der Individualität schwächt ab und verdrängt die Geschichte in der Nation . Goethe hatte schon selbst aus der Naturlyrik Werthers einen strebsamen Wilhelm Meister hervorgehen lassen , den sein Drang von dem grünen Wald weg auf die Formen des bürgerlichen Lebens wies , um an denen sich zu bilden , aber es war das bürgerliche Leben des achtzehnten Jahrhunderts , und die Deutschen kannten weiter keine nationellen und öffentlichen Interessen , als das Theater . Darum ist die ganze deutsche Bildung , die im Wilhelm Meister erlangt wird , nur noch eine Theaterbildung , und das Leben ist Repräsentation in guter Gesellschaft . Aber die Subjectivität war wenigstens frei geworden von der Naturlyrik , und statt des Umganges mit schwirrenden Käfern und spielenden Würmern im Grase ist der Umgang mit Menschen , selbst mit Salonsmenschen , doch immer etwas nütze . Aber die Natur war indessen bei Goethe und bei den Deutschen aus dem schwärmerischen Gemüth in die geistigere Speculation zurückgetreten , und hatte in dem Ersteren den Faust erzeugt , unter den Letzteren die Naturphilosophie . Nun hatte das kranke Deutsche Herz den grünen Wald überwunden , nachdem die Natur ernstbetrachtetes Object der Wissenschaft geworden . So zeigt Goethe selbst in dem Stufengang seiner Werke die ursprünglichsten Bildungsstufen des deutschen Geistes auf , aber eben nur die Stufen unserer ganz ursprünglichen und embryonischen Entwickelung , auf denen er deshalb am wenigsten das deutsche Dichten schon erschöpfen oder auch nur zur Vollendung bringen konnte . Und in den Wahlverwandtschaften schrieb er noch ein Werk über die allgemeinsten Bindungen und Wechselwirkungen menschlicher Verhältnisse , indem er dabei sogar wieder an die elementare Natur anknüpfte . Eine so abstracte und deshalb graue Dichtung ist nie geschaffen worden , als diese , in der Goethe zeigen wollte , wie die allgemeinen Naturgesetze der Anziehung und Abstoßung aus der Physik und Chemie auf den Menschen sich anwenden und bis in seine Stube und sein Herz hinein ihn verfolgen . In diesem Romane trat die Natur nun schon ganz ohne alles lyrische Blätterrauschen auf , sie war nacktes physikalisches Gesetz geworden , und der Poet des Werther , der damals das Pathos der Naturempfindung gefeiert , hatte jetzt eine kalte Physik des menschlichen Herzens gedichtet . Aber ein anderer hochbegabter Poet hatte mittlerweile Rückschritte eingeführt . Durch Tieck und dessen Jugendlyrik war der deutschen Dichtung und Gesinnung wieder eine unnatürliche Wendung gegeben worden , unnatürlich , weil mit dem Natürlichen wieder geliebäugelt wurde . Die alten grünen Wälder sollten wieder im Menschen zu reden anfangen . Werther wurde ein Minnesänger , die einfache Naturlyrik Goethe ' s schlug in eine künstlichere Naturromantik um , und statt der naiv plaudernden Lotte saßen hinter der Geisblattlaube alte Mährchen , und nickten mit den sternengekrönten Häuptern , und erzählten hundertjährige Geschichten voll von Liebe und Wunder . Der Schauplatz war derselbe geblieben und doch ganz verändert worden . Was im Werther metaphysischer gewesen war , wurde hier poetischer und bildlicher , und die Gefühle und Schmerzen , die hinter der Frühlingslandschaft gelauert hatten , setzten sich in leichtere Elfen und Kobolde und in ein luftigeres Morgen- und Abendroths-Spectakel um . Aber es war im Grunde nur eine brillante Variation jener ohnmächtigen Naturstimmung , die den Deutschen so nachtheilig ist . Die Deutschen konnten sich auch an der Waldromantik nicht bilden . Und Tieck selbst brauchte einen Zwischenraum vieler Jahre , in denen er ganz schwieg , ehe er in den Novellen seinen schönsten Ton anzuschlagen und darin aus Lebensproblemen eine ächte und gesunde Poesie zu schaffen vermochte , weshalb nichts lächerlicher , als wenn seine Freunde , besonders die unkritischen Berliner , noch immer den Waldlyriker am höchsten in ihm feiern . Wie gesagt , selbst vor der schönsten Gegend empfinde ich es , daß auch ich kein Werther und kein Wald-Lyriker mehr bin , und es regt sich Bosheit in mir genug dazu , daß ich auch allen meinen Landsleuten gern das letzte Stück Naturidylle aus dem fühlenden deutschen Herzen schneiden möchte . Nur die frische freie Gotteslust brauchen wir unerläßlich , um die starken Brustschläge unserer neuen Thaten darin gesund ausathmen zu lassen . In unserem Unruhigwerden und in unserm Historischwerden nehme uns Gott nie die frische freie Luft , damit es eine unbeengte Freude der Bewegung werde ! Aber das lächelnde Kind in der Wiege küßt der Mann noch einmal , nachdem er unruhig und historisch geworden , und zieht dann hinaus und kann sich durch den schönen Säugling doch nicht abhalten lassen von den Schlachten . Die Natur ist das lächelnde Kind in der Wiege , sie ist der erste Säugling an den Brüsten der Schöpfung . So seht die unmittelbare Unschuld des Lebens auf den Wiesen träumen . Aber der Mensch , dieser eilige Sohn der Zukunft , kann seine Zeit nicht hinbringen , um ihr Wiegenlieder zu singen . Nachdem er seine sentimentale Frühlingsperiode überwunden , betritt er , an Hoffnungen groß , das Feld der Geschichte , und erweitert seine Landschaftsstudien zu Weltstudien . Besonders heutzutage hat man gar keine Zeit , man hat Kopf und Hände voll zu thun , um sich und Andere zu verstehn , und die wenigen Geschichtsstunden , die uns das Leben noch giebt , recht fleißig zu nutzen ; und wenn ich auf die schönen Gegenden polemisire , so geschieht es wahrhaftig meistens nur aus dem Mangel an Zeit . Da wollten mich die guten Freunde in W. den ganzen Vormittag umherführen , um mir die herrlichen Gärten in der Umgegend zu zeigen . Ein ganzer Vormittag ! Man denke , ein ganzer Vormittag ! Und was ist ein Garten ? Gewissermaßen nur ein Toilettenstück der Natur ! Ich trieb mich also lieber auf der Straße umher , sah die Wachtparade aufziehn und beschaute mir die vielen deutschen Gesichter der umstehenden Menschen , eines nach dem anderen . Ein solches Gesicht ist gar nicht zu verkennen , wie das deutsche ; und doch in jeder Stadt ein andersgebildeter Schlag davon ! Zehn Gesichter gerade fing