, so beseligend sind , daß ich um keinen Preis mich ihnen entreißen könnte . Nur das Konkreteste vermag ich dann und wann festzuhalten , und diesmal sind es Bilder aus meinem eigenen Leben , die ich hier dem Papier anvertraue . Was ist das für eine kleine Stadt zwischen den grünen buchenbewachsenen Bergen ? Die roten Dächer schimmern in der Abendsonne ; da und dort laufen die Kornfelder an den Berghalden hinauf ; aus einem Tal kommt rauschend und plätschernd ein klarer Bach , der mitten durch die Stadt hüpft , einen kleinen Teich bildet , bedeckt am Rande mit Binsen und gelben Wasserlilien , und in einem andern Tal verschwindet . Ich kenne das alles ; ich kann die Bewohner der meisten Häuser mit Namen nennen ; ich weiß , wie es klingen wird , wenn man in dem spitzen , schiefergedeckten Turm jener hübschen alten Kirche anfangen wird zu läuten . Habe ich nicht oft genug mich von den Glockenseilen hin und her schwingen lassen ? Das ist Ulfelden , die Stadt meiner Kindheit - das ist meine Vaterstadt ! Und schau , dort oben in dem Garten , der sich von jenem zerbröckelnden , noch stehenden Teil der Stadtmauer aus den Berg hinanzieht , gelagert unter einem blühenden Holunderstrauch , die drei Kinder . Da sitzt ein kleines Mädchen mit großen , glänzenden Augen , dem wilden Franz aus dem Walde zuhörend . Franz Ralff , aufgewachsen im Wald und jetzt in der Zucht bei dem Vater der kleinen Marie , dem strengen lateinischen Stadtrektor Volkmann , erzählt , ein gewaltiges angebissenes Butterbrot in der Hand , kauend und zugleich durch seinen eigenen Vortrag gerührt , eine seiner wunderbaren Geschichten , die er aus der Waldeinsamkeit mitgebracht hat und mit denen er uns kleines Volk stets zum » Gruseln « brachte oder zu bringen versuchte . Und nun sieh da , im Grase ausgestreckt , da bin auch ich , der kleine Hans Wachholder , der Sohn aus dem Pfarrhause , blinzelnd zu dem blauen Himmel hinaufschauend und den kleinen weißen » Schäfchen « in der reinen Luft nachträumend . Die Glocken der heimkehrenden Herden erklingen zwischen den Bergen , ringsumher summt und tönt unendliches Leben , im Gras , in den Bäumen , in der Luft ; und das Kinderherz verstellt alles , es ist ja noch eins mit der Natur , eins mit - Gott ! Aber warum öffnet sich nicht dort unten die braune Tür , die aus dem hübschen , vom Weinstock übersponnenen Hause mit den hellglänzenden Fenstern in den Garten führt ? Wo ist der alte Mann mit den ehrwürdigen grauen Haaren , der da allabendlich seine Blumen zu begießen pflegt ? Wo ist - wo ist meine Mutter ? Meine Mutter ! Keine freundliche Stimme antwortet ! Ich selbst habe ja graue Haare . Vater und Mutter schlummern lange in ihren vergessenen , eingesunkenen Gräbern auf dem kleinen Stadtkirchhof zu Ulfelden . Jüngere Geschlechter sind seitdem hinabgegangen . Plötzlich verändert sich das sonnige , sommerliche Bild . Da ist schon die große Stadt ! Diesmal ist es nicht Frühling , nicht blühender Sommer , sondern eine stürmische , dunkle Herbstnacht ; - vielleicht wird eine ähnliche auf den heutigen Tag folgen . - In dieser Nacht sitzt hoch oben in einem kleinen , mehr drei- als viereckigen Dachstübchen ein Student vor einem gewaltigen schweinsledernen Folianten , über welchen er hinwegstarrt . Wo wandern seine Gedanken ? Draußen jagt der Wind die Wolken vor dem Monde her , rüttelt an den Dachziegeln , schüttelt den zerlumpten Schlafrock , welchen der erfinderische Musensohn , um sich und seine Studien ganz von der Außenwelt abzusperren , vor dem Fensterkreuz festgenagelt hat - kurz , gebärdet sich so unbändig , wie nur ein Wind , der den Auftrag hat , das letzte Laub von den Bäumen in Gärten und Wäldern zu reißen , sich gebärden kann . Lange hat der Musensohn in tiefe Gedanken versunken dagesessen ; jetzt springt er plötzlich auf und dreht mir das Gesicht zu - - - das bin ich wieder : Johannes Wachholder , ein Student der Philosophie in der großen Haupt- und Universitätsstadt . Sehr aufgeregt scheint der Doppelgänger meiner Jugend zu sein ; mit so gewaltigen Schritten , als das enge , wunderlich ausstaffierte Gemach nur erlaubt , rennt er auf und ab . Plötzlich springt er auf das Fenster zu , reißt den improvisierten Vortang herunter und läßt einen prächtigen Mondenstrahl , der in diesem Augenblick durch die zerrissenen Wolken fällt , herein . » Marie ! Marie ! « flüstert mein Schattenbild leise , die Arme gegen ein schwach erleuchtetes Fenster drüben ausstreckend , gegen dessen herabgelassene Gardine der kaum bemerkbare Schatten einer menschlichen Gestalt fällt , und - - Es ist eine gefährliche Sache , in den Momenten ungewöhnlicher Aufregung - sei es Freude oder Schmerz , Haß oder Liebe - sich dem klaren , weißen Licht des Mondes auszusetzen . Das Volk sagt : Man wird dumm davon . Wirklich , wundersame Gedanken bringt dieser reine Schein mit sich ; allerlei tolles Zeug gewinnt Macht , sich des Geistes zu bemächtigen und ihn unfähig zu machen , fürderhin gemütlich auf der ausgetretenen Straße des Alltagslebens weiterzutraben . » Man wird dumm davon ! « -Zauberhafte Aussichten in phantastische , nebelhafte Gründe öffnen sich zu beiden Seiten ; nie gehörte Stimmen werden wach , locken mit Sirenensang , flüstern unwiderstehlich , winken den Wanderer ab vom sicheren Wege , und bald irrt der Bezauberte in den unentrinnbaren Armidengärten der Fee Phantasie . » Ich liebe dich « , flüstert mein Schattenbild , » ich will dich reich , ich will dich glücklich , ich will dich berühmt machen , ich will « - der schreibende Greis kann jetzt nur lächeln - » die Welt für dich gewinnen , Marie ! « Mehr noch flüstert mein Doppelgänger , die Stirn an die Scheiben drückend , hinüber nach dem kleinen Stübchen , wo die Jugendgespielin ,