büßen zu lassen ? Das letztere schien mir , allen Umständen nach , das Wahrscheinlichste . Indessen trieb mich doch , ich weiß nicht welche Unruhe , an diesem Abend in allen öffentlichen Spaziergängen herum , wo die Hetären der höhern Ordnung sich gewöhnlich , von ihren Liebhabern umschwärmt , oder von einem Zuge geputzter Mägde und Eunuchen begleitet , mit vielem Prunke zu zeigen pflegen . Aber ich sah mich vergebens unter ihnen nach meiner Anadyomene15 um , und eine schlaflose Nacht war alles , was ich von meinen Nachforschungen davon trug . Am folgenden Morgen , wie ich vom Lechäischen Hafen zurückkehrte , glaubte ich eine von den beiden Sklavinnen aus einem kleinen Myrtengehölz am Wege auf mich zukommen zu sehen . Wir erkannten einander ersten Blicks ; nur zeigte sich ' s , daß die Korintherin meinen Namen besser ausgekundschaftet hatte als ich den ihrigen . Sie grüßte mich beim Namen , und erkundigte sich lachend , wie dem unbefugten Epopten16 der Vorwitz , zu sehen was er nicht sollte , bekommen sey ? Wir wissen , wie du siehest , alle deine Gänge , fuhr sie fort , und meine Gebieterin , welcher nicht unbekannt ist , daß du morgen abzureisen gedenkest , schickt mich zu dir , ein kleines Denkzeichen des gestrigen Zufalls von ihr anzunehmen . Es war ein zierlich geflochtnes Deckelkörbchen von Silberdrath , worin eine ihrer goldgelben Haarlocken , mit einer Schnur von kleinen Perlen umwunden , lag . Du kannst dir leicht vorstellen , Kleonidas , daß ich alle meine Wohlredenheit aufgeboten haben werde , den Stand und Namen der Dame zu erfahren , und die dienstbare Iris17 zu gewinnen , daß sie mir eine Gelegenheit auswirken möchte , ihr meinen Dank in eigner Person zu Füßen zu legen . Ich ging so weit , daß ich bei allen Liebesgöttern betheuerte , meine Reise nach Olympia einzustellen , wenn ich hoffen könnte , einer so großen Gnade gewürdiget zu werden . Aber die lose Dirne spottete meiner vorgeblichen Leidenschaft , mit der Versicherung , daß man sich nur desto mehr vor mir hüten würde , wenn sie ungeheuchelt wäre , und daß alle meine Bemühungen , ihre Gebieterin wieder zu sehen , vergeblich seyn würden . Alles was ich mit vielem Bitten und einem kleinen Beutel voll Dariken18 von ihr erhielt , war ein Versprechen , daß sie sich diesen Abend an einem gewissen Orte einfinden wollte , um eine unbedeutende Kleinigkeit für ihre Dame in Empfang zu nehmen , wodurch ich auch mein Andenken bei ihr lebendig zu erhalten wünschte . Sie sagte mir ' s zu , aber ich erwartete sie vergebens . Was dünkt dich von dieser närrischen Begebenheit , Kleonidas ? - Für mich ist sie denn doch nicht ganz so unbedeutend als sie scheint ; und da ein weiser Mann alles in seinen Nutzen zu verwandeln wissen soll , so denke ich einen zweifachen Vortheil aus ihr zu ziehen . Der erste ist , daß ich mich vor der Hand ziemlich sicher halten kann , daß die Erinnerung an meine reizende Unbekannte nur sehr wenigen Schönen gestatten wird , einigen Eindruck auf mich zu machen ; der zweite , daß ich , vorausgesetzt ich könne das , was ich bei dieser Gelegenheit erfahren habe , als einen Maßstab meiner Empfänglichkeit für leidenschaftliche Liebe annehmen , große Ursache habe zu hoffen , daß ich weder meinen Verstand noch meine Freiheit jemals durch ein schönes Weib verlieren werde . 4. An Demokles von Cyrene . Griechenland zählt nun seit dem ersten Neumond nach der letzten Sommer-Sonnenwende das erste Jahr seiner vierundneunzigsten Olympiade ; die Spiele sind geendigt , und ich habe gesehen - was zu sehen war . In der That große , auffallende , prachtvolle , und , nach der gewöhnlichen Schätzung der menschlichen Dinge , sehenswürdige Schauspiele ! Aber , soll ich dir davon sprechen wie ich denke , Demokles ? - Du hast oft mit mir über meine ( wie ich immer mehr zu glauben Ursache finde ) angeborne Maxime » nichts zu bewundern « 19 gestritten ; und wenn wir am Ende , wie gewöhnlich , jeder mit seiner eigenen Meinung davon gingen , söhntest du dich immer durch ein wohlwollendes Mitleiden mit mir aus , mich durch eine so gleichgültige Gemüthsstimmung des hohen Grades von Vergnügen entbehren zu sehen , welches , wie du sagtest , den gefühlvollen Seelen zu Theil werde , die gerade durch den Affect der Bewunderung zu erkennen geben , daß sie bei großen und schönen Gegenständen ungleich mehr empfinden , als derjenige , der sie ansehen kann , ohne aus seiner gewöhnlichen Fassung gesetzt zu werden . Es mag seyn , daß meine Maxime mich öfters eines lebhaftern Genusses beraubt : aber dafür gewährt sie mir auch den Vortheil , mich selten in meiner Erwartung getäuscht zu finden . Auch begegnet mir öfters , daß ich anstatt mit der Menge zu bewundern , mich ( mit deiner Erlaubniß ) nicht wenig verwundere , wie die Leute so gutmüthig seyn mögen , über Dinge in Entzückung zu gerathen , die , bei kaltem Blute aufs gelindeste beurtheilt , nur lächerlich sind , und bei strengerer Prüfung leicht in einem noch ungünstigern Licht erscheinen könnten . Nach dieser Vorrede bist du vermuthlich schon auf das Geständniß gefaßt , daß dieß beim Anschauen der weltberühmten Kampfspiele zu Olympia ganz eigentlich mein Fall war , und daß ich , während alles um mich her in Entzückung zerfloß , mich in aller Stille nicht genug verwundern konnte , wie ein Volk , das sich selbst für das sittigste und aufgeklärteste des ganzen Erdbodens hält , und von andern dafür erkannt wird , vor einer so großen Menge ausländischer Zuschauer sich nicht schämte , einen so hohen Werth auf den Sieg in so kindischen oder barbarischen Wettkämpfen zu legen , aus den dazu angesetzten Tagen sein höchstes Nationalfest zu machen , und sogar seine Zeitrechnung nach ihrer Feier zu bestimmen . Käme , dacht