die Dame ferner , was sie oft thut , über die Oeffnung , die man Mund nennt , ein Lächeln zu zaubern , so sieht man einige Zähne , die wie die einsamen , geköpften Weidenstumpfe an den Bächlein standen , die man hier zu passiren hatte . Die Sprache der Dame ist hochdeutsch , soweit ein gewisses Röcheln und Schnurren unartikulirter Zwischentöne es erkennen läßt , sonst sogar was man gewählt nennt und » nicht frei von Bildung « . Leider kommt diese Sprache aber so seltsam zu Gehör , als wenn jeder Satz sich in den innern Gängen der Brust verliert . Wie die herabgelassene Eimerkette eines großen Ziehbrunnens verrollten die hübschesten Anfänge ihrer Reden für das aufmerksame Ohr des sie zuweilen ebenso unheimlich anschielenden Kindes in dunkle und unverständliche Abgründe . Den Namen ihrer Wohlthäterin und ihren Stand kannte Lucinde , die bereits hinter Langen-Nauenheim der Bequemlichkeit wegen kurzweg in Henriette und hinter dem ersten Nachbardorfe schon noch kürzer in Jette umgetauft wurde . Sie fuhr mit der verwitweten Frau » Hauptmännin « von Buschbeck . Die Dame behauptete in der Nähe auf irgendeinem Rittergute Kapitalien liegen zu haben , welches » Liegen « sich Lucinde ( oder müssen wir nun auch sagen Henriette ? ) ganz figürlich vorstellte . Beim Vorbeifahren an Langen-Nauenheim wollte die Frau Hauptmännin sich über den Dorfsegen ergötzt haben , der gerade aus dem Schulhause strömte , an den lachenden , fröhlichen Kindern , und am meisten hätte ihr » Lieb-Jettchens « Erscheinung gefallen , die die Kinder gerade aus der Thür entließ und jedem , der nicht Ordre parirte , tüchtig - sie erzählte das soeben lebendig und mit manchem wohlwollenden , leider im Husten erstickenden Hi ! Hi ! wieder , - einen » Starnicksel « mit auf den Weg gab . Denn Ordnung muß sein ! röchelte die Hauptmännin , als der Eimer ihrer Stimme wieder aus dem Brunnen herauskam , und fügte dann nach und nach hinzu : Sitz aber gerade , Kind ! Schlag nicht die Beine so übereinander , du langes Ding ! Ja , sauge doch nicht an den Nägeln , Kerl ! Guck mir doch nicht zum Schlag hinaus , wenn ich dir ' s nicht befohlen habe , du - ! Ach was , ach was ! Nenne mich meine liebe gnädige Frau ! Hm , Hm ! Lieb-Jettchen ! Zieh mir einmal die Schuhe aus , ich glaube , es ist mir ein Stein hineingekommen ! Kind , kratz mir ein bissel den Rücken , ich glaube ,