Ich glaube übrigens , daß er nicht weit sein wird , denn solch Lumpengesindel lungert überall umher . « Der Pater warf einen strafenden Blick auf den menschenfreundlichen Thürsteher , der diesen zum Schweigen brachte und befahl , ihm den armen Knaben sofort zuzuführen , sobald er sich zeigen werde . Brummend und kopfschüttelnd kehrte der Portier wieder in seine Klause zurück und war eben im Begriff , sich dem vorhin unterbrochenen Schlummer von Neuem hinzugeben , als ihn ein Klopfen am Fenster seiner Bude abermals störte . » Ach , da bist Du ja wieder , Du kleiner schwarzer Taugenichts « - fuhr er auf - » hast wohl schon gewittert , daß Se . Ehrwürden zurückgekehrt ist , he ? « Der Angeredete war ein Knabe von etwa 15 Jahren . Sein wunderlich finsteres Aussehen und der frühreife Ernst in seinen dunkeln braunen Zügen mußte einen - man wußte nicht ob anziehenden oder abstoßenden - Eindruck auf Jeden , der ihn zum ersten Male sah , machen . Sein langes rabenschwarzes Haar fiel in vollen und glänzenden Locken auf den braunen Hals und Schultern herab , die von einem zerrissenen Hemdkragen nur schlecht verhüllt wurden . Seine übrige Kleidung war sonst fragmentarisch : ein Paar faltige , weiße , weite Beinkleider von grober Leinwand und eine abgetragene blaue Sammetjacke mit kurzen Schößen und blanken Messingknöpfen . In je schlechterem Zustande sich diese Stücke befanden , um so mehr stach davon eine rothseidene Schärpe ab , welche der Knabe sich um den Leib gewunden und deren mit goldenen Franzen besetzte Enden kokett über die linke Hüfte herabhingen . Ein italienischer Strohhut , den er in diesem Augenblicke in der Hand hielt und ein Paar Schnürstiefeln , die noch in passablem Zustand waren , vollendeten die Toilette des Knaben . » Pater Angelicus ist zu Hause ? « - fragte er mit dem Accent eines Südländers , ohne die Höflichkeiten des Portiers eines Wortes zu würdigen . - » Welche Nummer ? « » Nummer 21 , vorn heraus , eine Treppe « - brummte der Portier . Mit einigen raschen Sprüngen eilte er die Treppe hinauf und öffnete , ohne anzuklopfen , mit geräuschloser Hand die Thür und verschloß sie in derselben Weise . Darauf ging er langsamen Schrittes auf den Pater zu , welcher , an einem eleganten Büreau sitzend und mit Schreiben beschäftigt , entweder das Eintreten des Knaben gar nicht gehört hatte , oder , mit seiner Weise schon bekannt , sich darüber nicht verwunderte . » Buen tio « - sagte der Knabe , indem er sich mit einem Knie auf den Teppich an der Seite des Paters niederließ und einen Kuß auf dessen Hand drückte . Pater Angelicus wandte seinen Kopf und sah mit einem Blick leidenschaftlicher Zuneigung auf das schwarzlockige Haupt in seinem Schooße herab . » Bist Du endlich gekommen , Salvador ! - - Was macht Inés , Deine Mutter ? Hat sie mir nicht geschrieben ? « - Salvador richtete sich empor und griff in seine Schärpe . Aus den Falten der rechten Seite zog er einen zierlichen Brief . » Allá , Sennor « - sagte er , dem Pater den Brief überreichend . Dieser beschaute mit der größten Sorgfalt das Siegel , dessen Wappen aus zwei Rosen bestand , darüber eine Grafenkrone , darunter die Worte : El no tiene fortuna ni go tampoco1 . Er lächelte bitter , als er diese Worte las und erbrach darauf den Brief . - » Gut « - sagte er mit zufriedener Miene - » Wann wird die Sennora hier eintreffen , Salvador ? « - » Noch heute Abend « - erwiederte der Knabe in seiner Muttersprache , obwohl er deutsch verstand und sprach , so bediente er sich desselben doch nur im Nothfalle . » Und sie ist wohl , mein Sohn , nicht wahr ? « - fragte der Pater , jetzt ebenfalls spanisch redend , mit einer an Zärtlichkeit grenzenden Milde . - » Este corazon orgulloso no se puede rompes2 , « erwiederte Salvador mit zitternder Stimme , indem sich seine Augen senkten . » O tio « - fuhr er fort , indem plötzlich seine schlanke Gestalt sich aufrichtete und sein Nacken die schwarzen Locken zurückwarf - » Ich bin stolz auf meine Mutter . Wann aber wird der Tag kommen , wo die stolze Inés sagen kann : Ich bin stolz auf meinen Sohn « - Seine Augen sprühten ein vulkanisches Feuer und seine Hand fuhr krampfhaft nach seinem Herzen . - Der Pater folgte dieser Bewegung mit aufmerksamem Auge . - » Ruhig , Salvador , mein Sohn . Es wird die Zeit kommen . Siehst Du dort den Vollmond sich aus den dunkeln Fluthen der Donau erheben ? Wohlan , höre , was ich Dir sage . Bevor er zum 5. Male um diese Zeit an dieser nämlichen Stelle steht , wird Dein Dolch das Herzblut dessen getrunken haben , der das Herz Deiner Mutter gebrochen hat . « » Este corazon orgulloso no se puede rompes « - murmelte der Knabe , indem er langsam die Hand von der Schärpe sinken ließ . - » Du hast ihn nie gesehen , Salvador ? « - » Nie . « » Du wirst ihn heute sehen , Salvador . « Der Knabe taumelte einen Schritt rückwärts . Sein Gesicht überzog eine Leichenblässe . Seine Brust hob sich in krampfhaften Zuckungen . Abermals fuhr er mit der Hand nach der linken Seite . Dann lächelte er verächtlich , kreuzte die Arme über einander und sprach mit verhaltener Stimme , als wollte er seine innere Bewegung verbergen : » Ich höre tio « - » Du bist ein braver Junge , Salvador - und Deiner Mutter würdig . - Was ich Dir zu sagen habe , ist kurz . Heute Abend halb 9 Uhr wirst Du mich in die Stadt begleiten . Du wirst mich in ein Haus hineingehen sehen und mich dort erwarten