und prüft ruhig nach seiner goldenen Cylinderuhr den Pulsschlag des Kranken . Dann unterbricht er das Schweigen ; » Es war ein Nervenschlag , verehrte Frau , der ihren Gatten getroffen . Doch hoffen Sie - seine Erstarrung wird nachlassen ; er wird zum Leben zurückkehren ; nur fürchte ich , mit einer Lähmung mancher edeln Organe ! « Mit einem seligen Lächeln schaute die Frau den glückverheißenden Arzt an . So traurig auch das Ende seiner Rede war - sie hatte es überhört ; und nur die Worte : » er wird zum Leben zurückkehren « , freudig aufgefaßt und ihrem Gedächtniß eingeprägt . Sorgsam nahm sie ihre Hand aus der kalten Hand des Greises , schlich leise in eine Ecke des Zimmers , wo die Tochter lang ausgestreckt auf dem Estrichboden lag . Segnend legte sie die Hand auf des Mädchens Haupt , und sprach weich : » Johanna , mein Kind , wache auf ! Dein Vater wird nicht sterben - Gott ist uns gnädig ! Er läßt diesen Kelch an Dir vorübergehen . Doch bete , bete , Kind , daß auch die Lippen noch den Fluch zurücknehmen , den sie über Dich ausgesprochen ; denn Vaterfluch ist eine schmerzliche Mitgift für ' s Leben . « Mit irren Mienen richtete sich das junge Mädchen auf , strich sich die ungeordneten , thränenfeuchten Locken von der Stirn , und erwiederte klanglos : » Was soll ich thun , Mutter ? Soll ich beten - soll ich heute noch Oburns Weib werden ? Mein Muth , mein Herz ist gebrochen . Dieser unselige Morgen hat mich willenlos gemacht . Ich bin bereit - laß ' die Hochzeitglocken läuten - flicht mir den Brautkranz ! « Zitternd an allen Gliedern sank sie zurück in ihren Stumpfsinn ; und kein äußeres Zeichen gab den innern Kampf der Seele kund . Wieder waren einige bange Stunden vorübergegangen , Stunden , die ein ganzes Leben voll Freude quitt machen . Da hob der Greis matt die Augenlieder auf ; die Lippen regten sich ; er versuchte zu sprechen ; - doch die Zunge war auf immer gelähmt ! 3 Ein fröhliches Posthorn schmetterte in der Ferne . Näher kam ' s und näher , zum einsamen Pfarrhaus hinan . Bald hielt ein eleganter englischer Reisewagen , den vier prächtige schwarze Rosse zogen , vor demselben still , Herr Oburn , der glückliche Bräutigam , sprang jugendlich keck aus dem Wagen , und stürzte auf das Zimmer seiner Braut zu , wie ein Raubvogel auf seine Beute . Am Abende dieses Tages standen die Thüren der altmodischen Dorfkirche weit offen . Der mit hölzernem Schnitzwerk verzierte Altar war reich mit Kränzen und mit frischem , grünen Laube geschmückt ; zwei Wachskerzen brannten auf kolossalen Messingleuchtern . Eine Bibel , in schwarzem Sammet eingebunden , lag auf dem Betpult , vor dem zwei rothe , dem Anschein nach neu angeschaffte Sammetsessel standen . An dem Weg von der Kirche bis zum Pfarrhaus , der mit weißem Sand und Blüthen bestreut war , bildeten die festlich geputzten Dorfbewohner ein Spalier , durch welches das Brautpaar nach alter Observanz , hindurch gehen mußte . Jetzt ertönte das Geläute der einzigen Glocke ; ein Zeichen , bei dem sich alle Blicke nach der Thüre der Pfarrwohnung richteten . Gravitätisch überschritt Herr Oburn die Schwelle , und überschaute das Volk mit triumphirendem Blick . Seine Persönlichkeit gab der Menge zu mancherlei Bemerkungen Veranlassung , in denen der idyllische Witz der Landleute sich mit vielem Behagen erging . Herr Oburn war ein Mann von 50 Jahren , klein und fett , mit einem würdevollen Hängebauch , einem vollen , aufgedunsenen , dunkelrothen Gesicht , mit einer unförmlichen , großen Nase , neben der sich eine zweite kleinere , wie eine Tochterloge , etablirt hatte . Beide waren mit den Farben von Burgunder und Rum malerisch schattirt . Die Stirne , gewiß von der Natur dazu bestimmt , in diesem Gesicht die beste Parthie zu sein , war durch veilchenblaue Adern , die dick hervorquollen und sich kreuzten , wie Heereszüge auf strategischen Karten , unangenehm entstellt . Um den gemeinen breiten Mund zog sich ein Lächeln grober Sinnlichkeit , das an ein thierisches Grinsen erinnerte . Um das Gesicht würdig einzurahmen , fiel spärliches rothes Haar , genial vernachlässigt , von dem ziemlich kahlen Scheitel auf die Schläfe herab . Dies Meisterwerk der Natur war durch eine modisch-elegante Kleidung verhüllt . Der schwarze , feine Anzug , die Weste und Kravatte von weißem Atlas , suchten nach Kräften mit dem Gesichtsteint zu harmoniren , dem das feste Zuschnüren der Halsbinde zu der traurigen Aehnlichkeit mit einem gekochten Krebse verhalf . Das ganze Bild erinnerte an den Mann im feurigen Ofen , obgleich jeder Anstrich alttestamentlicher Salbung fehlte . An der Seite dieses Feuerkönigs schwankte ein bleiches Engelsbild , ein Mädchen mit dem höchsten Liebreiz geschmückt , voll Harmonie und Ebenmaaß . Ein echter Madonnenkopf mit unaussprechlich schönen Augen , einer kleinen , feingeschnittenen Nase , und einem Munde , den die Grazien um sein Lächeln hätten beneiden können ; eine hohe , schlanke Figur , an der dennoch jede Form , rund und weich , eine selbstständige Vollendung erstrebte ; Hals , Hand und Fuß von seltener Schönheit - alles das schien diesem Wesen von der Natur mitgegeben , auf daß es beglückend in Liebe glücklich sei . Darum empörte der Anblick des Zerrbildes , das , wie ein wahrer Popanz , an der Seite dieses schönen Menschenbildes , einhertrottirte . Heute war das feine Roth , das sonst die jugendlichen Wangen zierte , verschwunden , der Mund festgeschlossen , und das Auge blickte starr und regungslos umher . Ein weißes Atlaskleid umgab in malerischen Falten die frischen , edeln Glieder ; ein Kranz von blühenden Myrthen schmückte die hohe Stirn - sonst war alles an ihr schmucklos und einfach . Während das ungleiche Brautpaar der Kirche zuschritt , sprach sich in den verschiedensten Aeußerungen , in Lauten