, lassen wir dahingestellt sein ; nur das steht fest , daß von jenem Tage an in Meining der Gedanke an eine Verbindung mit Clementinen erwachte . Dieses Mädchen in seinem Hause walten zu sehen , von ihrem Geiste seine Mußestunden verschönen zu lassen , ihrer milden Pflege in kranken Tagen zu genießen und sie , der er von Herzen zugethan war , ihren Kummer vergessen zu machen , war bald sein Lieblingswunsch geworden . Er hielt sich für den Mann , der sie über den verlorenen Geliebten zu trösten vermöchte , und je mehr und je länger er seine Bewerbungen um sie fortsetzte , je werther wurde sie ihm , je gewisser , daß er ihr nicht gleichgültig bleiben könne . So trat er denn , nachdem sie einen Abend vorher sich freundlich in Gesellschaft begegnet waren , am nächsten Morgen mit seiner Werbung um Clementinens Hand vor den Professor hin . Reich war sehr erfreut , Marie entzückt über das Glück , das sich ihrer Schwester bot ; Clementine allein sagte , wie so oft schon : » ich kann und werde nicht heirathen . « Man schrieb der Tante , Frau von Alven bestürmte die Arme mit den dringendsten Vorstellungen , Meining wollte ihr Zeit lassen , sich zu entschließen , und unterdessen nahmen die Ermahnungen und das Zureden des Professors und Mariens kein Ende ; die Unterhaltungen , mochten sie mit dem Fernliegendsten beginnen , endeten zu Clementinens Qual doch immer wieder mit dem Geheimrath von Meining . Bei einer solchen Scene fanden wir die Schwestern , am Anfang unserer Erzählung , und es war nöthig so weit zurückzugehen , um den Leser mit den handelnden Personen bekannt zu machen , wobei wir uns zugleich das Recht vorbehalten , den Faden der Ereignisse , so oft es uns geeignet scheint , in den eigenhändigen Papieren und Briefen derselben zu verfolgen . Zweites Capitel Sinnend stand Clementine am Fenster , als sie in ihr Zimmer getreten war ; die Gedanken zogen , wie Bilder eines Schattenspieles , schnell an ihrer Seele vorüber ; sie wollte dem Zureden ein Ende machen und mit der Tante dabei beginnen . So setzte sie sich denn nieder und schrieb : Dein Brief hat mir wehe gethan , liebe Tante ! Traust Du mir bei meinen Handlungen keine anderen Beweggründe , als Ueberspannung oder Eigensinn zu ? Hältst Du mich denn für ein Kind , das die Verhältnisse des Lebens verkennt ? So gut als Ihr Alle weiß ich , daß nach den Begriffen der Welt die Stellung einer verheiratheten Frau der eines Mädchens vorzuziehen ist . Glaubt mir aber , daß es eine tiefe Nothwendigkeit ist , die mich abhält , den Schritt zu thun , zu dem Ihr Alle mich überreden möchtet . Ich hasse die Ehe nicht ; im Gegentheil , ich halte sie so hoch , daß ich sie und zugleich mich zu erniedrigen fürchte , wenn ich dies heilige Band knüpfte , ohne daß mein Gefühl Theil daran hätte . Was kann es Beglückenderes geben , als mit einem geliebten Manne sein Leben hinzubringen ? Für ihn zu sorgen , seine Freuden und Leiden zu theilen ; zu wissen : Alles , was mein Herz bewegt , Alles , was mich berührt , theilt und fühlt mein bester Freund mit mir ? Beide leben dann ein doppeltes Leben . O ! ich habe mir das oft sehr schön gedacht , ich habe es heiß gewünscht , und ich halte heute noch die Ehe für den einzigen Weg , der den Menschen zu der größten Vollkommenheit führt , die seiner Individualität möglich ist . Darum aber kann ich den Gedanken an eine gleichgültige Ehe nicht ertragen , weil sie für mich eine unglückliche wäre ; und ich habe es nie begreifen können , wie in der Ehe irgend Etwas die Menschen an einander kettet , als ihr Herz . Die Ehe ist in ihrer Reinheit die keuscheste , heiligste Verbindung , die gedacht werden kann ; rein , wie ein Engel des Lichts , geht das Weib aus den Armen ihres geliebten Gatten hervor , und wenn man mir , nach dem katholischen Ritus , die Madonna , die reine Mutter Gottes nannte , hat für mich ein rührend tiefer Sinn darin gelegen , ein ganz anderer Gedanke , als die Kirche ihn will . Ja ! die Ehe ist rein ! und aus der Umarmung liebender Gatten kann ein göttlicher Mensch , ein Retter der Welt entstehen . Aber was hat man aus der Ehe gemacht ? Ein Ding , bei dessen Nennung wohlerzogene Mädchen die Augen niederschlagen , über das Männer witzeln und Frauen sich heimlich lächelnd ansehen . Die Ehen , die ich täglich vor meinen Augen schließen sehe , sind schlimmer als Prostitution . Erschrick nicht vor dem Worte , da Du mich zu der That überreden möchtest . Ist es nicht gleich , ob ein leichtfertiges , sittlich verwahrlostes Mädchen sich für eitlen Putz dem Manne hingibt , oder ob Eltern ihr Kind für Millionen opfern ? Der Kaufpreis ändert die Sache nicht ; und ich gestehe Dir , ich würde das Weib , das augenblickliche Leidenschaft und heißer Sinnentaumel hinreißt , groß finden , gegen Diejenige , die das Bild eines geliebten Mannes im Herzen sich dem Ungeliebten ergibt , für den Preis seines Ranges und Namens . - Könnte ich glauben , der priesterliche Segen hätte Kraft zu binden und zu lösen , könnte das » Ja « , das ich spräche , eine ganze Vergangenheit aus meiner Seele tilgen , wer weiß , was ich thäte . So aber ! - Ich liebe nun einmal einen Mann , der mich verschmäht , dem meine ganze , ungetheilte , anbetende Liebe kein Glück zu bieten vermochte , als ich jung und schön war ; und ich sollte einen Ehrenmann , der von mir die Freude seines Lebens erwartet , mit einem heiligen Eide betrügen ? Ich sollte ihm ein Weib werden