Zimmer : sie bemerkte die auffallende Bewegung an ihrem Manne , sie fragte erschrocken , er leugnete und herzte sie mit einer ungewohnten Inbrunst . Dann ging er auf sein Zimmer . Es verstrichen mehrere Wochen , ohne daß unser Maler gegen irgend jemanden sich über den wahren Zusammenhang der Sache erklärte , seinen Schwager , den Major v. R. , ausgenommen , dem er folgende auffallende Eröffnung machte . » Es mag nun bald ein Jahr sein , als mich eines Abends ein verwahrloster Mensch von schwächlicher Gestalt und kränklichem Aussehen , eine spindeldünne Schneiderfigur , in meiner Werkstätte besuchte . Er gab sich für einen eifrigen Dilettanten in der Malerei aus . Aber die windige Art seines Benehmens , das Verworrene seines Gesprächs über Kunstgegenstände war ebenso verdächtig , als mir überhaupt der ganze Besuch fatal und rätselhaft sein mußte . Ich hielt ihn zum wenigsten für einen aufdringlichen Schwätzer , wo nicht gar für einen Schelmen , wie sie gewöhnlich in fremden Häusern umherschleichen , die Leute zu bestehlen und zu betrügen . Hingegen wie groß war meine Verwunderung , als er einige Blätter hervorzog , die er mit vieler Bescheidenheit für leichte Proben von seiner Hand ausgab . Es waren reinliche Entwürfe mit Bleistift und Kreide voll Geist und Leben , wenn auch manche Mängel an der Zeichnung sogleich ins Auge fielen . Ich verbarg meinen Beifall absichtlich , um meinen Mann erst auszuforschen , mich zu überzeugen , ob das alles nicht etwa fremdes Gut wäre . Er schien mein Mißtrauen zu bemerken und lächelte beleidigt , während er die Papiere wieder zusammenrollte . Sein Blick fiel inzwischen auf eine von mir angefangene Tafel , die an der Wand lehnte , und wenn kurz vorher einige seiner Urteile so abgeschmackt und lächerlich als möglich klangen , so ward ich jetzt durch einige bedeutungsvolle Worte aus seinem Munde überrascht , welche mir ewig unvergeßlich bleiben werden , denn sie bezeichneten auf die treffendste Weise das Charakteristische meiner Manier und lösten mir das Geheimnis eines Fehlers , den ich bisher nur dunkel empfunden hatte . Der wunderliche Mensch wollte mein Erstaunen nicht bemerken , er griff eben nach dem Hute , als ich ihn lebhaft zu mir auf einen Sitz niederzog und zu einer weiteren Erörterung aufforderte . Es übersteigt jedoch alle Beschreibung , in welch sonderbarem Gemische des fadesten und unsinnigsten Galimathias mit einzelnen äußerst pikanten Streiflichtern von Scharfsinn sich der Mensch in einer süßlich wispernden Sprache nun gegen mich vernehmen ließ . Dies alles zusammengenommen und das unpassende Kichern , womit er sich selber und mich gleichsam zu verhöhnen schien , ließ keinen Zweifel übrig , daß ich hier das seltenste Beispiel von Verrücktheit vor mir habe , welches mir je begegnet war . Ich brach ab , lenkte das Gespräch auf gewöhnliche Dinge und er schien sich in seinem stutzerhaft affektierten Betragen nur immer mehr zu gefallen . Dies elegante Vornehmtun machte mit seinem notdürftigen Äußern , einem abgetragenen , hellgrünen Fräckchen und schlechten Nankingbeinkleidern einen höchst komischen , affreusen Kontrast . Bald zupfte er mit zierlichem Finger an seinem ziemlich ungewaschenen Hemdstrich , bald ließ er sein Bambusröhrchen auf dem schmalen Rücken tänzeln , indem er zugleich bemüht war , durch Einziehung der Arme mir die schmähliche Kürze des grünen Fräckchens zu verbergen . Mit alle diesem erregte er meine aufrichtige Teilnahme . Mußt ich mir nicht einen Menschen denken , der mit seinem außerordentlichen Talente , vielleicht durch gekränkte Eitelkeit , vielleicht durch Liederlichkeit , dergestalt in Zerfall geraten war , daß zuletzt nur dieser jämmerliche Schatten übrigblieb ? Auch waren jene Zeichnungen , wie er selbst bekannte , aus einer längst vergangenen , bessern Zeit seines Lebens . Auf die Frage , womit er sich denn gegenwärtig beschäftige , antwortete er hastig und kurz : er privatisiere ; und als ich von weitem die Absicht blicken ließ , jene Blätter von ihm zu erstehen , schien er trotz eines preziösen Lächelns nicht wenig erleichtert und vergnügt . Ich bot ihm drei Dukaten , die er mit dem Versprechen zu sich steckte , mich bald wiederzusehen . Nach vier Wochen erschien er abermals und zwar schon in merklich besserem Aufzuge . Er brachte mehrere Skizzen mit : sie waren womöglich noch interessanter , noch geistreicher . Indessen hatt ich beschlossen , ihm vorderhand nichts weiter abzunehmen , bis ich über die Rechtmäßigkeit eines solchen Erwerbs völlig ins reine gekommen wäre , etwa dadurch , daß er veranlaßt würde , gleichsam unter meinen Augen eine Aufgabe zu lösen , die ich ihm unter einem unverfänglichen Vorwande zuschieben wollte . Ich hatte meine Gedanken hiezu schriftlich angedeutet , erklärte mich ihm auch mündlich darüber , und er eilte sogleich mit der Hoffnung weg , mir seinen Versuch in einigen Tagen zu zeigen . Aber wer schildert meine Freude , als schon am Abende des folgenden Tages die edelsten Umrisse zu der angegebenen Gruppe aus dem Statius vor mir lagen , in der ganzen Auffassung des Gedankens weit kühner und sinnreicher als der Umfang meiner Imagination jemals reichte . Manche flüchtige Bemerkung des närrischen Menschen bewies überdies unwidersprechlich , daß er mit Leib und Seele bei der Zeichnung gewesen . Auch dieser Entwurf und in der Folge noch der eine und andere ward mein Eigentum ; allein plötzlich blieb der Fremde aus und eigensinnigerweise hatte er mir weder Namen noch sonstige Adresse zurückgelassen . Nach und nach fühlte ich unwiderstehliche Lust , drei bis vier der vorhandenen Blätter vergrößert in Wasserfarbe aufs neue zu skizzieren und sofort in Öl darzustellen , wobei denn bald die liebevollste wechselseitige Durchdringung meiner Manier und jenes fremden Genius stattfand , so daß die Entscheidung so leicht nicht sein möchte , wenn nunmehr bei den völlig ausgemalten Tableaus ein zwiefaches und getrenntes Verdienst gegeneinander abgewogen werden sollte . Vor einem Freunde und Schwager darf ich dieses selbstgefällige Bekenntnis gar wohl tun , und vielleicht wird das Publikum mir nicht mindere Gerechtigkeit widerfahren lassen , wenn ich ihm demnächst bei der