. Das entsinne ich mich nicht mehr , so genau ich mir auch sonst alles eingeprägt habe . War sie nicht blau ? Es kann seyn , fuhr der Alte fort , ohne auf Heinrichs seltsame Heftigkeit Achtung zu geben . Soviel weiß ich nur noch , daß mir ganz unaussprechlich zu Muthe war , und ich mich lange nicht nach meinem Begleiter umsah . Wie ich mich endlich zu ihm wandte , bemerkte ich , daß er mich aufmerksam betrachtete und mir mit inniger Freude zulächelte . Auf welche Art ich von diesem Orte wegkam , erinnere ich mir nicht mehr . Ich war wieder oben auf dem Berge . Mein Begleiter stand bey mir , und sagte : du hast das Wunder der Welt gesehn . Es steht bey dir , das glücklichste Wesen auf der Welt und noch über das ein berühmter Mann zu werden . Nimm wohl in Acht , was ich dir sage : wenn du am Tage Johannis gegen Abend wieder hieher kommst , und Gott herzlich um das Verständniß dieses Traumes bittest , so wird dir das höchste irdische Loos zu Theil werden ; dann gieb nur acht , auf ein blaues Blümchen , was du hier oben finden wirst , brich es ab , und überlaß dich dann demüthig der himmlischen Führung . Ich war darauf im Traume unter den herrlichsten Gestalten und Menschen , und unendliche Zeiten gaukelten mit mannichfaltigen Veränderungen vor meinen Augen vorüber . Wie gelöst war meine Zunge , und was ich sprach , klang wie Musik . Darauf ward alles wieder dunkel und eng und gewöhnlich ; ich sah deine Mutter mit freundlichem , verschämten Blick vor mir ; sie hielt ein glänzendes Kind in den Armen , und reichte mir es hin , als auf einmal das Kind zusehends wuchs , immer heller und glänzender ward , und sich endlich mit blendendweißen Flügeln über uns erhob , uns beyde in seinen Arm nahm , und so hoch mit uns flog , daß die Erde nur wie eine goldene Schüssel mit dem saubersten Schnitzwerk aussah . Dann erinnere ich mir nur , daß wieder jene Blume und der Berg und der Greis vorkamen ; aber ich erwachte bald darauf und fühlte mich von heftiger Liebe bewegt . Ich nahm Abschied von meinem gastfreyen Wirth , der mich bat , ihn oft wieder zu besuchen , was ich ihm zusagte , und auch Wort gehalten haben würde , wenn ich nicht bald darauf Rom verlassen hätte , und ungestüm nach Augsburg gereist wäre . Zweytes Kapitel Johannis war vorbey , die Mutter hatte längst einmal nach Augsburg ins väterliche Haus kommen und dem Großvater den noch unbekannten lieben Enkel mitbringen sollen . Einige gute Freunde des alten Ofterdingen , ein paar Kaufleute , mußten in Handelsgeschäften dahin reisen . Da faßte die Mutter den Entschluß , bey dieser Gelegenheit jenen Wunsch auszuführen , und es lag ihr dieß um so mehr am Herzen , weil sie seit einiger Zeit merkte , daß Heinrich weit stiller und in sich gekehrter war , als sonst . Sie glaubte , er sey mißmüthig oder krank , und eine weite Reise , der Anblick neuer Menschen und Länder , und wie sie verstohlen ahndete , die Reize einer jungen Landsmännin würden die trübe Laune ihres Sohnes vertreiben , und wieder einen so theilnehmenden und lebensfrohen Menschen aus ihm machen , wie er sonst gewesen . Der Alte willigte in den Plan der Mutter , und Heinrich war über die Maßen erfreut , in ein Land zu kommen , was er schon lange , nach den Erzählungen seiner Mutter und mancher Reisenden , wie ein irdisches Paradies sich gedacht , und wohin er oft vergeblich sich gewünscht hatte . Heinrich war eben zwanzig Jahr alt geworden . Er war nie über die umliegenden Gegenden seiner Vaterstadt hinausgekommen ; die Welt war ihm nur aus Erzählungen bekannt . Wenig Bücher waren ihm zu Gesichte gekommen . Bey der Hofhaltung des Landgrafen ging es nach der Sitte der damaligen Zeiten einfach und still zu ; und die Pracht und Bequemlichkeit des fürstlichen Lebens dürfte sich schwerlich mit den Annehmlichkeiten messen , die in spätern Zeiten ein bemittelter Privatmann sich und den Seinigen ohne Verschwendung verschaffen konnte . Dafür war aber der Sinn für die Geräthschaften und Habseeligkeiten , die der Mensch zum mannichfachen Dienst seines Lebens um sich her versammelt , desto zarter und tiefer . Sie waren den Menschen werther und merkwürdiger . Zog schon das Geheimniß der Natur und die Entstehung ihrer Körper den ahndenden Geist an : so erhöhte die seltnere Kunst ihrer Bearbeitung die romantische Ferne , aus der man sie erhielt , und die Heiligkeit ihres Alterthums , da sie sorgfältiger bewahrt , oft das Besitzthum mehrerer Nachkommenschaften wurden , die Neigung zu diesen stummen Gefährten des Lebens . Oft wurden sie zu dem Rang von geweihten Pfändern eines besondern Segens und Schicksals erhoben , und das Wohl ganzer Reiche und weitverbreiteter Familien hing an ihrer Erhaltung . Eine liebliche Armuth schmückte diese Zeiten mit einer eigenthümlichen ernsten und unschuldigen Einfalt ; und die sparsam vertheilten Kleinodien glänzten desto bedeutender in dieser Dämmerung , und erfüllten ein sinniges Gemüth mit wunderbaren Erwartungen . Wenn es wahr ist , daß erst eine geschickte Vertheilung von Licht , Farbe und Schatten die verborgene Herrlichkeit der sichtbaren Welt offenbart , und sich hier ein neues höheres Auge aufzuthun scheint : so war damals überall eine ähnliche Vertheilung und Wirthschaftlichkeit wahrzunehmen ; da hingegen die neuere wohlhabendere Zeit das einförmige und unbedeutendere Bild eines allgemeinen Tages darbietet . In allen Übergängen scheint , wie in einem Zwischenreiche , eine höhere , geistliche Macht durchbrechen zu wollen ; und wie auf der Oberfläche unseres Wohnplatzes , die an unterirdischen und überirdischen Schätzen reichsten Gegenden in der Mitte zwischen den wilden , unwirthlichen Urgebirgen und den unermeßlichen Ebenen liegen , so hat sich auch zwischen den rohen Zeiten der Barbarey , und dem kunstreichen , vielwissenden