, einer Feenwelt . Im Lauf des Sommers kam er zurück und brachte mir Bonbons mit von so unbegreiflicher Schönheit , daß ich sie wie Kunstwerke anstaunte ohne den Muth zu haben auch nur einen einzigen zu verzehren . Ebenso reizend waren die Geschenke , welche er meiner Schwester machte , und seine Erzählungen übertrafen nun gar Alles was ich je von Herrlichkeiten geträumt hatte . Nur das Wort zu hören » Palais royal « machte mir einen ganz zauberischen Eindruck . Die Verlobten sprachen von einer Hochzeitreise nach Paris ; zum ersten Mal in meinem Leben beneidete ich meine Schwester ! - An ihren Bräutigam schloß ich mich mit einer Art von Leidenschaft , weil er durch seine Erzählungen meiner Phantasie Nahrung bot . Ich hielt mich zu ihm so viel ich konnte , und er war immer sehr freundlich gegen mich - was der armen Amalie nicht sehr zu gefallen schien , denn sie schickte mich zuweilen mißmuthig fort . Auch Heinrich war nicht so gut gelaunt wie sonst . Der Knabe wuchs in den Jüngling hinein , alle Uebergangsepochen müssen sich durch Stürme ringen . Aber das wußte ich damals nicht . Ich konnte nicht begreifen weshalb Heinrich gar nicht so lustig und fröhlich wie sonst - und nicht so bereit mit mir zu spielen war . Als ich ihn einmal mit Bitten plagte , rief er verdrießlich : » Ach Sibylle , Du bist mir ganz unangenehm geworden ! ich kann ' s nicht leiden , daß sich die Mädchen immer verlieben und heirathen wollen . Amalie - nun ja , die ist schon neunzehn Jahr alt , da läßt man ' s hingehen ! aber Du ! solch ein winziges Ding und schon verliebt .... und noch dazu in den Bräutigam Deiner Schwester ! O schäme Dich ! das hätte ich nie von Dir gedacht . « Ich brach in ein Jammergeschrei aus . Ich sei nicht verliebt ! ich würde mich nie verlieben und nie heirathen ! - Mein Bruder beschwichtigte mich , aber zum ersten Mal hatte er mich tief verletzt . Der Wiener Congreß und die Vorbereitungen zu Amaliens Hochzeit wurden auf gleiche Weise unterbrochen - nämlich durch Napoleons Rückkehr nach Frankreich . Wieder brach der Krieg aus ; wieder trat der Verlobte in die Reihen , und diesmal erklärte Heinrich er wolle und müsse auch gegen die Franzosen kämpfen ; er sei im siebzehnten Jahr , groß und stark , Jüngere als er hätten den vorjährigen Feldzug mitgemacht . Es sei eine Schmach in solchem Augenblick bequem und sicher im Vaterhaus zu sitzen . Verweigere man ihm die Erlaubniß , so würde er heimlich fortgehen . Man mußte sie ihm gewähren und er ging mit Amaliens Bräutigam fort ! Das waren entsetzliche Tage ! meine Mutter und Schwester in Verzweiflung , Klagen und Thränen ; mein Vater in banger stummer Sorge , alle Hausgenossen beängstigt und gedrückt ; aber ich in einem Zustand von Bewilderung der mich fast aufrieb . Ich konnte nicht essen , nicht lernen , nicht spielen , nicht schlafen . Ich sah mich wachend und träumend umringt von Schlachtgetümmel , und vor mir Heinrich verwundet , blutig , sterbend . Meine Nerven geriethen in solchen Aufruhr , daß ich laut schrie wenn eine Thür schnell geöfnet wurde oder wenn ein Diener plötzlich eintrat . Doch beachtete man nicht sehr meinen krankhaften Zustand , der auch nicht lange währte , indem die Schlacht von Waterloo den Krieg beendete , und baldige Rückkehr der jungen Krieger verhieß . Gott , welche Sehnsuchtsqual erduldete ich bis sie nun endlich da waren ! und als sie kamen verfiel ich in einen solchen Taumel von Jubel und Entzücken , daß ich wie besinnungslos in Heinrichs Armen hing . Er war noch größer geworden , aber so dünn und schmal aufgeschossen , so ganz ohne Haltung und Kraft , daß seine Gestalt einen beklemmenden Eindruck machte . Indessen - er war da ! gesund , freudig , unverwundet ! man wähnte alle Gefahren überstanden zu haben , und abermals wurde Amaliens Hochzeitsfest bestimmt . Da klagte Heinrich eines Morgens über Kopfschmerzen , über Schwere und Schwäche in allen Gliedern ; - er bekam das Nervenfieber , und am einundzwanzigsten Tage war er todt . Mein Vater und Amalie erkrankten Beide an seinem Sterbetag und die gräßliche Krankheit riß sie binnen wenig Wochen ins Grab . Am Tag Aller Seelen wurden sie bestattet , und ich wurde zehn Jahr alt ! Meine arme Mutter , im seelischen und physischen Lebensorganismus an der Wurzel erschüttert , verfiel in den allerkläglichsten Zustand . Die Nachtwachen , die Todesangst um das Geliebteste während sieben langer Wochen , die herzzernagende Sorge , der herzzerspaltende Schmerz am Sarge des Gatten in voller Kraft - und der Kinder in voller Blüte des Lebens ; die Verzweiflung des Verlobten und meine wilde unsinnige Traurigkeit : das Alles überwältigte sie . Eine gänzliche Lähmung der Nerven , die zu Zeiten mit den heftigsten Nervenkrämpfen abwechselte , machte ihre fernere Existenz zu einer langen , trostlosen Qual . Sie lag auf dem Sopha oder im Bett , mußte gehoben , getragen , angekleidet und gespeist werden , war hülflos wie ein kleines Kind , behielt zwar immer ihre geistigen Fähigkeiten , konnte sich aber in keiner Weise beschäftigen und manchmal aus Schwäche nicht drei Worte im Tage sprechen . So vegetirte sie in gänzlicher Unfähigkeit sich mit mir zu beschäftigen ; - aber ich begann sie leidenschaftlich zu lieben . Mein Vormund schlug vor mich in eine berühmte Pension nach Altona zu bringen ; Amaliens Verlobter : mich im Hause seines Vaters in Hannover erziehen zu lassen , der ein Stiefbruder meiner armen Mutter war ; aber ich bat auf meinen Knien und mit solchen fanatischen Ausbrüchen von Schmerz mich nicht von ihr zu trennen , daß Niemand den Muth hatte darauf zu bestehen . Ich blieb bei ihr , d.h. ich blieb ungefähr allein auf der Welt . Heinrichs Hofmeister und die