werde , wie es der Mutter gegenüber stets geschah ; dennoch war sie entschlossen , ihre Liebe offen zu bekennen und sich in der Vertheidigung derselben höchst energisch und heldenhaft zu zeigen . Der Freiherr zweifelte ja mit derselben beleidigenden Consequenz wie Georg an ihrer Charakterfestigkeit , und seltsamer Weise gewährte es ihr eine viel größere Genugthuung , den Vormund davon zu überzeugen , als den Geliebten . Vorläufig stand das Romantische der Situation für sie im Vordergrunde und überwog jede Besorgniß vor der kommenden Katastrophe . „ Meine Frage betrifft den Assessor Winterfeld , “ begann der Freiherr . „ Du hast ihn in der Schweiz kennen gelernt , wie ich von Deiner Mutter höre . Er kam öfter in Euer Haus , und Du hast vermuthlich viel und zwanglos mit ihm verkehrt . “ „ Ja , “ sagte Gabriele , etwas enttäuscht . Die Sache ließ sich vorläufig weder romantisch noch dramatisch an ; der Vormund sprach im ruhigsten Tone . „ Hast Du ihn seit Deinem Aufenthalte in R. öfter gesehen und gesprochen ? “ „ Nur zweimal ; das erste Mal , als er der Mama und mir einen Besuch machte , und dann bei dem gestrigen Feste . “ „ Sonst niemals ? “ „ Nein . “ Ein tiefer , erleichternder Athemzug hob die Brust des Freiherrn . „ Der junge Mann widmet Dir offenbar eine Aufmerksamkeit , die über die gewöhnliche Galanterie hinausgeht , “ fuhr er fort . „ Und Du scheinst das nicht allein zu dulden , sondern ihn sogar zu ermuthigen . “ Gabriele schwieg . „ Ich erwarte Antwort , Gabriele . “ Sie hob das Auge empor : es sprach nicht die mindeste Furcht daraus , wohl aber ein entschiedener Trotz . „ Und wenn das nun der Fall wäre ? “ fragte sie . „ So wäre es die höchste Zeit , dieser Kinderthorheit ein Ende zu machen , “ entgegnete Raven scharf . „ Du wirst Dir doch wohl selber sagen , daß sie unter keinen Umständen eine ernste Wendung nehmen darf . “ Die junge Dame warf sehr beleidigt , aber zugleich sehr entschlossen das blonde Köpfchen zurück . Jetzt war die Entscheidung da ; jetzt galt es , sich heroisch zu zeigen und dem Vormunde Respect einzuflößen ; er hatte ja noch gar keine Ahnung von dem Ernst der Sache und behandelte sie wie eine flüchtige Tändelei . „ Es ist keine Kinderthorheit , “ versetzte sie mit der größten Bestimmtheit . „ Georg Winterfeld liebt mich . “ Das Auge des Freiherrn flammte auf ; er erhob sich heftig und kreuzte dann die Arme , wie um sich zur Ruhe zu zwingen , aber seine Stimme klang dumpf und drohend , als er fragte : „ Hat er Dir das schon gestanden ? Vielleicht gestern beim Tanze ? “ „ Er hat mir schon in der Schweiz gesagt , daß er mich liebe , “ erklärte Gabriele . Raven lachte laut auf ; es war ein kurzes , herbes Lachen . „ Dachte ich es doch ! “ sagte er mit bitterem Sarkasmus . „ Also einen förmlichen Roman habt Ihr Beide mit einander gespielt , und das unter den Augen Deiner Mutter , ohne daß sie eine Ahnung davon hatte . Freilich , das sieht ihr ähnlich . Ich bin nicht so leicht zu täuschen – wenn Ihr das beabsichtigtet , so mußtet Ihr Eure Blicke besser hüten ; sie sprachen gar zu beredt am gestrigen Abend . Ich halte Deiner Jugend und Unerfahrenheit viel zu Gute , Gabriele ; es ist leicht , einem siebenzehnjährigen Mädchen mit einigen Gefühlsphrasen den Kopf zu verrücken , [ 272 ] aber diese romantische Spielerei ist denn doch zu gefährlich , als daß ich sie Dir länger gestatten könnte . Ich werde den Herrn Assessor Winterfeld an die Schranken erinnern , die ihn von der Baroneß Harder und der Nichte seines Chefs trennen , und zwar in einer Weise , daß er sie nicht zum zweiten Mal vergessen soll . Du wirst ihn von jetzt an weder sehen noch sprechen ; ich verbiete Dir das hiermit ein für alle Mal . “ Er strebte vergebens , den sarkastischen Ton festzuhalten , die furchtbare Gereiztheit , die sich dahinter barg , brach doch bisweilen durch . Gabriele freilich entging das ; sie vernahm nur den schonungslosen Spott in seinen Worten . Sie hatte sich auf Vorwürfe , auf Zornausbrüche des Vormundes gefaßt gemacht , denn sie wußte , wie sehr eine solche Verbindung seinem Stolze widerstrebte , und statt dessen behandelte er sie und Georg wie ein paar Kinder , die wegen einer begangenen Unart mit gebührender Strenge bestraft werden . Er sprach in der verächtlichsten Weise von Spielerei , von Gefühlsphrasen und wollte mit einem einfachen Verbote das Lebensglück zweier Menschen vernichten . Das war zuviel ; die junge Dame erhob sich gleichfalls – in vollster Entrüstung . „ Das kannst Du nicht , Onkel Arno , “ sagte sie heftig . „ Georg hat Rechte auf mich , die er unter allen Umständen behaupten wird . Er hat mein Wort und die Zusage meiner Hand – ich bin seine Braut . “ Sie hatte das Geständniß ohne Zögern ausgesprochen und erwartete nun den kommenden Sturm , aber vergebens . Raven erwiderte kein Wort ; auf seinem Gesichte lag eine fahle Blässe , und seine Hand umfaßte mit krampfhaftem Drucke die Eichenlehne des Stuhles , neben welchem er stand , während er einen seltsamen Blick auf Gabriele heftete . Sie schwieg betroffen ; es war nicht eigentlich Furcht , was sie empfand , aber ein geheimes , unerklärliches Bangen , das unter jenem Blicke aufwachte , und das sie vergebens zu bekämpfen suchte . Es war wie die dunkle Ahnung eines kommenden Unheils . Nach einer minutenlangen Pause nahm der Freiherr wieder das Wort . „ Das geht allerdings weiter , als ich je geahnt habe . Und Du hast für gut befunden ,