. „ Unglücklich ist sie ! Seit dem Tage , wo sie mit verweinten Augen aus dem Walde zurückkam , ist es vorbei mit dem alten Uebermuth . Es ist da irgend etwas passirt , ich wette meinen Kopf , daß etwas passirt ist , aber ich kann es nicht herausbekommen . Die Plaudertasche , die sonst nicht zehn Minuten lang über die geringste Kleinigkeit schweigt , setzt all meinem Fragen und Forschen eine so hartnäckige Verschlossenheit entgegen , wie ich sie ihr nun und nimmermehr zugetraut hätte . “ Der spöttische Ausdruck verschwand aus Günther ’ s Zügen und machte dem der Besorgniß Platz . „ Wenn nur der Graf Rhaneck nicht irgendwie dahinter steckt ! “ sagte er ernster . „ Warum nicht gar ! Sie macht sich nicht so viel aus ihm ! “ Franziska schnellte mit den Fingern . „ Ich fand im Gegentheil , daß sie sich an jenem Festabend nur allzuviel aus ihm machte , und auch mein Verbot , so streng ich es aussprach , scheint nicht allzutief gegangen zu sein , sie trotzte mir ja ganz offen am nächsten Tage . “ „ Wenn ich Ihnen aber sage , daß sie jetzt nichts mehr nach dem Grafen fragt , “ beharrte Franziska , „ daß sie ihm geflissentlich ausweicht ! An ihm liegt die Schuld wahrhaftig nicht , er streift beständig mit Flinte und Jagdtasche auf dem Gebiet von Dobra herum , und taucht bald hier , bald dort auf . Zum Glück wissen wir jetzt , welche Jagd dem jungen Herrn belieben würde , und nehmen unsere Maßregeln darnach . Gnade Gott dem Patron , wenn er mir einmal in die Hände fällt , ich wollte ihn in ’ s Gebet nehmen , daß ihm die Lust zum Wiederkommen ein für alle Mal vergehen sollte ! Aber er hütet sich wohlweislich , mir nahe zu kommen , kaum daß ich ihn einmal von fern sehe ! “ „ Sind Sie gewiß , daß Lucie ihn nicht dennoch gesprochen hat ? “ Franziska hob mit großem Selbstgefühl den Kopf . „ Herr Günther , Sie haben Ihre Schwester meinen Händen anvertraut , und da dächte ich , wären solche Fragen wohl überflüssig . Lucie ist seit jenem Tage , wo sie ohne Erlaubniß nach dem Walde lief , nicht von meiner Seite gekommen , ich bewache sie seit der Eröffnung , die Sie mir machten , wie – wie – “ „ Wie ein Cerberus ! “ ergänzte Günther . „ Das ist ja eine höchst liebenswürdige Bezeichnung meiner Persönlichkeit ! “ rief das Fräulein , sich verletzt erhebend . „ Also in der Eigenschaft gelte ich Ihnen bei Ihrer Schwester ? “ „ Mein Gott , es sollte in diesem Falle ein Compliment sein . – Wo wollen Sie denn hin ? “ „ Ich fürchte , noch weitere derartige Complimente zu bekommen , und überdies ist Lucie allein im Garten , ich muß wohl meinen Posten als Cerberus wieder bei ihr einnehmen . “ „ Aber bestes Fräulein ! “ „ Adieu ! “ „ Franziska ! “ Die Gerufene blieb stehen , aber sie wendete grollend den Kopf zur Seite , Bernhard stand auf und trat zu ihr . „ Sind Sie mir böse ? “ „ Ja ! “ erwiderte Franziska sehr energisch , aber anstatt hinauszugehen , kehrte sie um und nahm ihren Platz am Tische wieder ein . Ruhig , als wäre nichts vorgefallen , setzte sich Günther ihr , wie vorhin , gegenüber . „ Es ist doch merkwürdig , “ begann er nach einer Pause phlegmatisch , „ daß wir nicht fünf Minuten lang mit einander sprechen können , ohne uns zu zanken . “ „ Das ist gar nicht merkwürdig , “ erklärte Franziska noch immer gereizt , „ es ist mit Ihnen eben nicht fünf Minuten lang auszukommen ! “ „ Ich dächte doch , ich käme mit allen Anderen aus , “ meinte Bernhard noch immer mit demselben Phlegma . „ Weil sich alle Anderen von Ihnen maltraitiren lassen ! Ich bin nahezu die Einzige , die Ihnen bisweilen noch Opposition macht ! “ Der Ton des Fräuleins verrieth deutlich , daß sie den „ Cerberus “ noch nicht verwunden hatte ; trotzdem fand es Günther durchaus nicht angezeigt , sich aus seiner Ruhe bringen zu lassen . Sie sind , “ meinte er trocken , „ noch gerade so ausfallend wie daheim in unserem Dorfe . “ „ Und Sie gerade so rücksichtslos wie damals ! “ „ Möglich ! Wir waren immer in Hader und Streit mit einander , das Eigenthümliche war nur , daß wir trotzdem nicht von einander bleiben konnten . “ „ Wir wollten ja wohl von Lucie sprechen ! “ unterbrach ihn Franziska . Bernhard runzelte leicht die Stirn . „ Sie haben eine merkwürdige Art , das Gespräch immer dann abzubrechen , wenn es anfängt , interessant zu werden . “ „ Was für Sie interessant ist , ist es darum noch nicht für mich . “ „ Weshalb ? “ Er sah sie fest an , Franziska bekämpfte eine gewisse Verlegenheit , aber sie überwand sie rasch . „ Ich finde es begreiflich , daß Sie gern auf die Jugendzeit zurückblicken “ , sagte sie ausweichend . „ Sie sind hoch genug gestiegen für einen einfachen Förstersohn . Ich – nun , ich habe es mir auch redlich sauer werden lassen im Leben , und es dennoch nicht weiter gebracht , als zur Gouvernante Ihrer Schwester . Ich vergesse meine Stellung sicher nicht , Herr Günther , ich wünschte nur manchmal , daß – auch Sie sie nicht vergäßen . “ Es lag ein eigenthümlich herber Stolz in der offenen Mahnung , und jetzt begegnete ihr Blick so fest und ernst dem seinigen , als erwarte sie , er werde das Auge niederschlagen , doch dies geschah nicht . Günther erhob sich plötzlich und trat an ihre Seite . „ Das hätten Sie