das Musikzimmer zurück . „ Ist denn Deine Lukas , “ – sie nannte die ehemalige Gouvernante immer noch bei ihrem Mädchennamen – „ von Sinnen , daß sie das Geld so zum Fenster hinauswirft ? “ Es war ziemlich still im anstoßenden Salon . Die drei alten Herren am Kamine und die Dame , welche mit dem Doktor gesprochen , hatten eben auch einen Spieltisch besetzt ; Doktor Bruck saß in leisegeführter Unterhaltung neben Henriette , und Fräulein von Giese pausierte aufhorchend für einen Moment ; so konnte man jedes Wort dieses ziemlich lauten Gespräches drüben hören . Henriette sprang auf und kam herüber . „ Du bist musikalisch , Käthe , “ fragte sie erstaunt , „ und hast , so lange Du da bist , nicht eine Taste berührt ? “ „ Der Flügel steht neben Flora ’ s Zimmer ; wie konnte ich denn so anmaßend sein , sie mit meinem Clavierspiele im Arbeiten zu stören ? “ antwortete das junge Mädchen unbefangen und natürlich . „ Ich habe freilich schon den lebhaften Wunsch gehabt , und es hat mir in den Fingern gezuckt , auch einmal auf dem Instrumente hier zu spielen , denn es ist herrlich , und mein Pianino daheim taugt nicht viel . Wir haben es vor fünf Jahren alt gekauft . Die Doktorin will schon seit lange ein besseres von Dir fordern , aber ich war immer dagegen . Es war mir fatal , daß Du von dieser Forderung auf meine Leistungen schließen könntest . Nun aber , nachdem ich heute den bewußten Schrank gesehen habe , bin ich durchaus nicht mehr so blöde ; ich wünsche mir ein Instrument wie dieses . “ „ Es kostet tausend Thaler ; tausend Thaler für eine kleine Mädchenpassion ! Das will überlegt sein , Käthe . “ „ Und wer im Hause spielt denn auf Eurem Instrumente ? “ fragte sie jetzt mit fast harter Stimme und aufglühenden Augen ; man sah , sie war im Innersten verletzt . „ Wem verschafft es einen Genuß in stillen Stunden ? Es steht nur für Gäste da . Muß denn das Kapital immer so angelegt sein , daß es nur brilliert ? “ Der Kommerzienrat trat ihr ganz betroffen näher und erfaßte ihre Hand ; er hatte diesen Ausdruck voll Energie und eigener fester Urtheilskraft noch nicht in dem blühenden Mädchenantlitze gesehen . „ Ereifere Dich nicht , liebes Kind ! “ begütigte er . „ Bin ich denn je ein harter und knickeriger Vormund gewesen ? Geh ’ , spiele eine Pièce und beweise uns , daß Dir die Beschäftigung mit der Musik wirklich Herzenssache ist ! Mehr verlange ich gar nicht , und Du sollst ein Instrument haben , wie Du es Dir wünschest . “ „ Nun , nach dem Vorhergegangenen tue ich ’ s nicht gern , “ sagte sie aufrichtig und unumwunden und entzog ihm ihre Hand . „ ‚ Erspielen ‘ will ich mir den Flügel keinenfalls , wer weiß denn , was für eine Leistung Du unter der ‚ Herzenssache ‘ verstehst ! Aber ich werde meine Noten holen , weil mir das ‚ Sichnöthigenlassen ‘ verhaßt ist . “ Sie wollte sich entfernen . „ Wozu denn Musikalien ? Spiele doch eine Deiner ‚ Kompositionen ‘ ! “ sagte Flora , ein sardonisches Lächeln halb verbeißend . „ Ich kann auch meine eigenen Arbeiten nicht auswendig , “ antwortete Käthe hinausgehend . Sie kam sehr rasch mit einem Notenhefte in der Hand zurück . Während sie sich auf den Clavierstuhl setzte , den ihr Fräulein von Giese bereitwillig einräumte , nahm Flora das Heft vom Notenpulte . „ Von wem ? “ fragte sie , das Titelblatt aufschlagend . „ Nun , hast Du nicht eine Komposition von mir zu hören gewünscht ? “ „ Allerdings , aber Du hast Dich vergriffen – das Tonstück da ist ja gedruckt – “ „ Ganz recht . Es ist gedruckt . “ „ Mein Gott , wie kommt denn das ? “ fuhr Flora so rasch , so naiv erstaunt und betreten heraus , daß sie auf einen Augenblick ihre selbstbewußte Haltung einbüßte . „ Ja , Flörchen , wie kommt es denn , daß Deine Sachen gedruckt werden ? “ fragte Käthe scherzend , mit Humor zurück und legte ihre schönen , schlankgebauten Hände auf die Tasten . „ Ich will Dir sagen , wie ich zu der Ehre gekommen bin , “ setzte sie schnell und begütigend hinzu – Flora hatte offenbar ihre Antwort sehr übel genommen ; sie richtete sich beleidigt empor und sah mit hochmüthigem Blicke auf die junge Schwester herab . „ Meine Lehrer haben die ‚ Phantasie ‘ heimlich drucken lassen , um mir eine Geburtstagsfreude zu machen . “ „ Ah so – das konnte man sich denken , “ sagte Flora und legte die Noten auf das Pult zurück . Henriette war währenddem hinter ihr weggeschlüpft ; sie bog sich über Käthe ’ s Schulter und zeigte mit dem Finger auf das Titelblatt . „ Lasse Dir doch nichts weißmachen , Flora ! “ rief sie auflachend . „ Sieh her ! Da steht der berühmte Verlag von Schott und Söhne – die Firma giebt sich doch zu einem Geburtstagsspaße nicht her . Käthe , sage die Wahrheit ! “ bat sie mit strahlenden Augen . „ Man spielt Deine Sachen draußen in der Welt – sie werden gekauft ? “ Das junge Mädchen nickte erröthend und bestätigend mit dem Kopfe . „ Die Wahrheit ist aber auch , daß ich um mein eigenes Hinaustreten nicht gewußt und das erste Opus gedruckt auf meinem Geburtstagstische gefunden habe , “ sagte sie und begann ihren Vortrag . Es war eine ganz einfache Melodie , welche an das Ohr der Hörer schlug , aber schon nach einigen Tacten ließen die am Spieltische Sitzenden die Whistkarten sinken , so sammetweich quollen die Töne aus dem Instrumente , und so durch und durch originell und