von dem Pfade edlerer Unterhaltung entfernte , aber an munterer Geselligkeit gab sie der Residenz nichts nach , denn mehrere Beamte , und wohlhabende Honoratioren bildeten mit dem zahlreichen Adel der umliegenden Gegend einen weiten Kreis , der sich sehr oft versammelte , sich vereint des Lebens zu freuen . Die Generalin war mit allen in gutem Vernehmen , doch ihr liebster Umgang beschränkte sich auf Frau von Willfried , deren ohnehin sanfter Charakter durch die fromme Geduld , mit der sie eine beständige Kränklichkeit trug , noch weicher und anziehender wurde . Sie hatten gemeinschaftlich ihre Jugend in der großen Welt zugebracht , und so manche Erinnerung der Vergangenheit , die jetzt ihre Einsamkeit würzte , gab ihnen reichen Stoff der Mittheilung im traulichen Beisammenseyn , indem sich durch sie das Andenken jener Zeit ihnen erneuerte . Ein noch innigeres Band webte aber Erna zwischen ihnen , die - gleichsam von zwei Müttern gepflegt und geliebt , und beide mit Liebe und Gehorsam umfassend , schon in der frühsten Kindheit ein herrliches Gemüth neben ausgezeichneten Geistesgaben ahnen ließ . Die Generalin hatte keine Kinder , und Alexander , der einzige hinterlassene Sohn ihres früh verstorbenen Bruders sollte einmal in Zukunft ihr Erbe werden . Doch war diese Verfügung mehr ein Werk der Pflicht als der Neigung , denn sie hatte ihn seit seinem zehnten Jahr aus den Augen verloren , und wenn sie auch von allen Seiten hörte , er sei zu einem schönen , frohen , geistreichen Jüngling heran geblüht , der allenthalben warmen Antheil erwecke , und - wie man zu sagen pflegt - Glück mache , so mischte sich doch auch manche Kunde von seinem Leichtsinn , dem aufbrausenden Ungestüm seines Charakters und seinem an Libertinage gränzenden Hang zum üppigsten Lebensgenuß als dunkler Schatten in das schimmernde Bild seiner Liebenswürdigkeit , und die Briefe , die sie von Zeit zu Zeit von ihm empfing , bestätigten ihr durch manchen charakteristischen Zug , daß Lob und Tadel über ihn gegründet sei . Einsam , und unbekannt mit Freuden und Gespielen ihres Alters , war Erna neben ihr aufgewachsen , und hatte oft durch ihre stille , sich selbst nicht einmal bewußte Güte , durch ihre Innigkeit und kindliche Hingebung , die nie auf sich , immer nur auf das Wohl anderer , Rücksicht nahm , den Wunsch erregt , daß die Natur sie ihr zur Tochter verliehen haben möge . Der immer leidende Zustand der Frau von Willfried , hatte ihre Reizbarkeit so unendlich erhöht , ihr Empfindungsvermögen so krankhaft geschärft , daß sie die Entfernung ihres einzigen geliebten Kindes , auch nur auf Stunden , nicht ertragen konnte . Daher , und weil eine tiefe Stille in ihrer Umgebung ihr bei ihren schwachen Nerven Bedürfnis war , wurde Erna ausgeschlossen von den munteren Kreisen anderer Kinder , und ihr Gemüth , das die Sonne des Frohsinns nur selten durchscheinen durfte , neigte sich zu einem unnatürlichen Ernst , an dem es früher reifte als die eigentliche Bestimmung des Menschen es haben will . Es war ihr nicht entgangen , daß man das stete Kränkeln ihrer Mutter von den Folgen der schweren Niederkunft ableitete , durch welche ihr das Daseyn gegeben worden war . Diese traurige Entdeckung legte ihrem tief fühlenden Herzen , das schon durch die unbegränzte Fülle der Mutterliebe , die sie erfuhr , zu der innigsten Dankbarkeit verpflichtet war , das drückende Gewicht eines inneren Vorwurfs auf , dessen Schwere ihr nur eine völlige Aufopferung eigener Freuden und Wünsche , und das Bestreben , ganz ihren kindlichen Pflichten zu leben , erleichtern konnte . Diese Tendenz , die ihr als der heiligste Beruf vorschwebte , theilte ihr , indem sie die angebohrene Lebhaftigkeit ihres Innern dämpfte und gewissermaßen mit einem Flor umhüllte , auch in der äußeren Form jene leise Stille mit , die in allen ihren Bewegungen Geräusch zu vermeiden gewöhnt , immer nur zu lindern , zu helfen und zu tragen bemüht ist . Wie der Engel der Geduld und der stillen klaglosen Resignation war sie stets um ihre Mutter , und leistete mit zarter liebevoller Hand ihr alle Pflege , die sie bedurfte . Sie wurde in ihrem Beisein unterrichtet , sie las ihr vor - sie genoß die frische Luft und die bunten Abwechselungen der Jahreszeiten nur an der Seite der Leidenden , wenn sie - statt mit den Lämmern der Wiese um die Wette umher zu springen - gehaltenen Schrittes sie hinaus führte , um mitten in der blühenden Natur sie von der Vergänglichkeit alles Irrdischen , von ihren Schmerzen und Todesahnungen sprechen zu hören . So wurde ihr jugendlich knospendes Leben früh von einer Schwermuth verschattet , die nur durch den stillen Frieden gemildert ward , den das Bewußtseyn erfüllter Pflichten gewährt . Ihre nie ermüdende , treue Sorgfalt für ihre Mutter war ihr der mit inniger Liebe klar erschaute Mittelpunkt , von welchem all ' ihr Wollen und Wirken ausging , und zu dem es wieder zurückkehrte . Wohl dämmerten zuweilen in ihrer Seele Ahnungen einer freudigeren Welt auf , als sie rings um sich erblickte , aber ihre Sehnsucht strebte nicht über die scharf gezogene Gränzlinie hin , die sie davon schied und ein stilles Genügen , das sie im Busen trug , versöhnte sie fromm und ergeben mit ihrer einförmigen und ernsten Existenz . VI Ein Ball , der Alexandern zu Ehren gegeben werden sollte , eröffnete seiner Eitelkeit die willkommene Aussicht , zu glänzen , da der Tanz zu den Künsten gehörte , die er in der höchsten Vollkommenheit sich angeeignet hatte . Seine schöne Gestalt , sein edler Anstand , seine jugendliche Leichtigkeit und der ihm gleichsam angeborene Tact bildeten ein Gemisch von Anmuth und männlicher Grazie in seinem Wesen , das sich in jeder Bewegung so wie in seiner ganzen Haltung aussprach . Alles war versammelt - auch Erna fehlte nicht . Doch vergebens suchte sie sein Blick in der munteren Reihe , als er , der Convenienz folgend , den Ball