täglichen Lebens . Das Licht fiel von hohen Fenstern an der Seite herein . Was aber die Aufmerksamkeit des Wanderers am meisten erregte , waren farbige , auf die Wand gemalte Bilder , die unter den Fenstern in ziemlicher Höhe , wie Teppiche , um drei Teile der Kapelle herumreichten und bis auf ein Getäfel herabgingen , das die übrige Wand bis zur Erde bedeckte . Die Gemälde stellten die Geschichte des heiligen Joseph vor . Hier sah man ihn mit einer Zimmerarbeit beschäftigt ; hier begegnete er Marien , und eine Lilie sproßte zwischen beiden aus dem Boden , indem einige Engel sie lauschend umschwebten . Hier wird er getraut ; es folgt der englische Gruß . Hier sitzt er mißmutig zwischen angefangener Arbeit , läßt die Axt ruhen und sinnt darauf , seine Gattin zu verlassen . Zunächst erscheint ihm aber der Engel im Traum , und seine Lage ändert sich . Mit Andacht betrachtet er das neugeborene Kind im Stalle zu Bethlehem und betet es an . Bald darauf folgt ein wundersam schönes Bild . Man sieht mancherlei Holz gezimmert ; eben soll es zusammengesetzt werden , und zufälligerweise bilden ein paar Stücke ein Kreuz . Das Kind ist auf dem Kreuze eingeschlafen , die Mutter sitzt daneben und betrachtet es mit inniger Liebe , und der Pflegevater hält mit der Arbeit inne , um den Schlaf nicht zu stören . Gleich darauf folgt die Flucht nach Ägypten . Sie erregte bei dem beschauenden Wanderer ein Lächeln , indem er die Wiederholung des gestrigen lebendigen Bildes hier an der Wand sah . Nicht lange war er seinen Betrachtungen überlassen , so trat der Wirt herein , den er sogleich als den Führer der heiligen Karawane wiedererkannte . Sie begrüßten sich aufs herzlichste , mancherlei Gespräche folgten ; doch Wilhelms Aufmerksamkeit blieb auf die Gemälde gerichtet . Der Wirt merkte das Interesse seines Gastes und fing lächelnd an : » Gewiß , Ihr bewundert die Übereinstimmung dieses Gebäudes mit seinen Bewohnern , die Ihr gestern kennenlerntet . Sie ist aber vielleicht noch sonderbarer , als man vermuten sollte : das Gebäude hat eigentlich die Bewohner gemacht . Denn wenn das Leblose lebendig ist , so kann es auch wohl Lebendiges hervorbringen . « » O ja ! « versetzte Wilhelm . » Es sollte mich wundern , wenn der Geist , der vor Jahrhunderten in dieser Bergöde so gewaltig wirkte und einen so mächtigen Körper von Gebäuden , Besitzungen und Rechten an sich zog und dafür mannigfaltige Bildung in der Gegend verbreitete , es sollte mich wundern , wenn er nicht auch aus diesen Trümmern noch seine Lebenskraft auf ein lebendiges Wesen ausübte . Laßt uns jedoch nicht im Allgemeinen verharren , macht mich mit Eurer Geschichte bekannt , damit ich erfahre , wie es möglich war , daß ohne Spielerei und Anmaßung die Vergangenheit sich wieder in Euch darstellt und das , was vorüberging , abermals herantritt . « Eben als Wilhelm belehrende Antwort von den Lippen seines Wirtes erwartete , rief eine freundliche Stimme im Hofe den Namen Joseph . Der Wirt hörte darauf und ging nach der Tür . » Also heißt er auch Joseph ! « sagte Wilhelm zu sich selbst . » Das ist doch sonderbar genug und doch eben nicht so sonderbar , als daß er seinen Heiligen im Leben darstellt . « Er blickte zu gleicher Zeit nach der Türe und sah die Mutter Gottes von gestern mit dem Manne sprechen . Sie trennten sich endlich : die Frau ging nach der gegenüberstehenden Wohnung . » Marie ! « rief er ihr nach , » nur noch ein Wort ! « - » Also heißt sie auch Marie ! « dachte Wilhelm ; » es fehlt nicht viel , so fühle ich mich achtzehnhundert Jahre zurückversetzt . « Er dachte sich das ernsthaft eingeschlossene Tal , in dem er sich befand die Trümmer und die Stille , und eine wundersam altertümliche Stimmung überfiel ihn . Es war Zeit , daß der Wirt und die Kinder hereintraten . Die letztern forderten Wilhelm zu einem Spaziergange auf , indes der Wirt noch einigen Geschäften vorstehen wollte . Nun ging es durch die Ruinen des säulenreichen Kirchengebäudes , dessen hohe Giebel und Wände sich in Wind und Wetter zu befestigen schienen , indessen sich starke Bäume von alters her auf den breiten Mauerrücken eingewurzelt hatten und in Gesellschaft von mancherlei Gras , Blumen und Moos kühn in der Luft hängende Gärten vorstellten . Sanfte Wiesenpfade führten einen lebhaften Bach hinan , und von einiger Höhe konnte der Wanderer nun das Gebäude nebst seiner Lage mit so mehr Interesse überschauen , als ihm dessen Bewohner immer merkwürdiger geworden und durch die Harmonie mit ihrer Umgebung seine lebhafte Neugier erregt hatten . Man kehrte zurück und fand in dem frommen Saal einen Tisch gedeckt . Obenan stand ein Lehnsessel , in den sich die Hausfrau niederließ . Neben sich hatte sie einen hohen Korb stehen , in welchem das kleine Kind lag ; den Vater sodann zur linken Hand und Wilhelm zur rechten . Die drei Kinder besetzten den untern Raum des Tisches . Eine alte Magd brachte ein wohlzubereitetes Essen . Speise- und Trinkgeschirr deuteten gleichfalls auf vergangene Zeit . Die Kinder gaben Anlaß zur Unterhaltung , indessen Wilhelm die Gestalt und das Betragen seiner heiligen Wirtin nicht genugsam beobachten konnte . Nach Tische zerstreute sich die Gesellschaft ; der Wirt führte seinen Gast an eine schattige Stelle der Ruine , wo man von einem erhöhten Platze die angenehme Aussicht das Tal hinab vollkommen vor sich hatte und die Berghöhen des untern Landes mit ihren fruchtbaren Abhängen und waldigen Rücken hintereinander hinausgeschoben sah . » Es ist billig « , sagte der Wirt , » daß ich Ihre Neugierde befriedige , um so mehr , als ich an Ihnen fühle , daß Sie imstande sind , auch das Wunderliche ernsthaft zu nehmen , wenn es auf einem ernsten Grunde beruht . Diese geistliche Anstalt ,