Emilie berührte leise den Arm der Gräfin und fragte theilnehmend : Ist Ihnen nicht wohl ? Es ist nichts , sagte die Gräfin , indem sie ihre dunkeln Augen schnell wechselnd auf verschiedene Gegenstände richtete , um durch eine augenblickliche Zerstreuung einen gewaltsamen Eindruck zu bekämpfen ; dann suchten ihre Augen mit einer gewissen Besorgniß den Grafen , der aber zu sehr mit dem Kranken beschäftigt war und in diesem Augenblicke nicht auf die Frauen achtete . Es wurde nun schnell ein Zimmer im Schlosse bereitet ; der Graf rief nach dem Arzte des Hauses , und die Gesellschaft wurde durch den Prediger des Dorfes vermehrt , der als ein vorsichtiger Reiter seinen Weg so langsam gemacht hatte , daß ihm sogar die Bauern , welche den Kranken trugen , vorgeeilt waren . Er ritt in diesem Augenblicke zum Thore des Hofes ein , von einem Knechte begleitet , der ihm eine Laterne vortrug und ihm nun den Steigbügel hielt . Langsam und bedächtig stieg der Pfarrer ab , und sein kleines , mageres Pferd wurde von dem Knechte ohne Weiteres nach dem Stalle geführt , indem der Geistliche ihm mit etwas heiserer Stimme noch verschiedene Vorsichtsmaßregeln nachrief , wenn das Pferd etwa heiß sein sollte , was sich bei dem langsamen Ritt in einer kalten , regnigten Nacht kaum vermuthen ließ ; auch schien das Pferd überhaupt nicht so viel Sorgfalt zu verdienen , noch auch sonst zu genießen , denn sein Bau und ganzes Ansehen verrieth , daß es eben sowohl zum Pflügen und jeder anderen Arbeit , als zu den Spazierritten des Pfarrers gebraucht wurde . Nachdem der bedächtige Reiter auf diese Weise für sein getreues Roß gesorgt hatte , näherte er sich so eilig , als es ihm Mantel , Ueberrock und sonstige Verhüllungen seiner Person erlaubten , der Gräfin , die sich nun völlig wieder gefaßt hatte und den Prediger mit gewohnter Höflichkeit bewillkommnete . Der Kranke war indeß in ein Zimmer des untern Stockwerkes gebracht worden , wohin der Graf , begleitet vom Arzte , folgte , und der Prediger eilte , von Theilnahme und Neugierde getrieben , ebenfalls zu dem Verwundeten ; die Gräfin zog sich nach ihrem Zimmer zurück , und Emilie ging , um der Haushälterin alle Aufträge zu geben , die , um den Zustand des Kranken zu erleichtern , nöthig waren . II Nachdem der Arzt die Wunden des Kranken untersucht hatte , die von verschiedenen Säbelhieben herzurühren schienen , bemerkte er , daß er sie an sich nicht für tödtlich hielte , daß ihm aber der Zustand des Kranken dennoch gefährlich schiene , durch die starke Verblutung sowohl , als durch seine heftige Erkältung , da er wahrscheinlich lange hüflos im Walde gelegen hätte , der rauhen Jahreszeit und der unfreundlichen Witterung Preis gegeben . In der That gab der Verwundete nur schwache Zeichen des Lebens und schlug erst nach langer Zeit die großen dunkeln Augen auf , doch ohne daß er irgend etwas von den Gegenständen um sich zu bemerken schien . Der Pfarrer leistete dem Arzte alle mögliche Hülfe in der Behandlung des Kranken und verrieth eben so viel Theilnahme für den Verwundeten , als Kenntniß der Wundarzneikunst . Nachdem der Kranke versorgt war , und der Arzt die nöthigen Verhaltungsregeln gegeben , vor Allem verordnet hatte , daß man den Kranken auf keine Weise zum Sprechen reitzen müsse , eine Verordnung , die dem Pfarrer sehr unangenehm war , obgleich er ihre Nothwendigkeit einsah , kehrten Alle in das Gesellschaftszimmer zurück . Die Gräfin zeigte nichts von der trüben Stimmung , der sie sich überlassen hatte , als sie mit Emilie allein war , und fragte mit Theilnahme nach dem Verwundeten . Der Graf unterrichtete sie von seiner gefährlichen Lage und sagte , es wäre wohl gut , wenn Dübois die Sorge für ihn übernehmen wollte ; es würde dem alten Manne zwar beschwerlich sein , indeß bei seiner Gutmüthigkeit und Theilnahme für alle Unglücklichen , glaube ich , würde er es gern thun , besonders da der Verwundete sein Landsmann ist , der wahrscheinlich keine andere , als die französische Sprache zu reden versteht und sich folglich keinem von der Dienerschaft verständlich machen kann . Die Gräfin zog die Klingel , und der Pfarrer sagte vorschnell : So sollten der Herr Graf ihm befehlen , die Nacht bei dem Kranken zu wachen . Ich befehle nicht gern einem alten Manne , sagte der Graf höflich , doch ein wenig verdrüßlich , der mehr aus Anhänglichkeit an uns in meinem Hause lebt , als aus einem andern Grunde , und den ich niemals wie einen Bedienten betrachte . Man konnte überhaupt bemerken , daß sowohl der Graf , als die Gräfin ein uneingeschränktes Vertrauen zu dem alten Dübois hatten , der die Verrichtungen eines Kammerdieners und eines Haushofmeisters , wie es schien , freiwillig übernahm , denn wenigstens der Graf richtete nie einen Befehl an ihn , sondern drückte seinen Willen als Wunsch aus und ließ ihn so gewöhnlich durch die Gräfin an den alten Mann gelangen , der auch bei aller Ehrerbietung , die er gegen den Grafen zeigte , doch eigentlich nur die Gräfin als seine Herrschaft betrachtete . Dem Bedienten , der auf den Ruf der Klingel eingetreten war , sagte die Gräfin , er solle Herren Dübois bitten , einen Augenblick zu ihr zu kommen . Der Pfarrer , ein Mann ohne feine Erziehung , der in seiner Umgebung sich zu beherrschen nicht gelernt hatte , ließ durch seine Mienen , die eine schlaue Verwunderung ausdrückten , und durch das halbe Lächeln , mit dem er den Arzt ansah , deutlich merken , wie sehr ihn diese Art , mit seiner Dienerschaft umzugehen , befremdete . Nach wenigen Augenblicken trat der alte Haushofmeister mit einer höflichen Verbeugung ein und hielt sich ehrerbietig nah an der Thüre . Es war unmöglich , beim ersten Blicke , den man auf ihn richtete , dem alten Manne Wohlwollen und Zutrauen zu versagen . Seine