hätte ihn als Schleier gebrauchen können , so lang und dicht war er . Die Aufmerksamkeit , welche mir alle Fremden bewiesen , führte mich vor den Spiegel , der mir bisher durchaus gleichgültig gewesen war ; ich suchte den Grund dieser Aufmerksamkeit , und wer will es mir verargen , daß ich ihn in dem Abstich fand , den meine Gestalt von denen meiner Umgebung machte ? Mit Wahrheit aber kann ich versichern , daß mich das öftere Hintreten vor den Spiegel nicht eitel machte ; diese Beschauung gewährte mir nur ein Bild von mir selber , und mit dem Bilde die Überzeugung , daß ich , wo nicht schön , doch wenigstens hübsch sey ; zu Ansprüchen und zur Coketterie verleitete sie nicht , und konnte sie nicht verleiten , weil meine Vorzüge mir von Niemand bestritten wurden . Man könnte glauben , ich sey in meiner Jugend sehr eitel gewesen , da mir ein so bestimmtes Bild von mir selbst geblieben ist ; allein das ist das Eigenthümliche der weiblichen Einbildungskraft , daß sie im Stande ist , die Bilder fest zu halten , welche derselbe Gegenstand in seinen verschiedenen Entwickelungsperioden gegeben hat . Schwerlich wird irgend ein Mann die Gestalt , welche er als Jüngling hatte , in späteren Jahren bei sich selbst zur Anschauung bringen können ; ein Weib aber kann dies ohne alle Mühe , und wenn sie sich auf Malerei versteht , so muß an der Wahrheit des Bildes , das sie von ihrem früheren Wesen entwirft , auch nicht das Geringste abgehen , vorausgesetzt nur , daß ihre Einbildungskraft nicht durch Eitelkeit verdorben worden ist . Es war um diese Zeit öfters davon die Rede , daß meine Erziehung nur in der Hauptstadt vollendet werden könnte ; und da mir die Nothwendigkeit einer höheren Ausbildung nicht einleuchtete , so rief der Gedanke an eine nahe Trennung von meinen Pflegeeltern die ersten traurigen Gefühle auf , die ich bis jetzt gehabt hatte . Ob ich diese meine Pflegeeltern liebte oder nicht , war mir bisher eben so unbekannt geblieben , als dem wirklich Gesunden das Gefühl der Gesundheit . Jetzt , wo ich der süßen Gewohnheit mit ihnen zu leben , entsagen sollte , wurde mir zuerst klar , wie innig ich mit allen meinen Neigungen an ihnen hing . Meine Traurigkeit war um so tiefer , je größer meine Unerfahrenheit war , und je weniger ich folglich der Lockung folgen konnte , welche mit der Aussicht auf neue Verhältnisse in der Regel verbunden ist . Dieselbe Stimmung waltete bei meinen Pflegeeltern ob ; es lag nur allzu sehr am Tage , daß auch sie sich seit neun Jahren verwöhnt hatten , und daß es ihnen Mühe machte , dem natürlichen Bedürfniß des Menschen , zu lieben und geliebt zu werden , schnell zu entsagen . Selbst mein Pflegevater verlor einen guten Theil seiner gewöhnlichen Heiterkeit , während seine Schwester , den edleren Theil ihres Wesens hinter dem unedleren verbergend , nicht aufhörte zu bedauern , daß ihr für ihre Wirthschaft eine so zuverlässige Stütze entrissen würde , als sie seit drei Jahren an mir gehabt . Das Schicksal nahm sich der ganzen Familie dadurch an , daß mein Pflegevater als Prediger in die Hauptstadt berufen wurde . Ich sage : » das Schicksal , « weil ich mich nicht anders ausdrücken kann . Unstreitig ging auch dies sehr natürlich zu , und allen meinen späteren Vermuthungen nach , hatte mein Pflegevater seine Berufung bei weitem mehr dem Verhältniß zu verdanken , in welchem er zu mir stand , als seinen persönlichen Eigenschaften , wie achtungswerth diese auch seyn mochten . Dem sey indeß wie ihm wolle , es war uns allen herzlich lieb , daß wir zusammen bleiben konnten . Das einzige Problem , das noch zu lösen war , bestand in der Trennung von dem Grund und Boden , auf welchem wir bisher gelebt hatten , die Nachbarschaft mit inbegriffen . Vorzüglich fiel es meinem Pflegevater schwer , sich von seiner Baumschule zu trennen , die ihm um so theurer seyn mußte , weil die Entwickelung in ihr nach solchen Gesetzen erfolgte , deren sich die Willkühr vollkommen bemächtigen kann . Er pflegte öfters zu sagen : Er habe nie heirathen mögen , weil er nichts so sehr verabscheut habe , als den Gedanken an ein ungerathenes Kind ; aber er freue sich darüber , daß er ein Gärtner geworden sey , weil die Gärtnerei ihm jede Schadloshaltung gewähre , die der Kinderlose wünschen könne . Dem ungeachtet gab das Menschliche in ihm den Ausschlag über das Räsonnement , so oft beide in Opposition geriethen ; und dies zeigte sich auch gegenwärtig , da die großmüthige Zuneigung , die er für mich gefaßt hatte , ihn den Kummer überwinden ließ , der mit einer ewigen Trennung von seiner geliebten Baumschule unauflöslich verbunden war . Wie sehr sie ihm am Herzen lag , zeigte sich in der Folge sehr häufig , indem sein Gemüth ihn in den Abendstunden regelmäßig den Gedanken an seine Baumschule zurückrief , bis er nach einigen Jahren die Nachricht erhielt , daß sie durch die gänzliche Vernachlässigung seines Nachfolgers eingegangen sey . Der Seufzer , der ihm bei dieser Gelegenheit entfuhr , sagte sehr deutlich , wie viel er mir aufgeopfert hatte ; in der That um so mehr , je uneigennütziger und anspruchsloser er in jeder Hinsicht war . Nach unserer Ankunft in der Hauptstadt sollte ich vor allen Dingen Musik und Tanz lernen . Beides würde ich mit großer Leichtigkeit gelernt haben , hätte ich solche Lehrer gefunden , als mein Pflegevater war . Es fehlte mir weder an Lust , noch an Fähigkeit ; aber die Eigenthümlichkeit meiner Lehrer verhinderte alle Fortschritte , die ich hätte machen können , und wurde auf diese Weise die Ursache , warum zwei Talente , die ich erwerben konnte , mir immer fremd geblieben sind . Mein Lehrer in der Musik galt für einen Meister in seiner Kunst .