sich , schloß ab , und ehe sie wußte , wie ihr geschah , hatte die furcht ­ bare , kalte Hand ihre Kehle umfaßt , wie ein eisernes Band : „ Soll ich Dich erwürgen ? “ keuchte er tonlos , einen Blick auf sie heftend , wie den einer Schlange , wenn sie ihr Opfer umringelt . „ Barmherziger Gott , “ schrie Bertha und fiel auf die Kniee , um sich loszureißen . Da wurde ihr der Hals zugeschnürt , daß sie zu ersticken glaubte . „ Wenn Du einen Laut von Dir gibst , den die Magd hören kann , so erdrossele ich Dich ! “ knirrschte Leuthold . „ Drum sei ruhig — oder — “ Bertha hörte auf zu ringen , sie verlor fast das Bewußtsein . Nun ließ er sie los und schleuderte sie auf das Sofa , wo sie wie betäubt sitzen blieb . Einige Minuten hielt er sich die fahle Stirn , dann hauchte er mühsam Wort für Wort hervor : „ An dem Tage , wo das Unglück mit Ernestinen geschah und Heim ins Haus kam , dem ich ausweichen wollte , trug ich Dir auf , streng über Alles , was vor ­ ging , zu wachen , weißt Du das noch ? “ „ Ja , “ stöhnte die geängstigte Frau . „ Tatest Du das ? “ Keine Antwort . „ Du tatest es nicht ! “ „ Ach , ich fürchtete mich so vor dem sterbenden Hartwich — deshalb blieb ich oben , “ stotterte Bertha . „ Und deshalb , “ — Leutholds Brust rang nach Atem , während seine Hände krampfhaft zuckten , „ des ­ halb ließest Du ’ s geschehen , daß Hartwich uns “ — sein Mund öffnete und schloß sich ein paar Mal , ehe er das Wort herausbrachte , „ enterbte — und Ernestinen das Vermögen vermachte . “ — Seine Züge verzerrten sich , sein schlanker Körper begann zu wanken wie eine gefällte Pappel , er griff nach einem Stuhl , um sich zu halten , und stürzte ohnmächtig zu Boden . „ Allmächtiger Gott , “ schrie Bertha und schüttelte den leblosen Mann , „ das ganze Vermögen ? so sag ’ doch — das ganze ? Ach , Du Schwächling , wie kann man nur gleich Krämpfe bekommen ! Rede doch , — daß man wenigstens weiß , ob man denn ganz leer ausging ? “ Leuthold hob langsam den Kopf , sie half ihm auf und trug ihn mehr , als sie ihn führte , zum Sofa . Sie holte Eau de Cologne und goß sie ihm über die Stirn , daß sie ihm in die Augen lief . Er stieß einen Schmerzenslaut aus und bemühte sich , die brennende Flüssigkeit abzuwischen . „ Soll ich auch noch blind werden durch Dich ? “ stöhnte er , und als der Schmerz vorüber war , blieb er in sich zusammengesunken sitzen und starrte vor sich hin . „ So rede doch endlich ! “ rief Bertha . „ Den Mund wirst Du doch noch auftun können , — nicht ein Legat — nicht einmal eine Rente ? “ Leuthold sah die unzärtliche Gattin mit einem Blick an , der ihr unwillkürlich das Blut in die Wan ­ gen trieb . Es lag etwas Unbeschreibliches in diesem Blick , etwas halb Schmerzliches , halb Verächtliches , wie man etwa die Leiche einer Selbstmörderin betrachtet . „ Eine Rente von sechshundert Talern ! “ mur ­ melte er dann und legte die Stirn in die Hand , um seine Umgebung nicht mehr sehen zu müssen und sich in sich selbst zu sammeln . „ Das ist ja zu viel zum Sterben und zu wenig zum Leben ! “ klagte Bertha und warf sich laut wei ­ nend auf einen Sessel in der fernsten Ecke des Zim ­ mers , als ob sie schon kein Anrecht mehr auf ihre Lehnstühle und Sofas hätte . Leuthold blieb lange regungslos , das Gesicht in den Händen verborgen , kein Atemzug war zu hören , seine Brust hob und senkte sich kaum . Es war , als brauche er alle seine Körperkraft zur Bewältigung des furchtbaren Schmer ­ zes , der ihn erfaßt hatte , als habe er nicht mehr Stärke übrig , nur ein Glied zu rühren . Der Ge ­ fühlsmensch sucht sich im Unglück Luft zu machen durch Klagen und Toben , er kämpft mit physischen Mitteln gegen den Schmerz , indem er hin und her rennt , sich die Haare rauft , den Kopf an die Wand schlägt , die Hände ringt und ihn so gewissermaßen durch eine starke Muskeltätigkeit nach außen ableitet . Der Verstandesmensch aber verarbeitet ihn geistig und bedarf dazu der völligen körperlichen Ruhe . Einen Augenblick nur konnte die erste Wut einen Mann wie Leuthold zu einer Tätlichkeit gegen die verhaßte Urheberin seines Unglücks hinreißen , dann aber stellte sich das geistige Gleichgewicht wieder her und sein Elend wurde ihm zu einer harten Denkarbeit , über deren Bewältigung er wohl den Verstand verlieren konnte , von der er sich aber durch nichts ablenken lassen wollte . So saß er in tiefes Brüten versunken . Dann und wann fuhr ihm , wie ein Blitz durch die Wolken , ein Gedanke an Selbsthilfe durch den Kopf , aber er erlosch eben so schnell , wie er entstanden , und mit jedem Male ward es dunklere Nacht in seiner Seele . „ Die Opfer von zehn langen Jahren verloren ! “ murmelte er endlich mit gepreßter Stimme . „ Das Haar auf meinem Haupte ist verblichen vor der Zeit im schweren Dienst um dies eine Ziel , und nun es mir auf Armeslänge nahe gerückt ; versinkt mir ’ s vor den Augen ; wieder soll ich mich beugen unter das Joch der Notwendigkeit und mit einem Geist , der befähigt ist , die kostbarsten Schätze der Wissenschaft zu heben . — Brot verdienen ! — Die