gnädige Herr arbeiten noch . Die Kleine hat bei Fräulein Lindenmeyer gespielt , und dann haben wir Erdbeeren mit Milch gegessen , es ging alles wunderschön . Das gnädige Fräulein brauchen gar nichts mehr zu tun , von Rechts wegen . « Sie nickte ihm zu mit ihrem ernsten , blassen Gesicht und schloß die Tür ihres Stübchens hinter sich . Dort sank sie auf den ersten besten Stuhl und schlug die Hände vor das Gesicht . So saß sie lange , lange . » Er ist nicht besser als die anderen « , sagte sie endlich und schickte sich an zu Bette zu gehen , » auch er glaubt nicht mehr an Frauenehre , an Frauenreinheit ! « Was hatte sie ihr genutzt , ihre Flucht ? Glaubte nicht gerade er das schlimmste von ihr ? Sein Lächeln , die Reden heute abend hätten es ihr gezeigt , auch , wenn sie es nicht schon längst gewußt hätte . Oh , die ganze Welt mochte denken von ihr , was sie wollte , wenn nur ihr Herz , ihr Gewissen rein blieb ! Sie allein würde dafür sorgen , daß sie den Blick nicht niederzuschlagen brauchte . Sie preßte die Lippen aufeinander . Wohl , sie würde ihm zeigen , daß eine Gerold selbst den trübsten , schlammigsten Weg zu gehen vermag , ohne sich auch nur die Schuhsohlen zu beschmutzen ! Sie erhob sich , zündete Licht an und blickte sich in ihrem Stübchen um ; wie sah es hier aus ! Die Spuren ihrer in Unordnung geratenen Gedanken zeigten sich erschreckend deutlich in dem sonst so zierlichen Raum , dort die Schranktür weit geöffnet , auf der Kommode Schleifen , Nadeln , Kämme in wirrem Durcheinander , verschiedene Kleider auf Betten und Stühlen , alles spiegelte so klar die Stunde der Unentschlossenheit wieder , die sie durchlebt hatte , ehe sie nach Altenstein fuhr . Sie wollte nicht , nein , sie wollte nicht gehen und fand doch nicht den Mut , sich mit einer Lüge entschuldigen zu lassen . Draußen hatten die Pferde ungeduldig gescharrt vor dem fürstlichen Wagen und eine Viertelstunde nach der anderen war verstrichen , bis Joachim zuletzt kam : » Aber , Schwester , bist du noch nicht fertig ? « Da war sie gegangen . Sie begann aufzuräumen . Wie erleichtert atmete sie auf , als wieder Ordnung um sie herrschte . Ja , es war nun überhaupt alles geordnet , sie selbst hatte die Entscheidung getroffen in einem Augenblick des Zornes , des bittersten Wehes . Aber war es wirklich das Rechte ? 10. Frau von Berg saß in ihrem Zimmer im Neuhäuser Schlosse am Schreibtisch . Die Tür zum Nebenraum stand offen , dort wohnte das Kind mit einer Wärterin . Vor den Fenstern rauschte der Regen hernieder und winkten die nassen Zweige der Linden . Die Dame hatte sich in ein dickes wollenes Tuch gehüllt und schrieb . Die Erregung mochte wohl ihre Feder führen , denn diese jagte förmlich über das starke cremefarbige Papier und die Buchstaben waren so merkwürdig klein und flüchtig . Sie war außerordentlich schlechter Laune , und als eben Beates laute Stimme vom unteren Hausflur bis hier herauf scholl , machte sie eine Faust und sah zornfunkelnd zur Tür hinüber . Wer stand ihr denn dafür , daß dieser Hausdrache nicht , kraft seines Amtes , wieder einmal bei ihr eindrang , um sich zu überzeugen , ob alles in Ordnung sei hier oben ? Und das schlimmste blieb , daß man hier so machtlos war . Der Baron hatte ja kaum noch Augen für sein Töchterlein , und wo diese Augen waren , das wußte sie nur zu genau . Gestern abend hatte er sie ja noch bei Nacht und Nebel nach dem Eulenhause begleitet ! Sie blickte durchs Fenster , dann nickte sie , als ob ihr etwas besonderes einfiele , und schrieb weiter : » Ich habe bereits gestern Prinzeß Thekla in meinem wöchentlichen Bericht über das Befinden ihres Enkelkindes verschiedene Andeutungen gemacht , die Prinzeß Helene in einen ihrer bekannten Wutanfälle versetzt haben werden . Es ist kaum glaublich , wie sehr diese junge Dame zur Eifersucht neigt . Nun , ich erzählte Ihnen ja öfter davon . Übrigens , mein bester Palmer , hörte ich gestern abend im Vorübergehen an dem Wohnzimmer – ich kam aus der Plättstube , wo ich einen Wortwechsel mit dem Hausmädchen hatte – Sie glauben nicht , wie man sich ärgern muß in diesem gottbegnadeten Musterhaushalt , wenn man einmal etwas außergewöhnliches verlangt – ich hörte also im Vorübergehen , wie das Gänschen , genannt Schwan , ihrem allergetreuesten Verehrer mit erhobener Stimme erklärte , daß sie die Absicht habe , jeden Tag nach Altenstein zu pilgern ! Somit hätte sich ja Ihre Prophezeiung als wahr erwiesen . Wie sagten Sie doch noch ? › Es gibt kein besseres Mittel , einen schüchternen Liebhaber um den letzten Rest gesunder Vernunft zu bringen , als ein wenig Versteck mit ihm zu spielen . ‹ Sie sagen freilich , der Herzog ist abgekühlt , um so besser ! Erlauben Sie mir aber , vorläufig noch einige geringe Zweifel an dieser Abkühlung zu hegen , ich glaube den Allergnädigsten besser zu kennen . Morgen hoffe ich Sie zu sehen . Fräulein Beate hat nämlich großes Reinmachen angesagt . Sie pflegt sich dabei ein weißes Kopftuch umzubinden und mit einem langen Besen die Ahnenbilder abzustäuben . Es ist ein Festtag dann , zu Mittag gibt es Kartoffelklöße mit Backobst , ah , es ist ein idyllisches Leben hier ! Lange halte ich es nicht mehr aus , mein Bester , die Versicherung gebe ich Ihnen . Sorgen Sie , daß man nicht ewig hier bleibt , dann hört auch meine Gefangenschaft auf . Lassen Sie Cholerabazillen im Brunnenwasser sein auf Altenstein , oder setzen Sie einige Dutzend Ratten und Mäuse in die Allerhöchsten Zimmer , lassen Sie den seligen Oberst oder die schöne Spanierin spucken gehen oder