der Herzog im Lager , und die Fortdauer des Staates Ferrara bedroht war , ohne den Beistand des genialen Kardinals die Regentschaft führte . Nicht daß dieser für das Schicksal Ferraras gleichgültig geworden wäre . Er riet und wirkte von Mailand her mit brüderlicher Gesinnung zugunsten des Herzogs , soweit seine Macht reichte . Seine Körperkräfte aber verzehrten sich darüber und er litt an häufigen Rückfällen seines verderblichen Fiebers . Donna Lucrezia lenkte indessen auch ohne ihn das Staatsruder nicht nur mit weitester Umsicht , sondern im entscheidenden Augenblick auch mit männlicher Entschlossenheit . So war es kein Wunder , daß Ferrara und sein Herzog Lucrezia Borgia fast vergötterten . Aber die kühle , besonnene Fürstin führte mit Bescheidenheit ihren Triumphwagen und hörte den hinter ihr stehenden lästernden Sklaven wohl , der , nach dem Gebrauche des römischen Triumphes , ihr jegliche Schmach ihrer Vergangenheit ins Ohr raunte und nichts vergaß , was sie beschämen konnte . Da sie nun ihren Ruf vor der Welt gereinigt und wiederhergestellt hatte , war sie auch darauf bedacht , sich den Himmel zu versöhnen . Um so mehr gehorchte sie diesem Antrieb , da sie ihre Kinder mit Schmerzen gebar und oft von einer Ahnung frühen Todes beschlichen wurde . Sie unternahm auch dieses Werk auf eine ganz sachliche Weise . Gleichwie ihr Vater in ungeheuerlicher Naivität nie an den Dogmen und Wundern einer Kirche gezweifelt hatte , deren Haupt und Schande er war , hatte sich auch Lucrezia in einer geistig heidnischen Welt niemals von den kirchlichen Formen und Vorstellungen entfernt . Verständig wie sie war , täuschte sie sich nicht über die Summe und Schwere ihrer Sünden und dachte bescheiden von ihren Verdiensten , den frommen Übungen und Almosen , die sie zwar täglich zu vermehren trachtete , die aber gegenüber der Art und Größe ihrer Schuld vor ihren klugen und scharfen Augen täglich wieder zerrannen . Sie war eine Danaide , die unermüdlich Wasser in ein rinnendes Gefäß schöpfte . Nur der Verdammnis zu entgehen hoffte sie und mit Hilfe der kirchlichen Rettungsmittel einen untersten Raum des Fegefeuers zu gewinnen . Einmal dort , so überredete sich die Kluge in liebenswürdiger Torheit , würde es ihr durch die Vermittlung der Heiligen gelingen , eine höhere Stufe zu erreichen . Pater Mamette , den die Herzogin , sooft sie bei den Klarissen wohnte , als einen Sachkundigen in den Angelegenheiten ihrer Seele zu Rate zog , war in der göttlichen Mathematik erfahren , nach welcher die Großen klein sind und die Armen alles besitzen , und sah wohl , daß sie zu den Reichen gehörte , die schwerlich ins Himmelreich kommen . Ihr Ursprung schon , im Schoße der Kirche , mußte ihm ein Herzeleid sein . Doch nicht hierin , noch in ihrer schauerlichen Jugend , sah er den Felsblock , der ihr die niedrige Pforte der göttlichen Armut verschloß . Wohl aber in ihrer Schlangenklugheit , mit der sie sich selbsttätig durch alle Spalten emporwand . Doch erkannte er dankbar den Segen , den ihre geschmeidige Lebensweisheit und Staatskunst dem ferraresischen Hause und Staate brachte , und im übrigen getröstete er sich mitleidig damit , daß bei Gott kein Ding unmöglich sei . Und wenn sie ihm klagte , sie könne Gott nicht lieben , sagte er ihr , der Anfang der Werbung gebühre dem Manne , und sie müsse in Geduld und Almosen ausharren , bis Gottes Liebe um sie freie . Im vertrauten Umgange mit dem Franziskaner ließ es sich die Herzogin nicht entgehen , ihn auch über Angelas Herz zu beraten . Sie klagte über der jungen Base eigenartiges und gegen die Kirche unbotmäßiges Gewissen , das ihr einrede , sie sei der Ursprung und die Verkettung einer Menge von Unheil , das durch keine kirchliche Buße zu sühnen sei . Diese hochmütige Trauer über eine eingebildete oder willkürlich vergrößerte Schuld sei das Hindernis einer glänzenden Versorgung , die sie für das Mädchen im Auge habe . Es sei die Pflicht Pater Mamettes , dieses übertriebene Gewissen zur Bescheidenheit zurückzuführen und ihr den Verstand des Lebens beizubringen . Des Paters dunkle Augen lachten , als er erwiderte : » Es ist wahr , Erlaucht , das Gewissen Eurer Base ist vorlaut und aufrichtig , wie der erste Schlag der Morgenglocke , der zur Messe ruft . Doch in einem irrt Ihr , sie scheut die kirchliche Buße nicht ... ich habe ihr die richtige auferlegt . « Und er beurlaubte sich , der Herzogin den Segen erteilend . Lucrezia ergriff in klösterlicher Demut die Hand des Franziskaners , um sie zu küssen , streifte dann aber , nachdem sie flüchtig zwischen der Hand und dem Ärmel gezaudert , mit dem zarten Munde die eigenen Finger . Im fünften Lenz der Gefangenschaft Don Giulios suchte die Herzogin zu ungewöhnlicher Zeit die Klosterstille . Sie hatte ein totes Kind geboren und zog sich zu den Klarissen zurück , um zu trauern über das verlorene und zu danken für ihr eigenes , gerettetes Leben . Doch nach einer Reihe stiller Tage wurde ihr Aufenthalt unversehens gestört und abgekürzt . Die Ereignisse bewegten sich um den » vergessenen Turm « , der bisher in seiner Blätterwildnis von ihr unbeachtet geblieben war . Eines Tages fehlte die alte Äbtissin im Refektorium bei der Hauptmahlzeit , an welcher die Herzogin mit Angela aus besonderer Güte teilzunehmen pflegte . Sie lag krank . Infolge eines plötzlichen Schreckens war ihr die Gicht aus den geschwollenen Füßen in die Brust gestiegen , und sie atmete mühsam . Die Schwestern aber waren verstört wie eine Schar hirtenloser Schafe . In der Verwirrung vergaßen sie sogar die Klosterregel des Schweigens und erzählten sich wispernd die unglaublichsten Geschichten , die im Frühlicht dieses Tages sich im » vergessenen Turme « ereignet und die hochwürdige Mutter dem Tode nahe gebracht haben sollten . Der verlarvte Prinz , der dort seit Jahren sein Wesen treibe , sei in der vergangenen Nacht entführt , andere sagten – erdrosselt worden . Eines