indessen , daß der Argwohn in Venedig ein Staatsprinzip sei , und verzichtete darauf , in diesem Augenblicke Grimanis Voreingenommenheit zu bekämpfen . » Die Tatsachen entscheiden « , sagte er mit überzeugter Festigkeit , » nicht deren willkürliche Interpretation , und Hauptmann Jenatsch ist nicht ohne Schutz in Venedig , denn in Ermangelung eines bündnerischen Gesandten bei der Republik von San Marco glaube ich Geringer im Sinne meiner Obern zu handeln , wenn ich die Interessen des mit Zürich verbündeten Landes in Venedig nach Kräften wahrnehme . « – » Da verwendet sich noch ein anderer Schutzpatron für die Unschuld , die ich in der Person des Hauptmanns Jenatsch verfolge « , sagte der Venezianer mit schmerzlichem Spotte , denn eben wurde ein in rote Seide gekleideter französischer Edelknabe eingelassen , um in des Herrn Provveditore eigene Hand ein Schreiben seines Gebieters , des Herzogs Heinrich Rohan , zu legen . » Der erlauchte Herzog will mir die Ehre eines Besuches erweisen « , sagte Grimani die Zeilen durchlaufend , » das darf ich nicht zugeben . Meldet , daß ich mich ihm in einer Stunde vorstellen werde . – Eure Begleitung , Signor Waser , würde mich erfreuen . « Damit erhob sich der feine bleiche Mann mit den melancholischen Augen und zog sich in sein Ankleidezimmer zurück . Waser blieb zögernd stehen . Dann trat er zum Tische und durchlas sorgfältig die übrigen Zeugenaussagen . Zuletzt fiel sein Blick auf die unter einen Stuhl gerollte Abhandlung des Magisters Pamfilio Dolce aus Padua . Ihn jammerte ihr schmachvolles Schicksal . » Da klebt viel Schweiß daran « , sagte er und hob die Rolle auf . » Ein Plätzchen in unsrer neu gegründeten Stadtbibliothek wird sich schon für dich finden , Werk eines dunkeln Daseins ! « – Siebentes Kapitel Siebentes Kapitel Der Provveditore und Herr Waser wurden vom Herzog in seinem Bibliothekzimmer empfangen , wo dieser , der wenig Schlaf bedurfte und die Einsamkeit der Morgenfrühe liebte , schon manche Stunde des Vormittags in ungestörter Arbeit mit seinem Schreiber , dem Venezianer Priolo , verbracht hatte . Der Herzog begann mit einigen Worten des Dankes für Grimanis Zuvorkommen . » Ihr errietet sicherlich aus meinen Zeilen « , sagte er , » das persönliche Anliegen , welches mich schon heute wieder eine Unterredung mit Euch dringend wünschen ließ . Ich war gestern von meinem Balkon aus Zeuge einer nächtlichen Szene , unter der ich mir nichts anderes , als die Verhaftung eines Übeltäters denken konnte . Verschiedene Umstände lassen mich mit Sicherheit schließen , daß dieser Gefangene der Republik der Bündner Georg Jenatsch sei . Ich hatte nun , wie ich Euch , mein edler Herr , schon gestern andeutete , auf die Dienste desselben Mannes für meinen bevorstehenden Feldzug in Bünden gezählt und mir davon bei seinem militärischen Talent und seiner mir höchst wertvollen Kenntnis seines Vaterlandes großen Vorteil versprochen . Ihr seht ein , wie sehr mir daran liegen muß , zu erfahren , welcher Übertretung des Gesetzes er sich schuldig gemacht , und , wenn sein Verbrechen kein schweres und schmachvolles ist , mein Fürwort für ihn einzulegen . « » Niemand ist williger Euch zu dienen als ich , erlauchter Herr « , antwortete Grimani , » und in Wahrheit glaubte ich gerade Euch einen nicht geringen Dienst zu leisten , wenn ich diesen mir schon längst verdächtigen Menschen , in dem die Keime vieler Gefahren liegen , jetzt da er sich durch eine blutige Tat in meine Hand gegeben hat , auf die Seite räumte . Er ist , wie Ihr aus der aktenmäßigen Darstellung erfahren werdet , dem Wortlaute unseres Gesetzes nach der Todesstrafe verfallen . Ob ich ihn , mildernde Umstände annehmend , begnadigen will , das steht vollkommen in meiner Willkür . Ist dies Euer Verlangen an mich , so werdet Ihr keine Weigerung erfahren ; aber höret vorher gütig an , was ich von dieser Persönlichkeit denke . – Den Vorfall selbst bitte ich meinen würdigen Freund Waser Euch zu berichten . Er hat soeben von den Akten Kenntnis genommen und es ist mir angenehm den Vortrag ihm zu überlassen , da er mich insgeheim vergiftenden Argwohns und schnöder Menschenverachtung bezichtigt . « – Der Zürcher entledigte sich dieses Auftrags mit Freundeseifer und sachkundiger Gewandtheit . Zum Schlusse faßte er seine Meinung dahin zusammen , daß hier ein Fall reiner Notwehr vorliege . » Und nun erlaubt mir , meinerseits Euch auszusprechen « , sagte Grimani , und seine Stimme trübte sich vor innerer Bewegung , » daß ich die Tat für eine vorbedachte , absichtsvolle und diesen Charakter kennzeichnende halte . Georg Jenatsch ist unermeßlich ehrsüchtig , und ich glaube , er sei der Mann , jede Schranke , welche diese Ehrsucht eindämmt , rücksichtslos niederzureißen . Jede ! Den militärischen Gehorsam , das gegebene Wort , die heiligste Dankespflicht ! Ich halte ihn für einen Menschen ohne Treu und Glauben und von grenzenloser Kühnheit . « Mit wenigen aber noch schärfern Zügen , als er es Waser gegenüber getan , bezeichnete er sodann dem Herzoge die selbstsüchtigen Ziele , welche nach seiner Beurteilung Jenatsch durch die Ermordung seines Landsmannes habe erreichen wollen . Der Herzog warf ein , es sei ihm kaum glaublich , daß eine so ursprüngliche und warme Natur wie dieser Sohn der Berge eines so kalt konsequenten und verwickelten Verfahrens fähig sei . » Dieser Mensch erscheint mir unbändig und ehrlich wie eine Naturkraft « , fügte er hinzu . » Dieser Mensch berechnet jeden seiner Zornausbrüche und benützt jede seiner Blutwallungen ! « erwiderte der Venezianer , gereizter als es von seiner Selbstbeherrschung zu erwarten war . » Er ist eine Gefahr für Euch , und wenn ich ihn verschwinden lasse , so hab ich Euch noch nie einen bessern Dienst erwiesen . « Der Herzog verharrte einige Augenblicke in schweigendem Nachdenken , dann sprach er mit großem Ernste : » Und dennoch ersuche ich Euch um die Begnadigung des Georg Jenatsch